Mai 2011 hastuINTERESSE Nr. 36 4

Nicht in der Schublade verstauben lassen

Wissenschaftliche Fachzeitschriften publizieren studentische Artikel nur selten. Das 360° Journal und das Soziologiemagazin geben wissenschaftlichen Arbeiten der Studierenden Raum zur Veröffentlichung.

360° – Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft

Die Geschichte von 360° beginnt im Jahr 2006 am fast schon legendär gewordenen Küchentisch einer Münsteraner WG. Bis tief in die Nacht wurde darüber diskutiert, dass es doch eine Möglichkeit für Studierende geben müsse, ihre Studienarbeiten nicht nur in der Schublade des Professors verstauben zu lassen, sondern sie zu veröffentlichen. Denn einige Studierende schreiben tolle Arbeiten, die außer ihren Dozenten niemand zu lesen bekommt.

Im Gegensatz zu gängigen Fachzeitschriften sollte 360° nicht nur auf einen Fachbereich beschränkt bleiben, sondern einen interdisziplinären Rundumblick auf ein jeweils anderes Thema geben – 360° eben.

Bei uns darf daher jeder Studierende, Doktorand oder noch frische Absolvent publizieren – die Fachrichtung ist, trotz des Claims »Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft«, nicht beschränkt. Leider trauen sich beispielsweise Naturwissenschaftler, Juristen, Wirtschaftswissenschaftler viel zu selten, Texte einzusenden. Einzig zum jeweiligen Thema der Ausschreibung müssen die Artikel passen.

Kreative Wissenschaft

Die Idee von 360° ist nach wie vor einmalig in Deutschland, obwohl es inzwischen mehrere ähnliche fachspezifische Initiativen gibt. Das hat dem Bekanntwerden des Heftes natürlich ungemein geholfen.

Unsere Mitarbeiter sind in der Regel zunächst selbst Leser von 360°, die sich dann für das Projekt engagieren möchten. Inzwischen haben wir feste Gruppen in Münster, Freiburg, Bochum, Marburg und Berlin, sowie mehrere einzelne Mitarbeiter. So studiert unser Textchef beispielsweise in Greifswald, die Chefredaktion ist in Berlin, die Layouter arbeiten von München aus. Manchmal sind wir aber selbst überrascht davon, wo unser Heft überall bekannt ist.

Unsere Redaktion hat den Anspruch, Wissenschaft so aufzubereiten, dass sie inhaltlich fundiert gedacht und fachlich korrekt aufgeschrieben, sprachlich aber spannend aufbereitet ist. Wissenschaft muss nicht dröge sein! Deshalb legen wir auch großen Wert auf die optische Gestaltung des Heftes.

Daher gibt es in jedem Heft eine Fotostrecke, die zum Thema passend fotografische Impulse gibt – auch diese schreiben wir öffentlich aus und bitten Studierende um ihre Bilder.

Wir bei 360° orientieren uns an den gängigen wissenschaftlichen Standards, wie sie an allen Universitäten und Forschungseinrichtungen gelten. Unser Anspruch ist, 100%ig zitierfähige Artikel zu publizieren; um diesen Qualitätsanspruch zu sichern, arbeiten unsere Lektoren (Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen) in einem intensiven, mehrwöchigen Prozess mit den Autoren an den Artikeln – wie bei professionellen Journalen auch. Im Anschluss lassen wir die Artikel von unserem wissenschaftlichen Beirat begutachten. Dafür suchen wir für jeden Artikel zwei wissenschaftliche Experten, die unabhängig voneinander den Artikel überprüfen. In der Regel nehmen wir acht bis zehn eingesendete Artikel ins Heft plus einige Artikel, wie ein Experteninterview und Buchrezensionen. »Stammkunden«-Autoren haben wir tatsächlich noch keine, allerdings wäre das auch kein Problem für uns: Für die Auswahl anonymisieren wir alle Artikel und besprechen in großer Redaktionsrunde, welche Artikel zum Thema passen und spannende Perspektiven bieten. Dabei ist kein Artikel von Anfang an perfekt – damit sie das werden, gibt es ja unsere Lektoren!

Unsere nächste Ausgabe mit dem Titel »1001 Orient« erscheint ebenfalls im Mai. Wer sich für den Nahen und Mittleren Osten interessiert, kann das Heft über unsere Website oder an verschiedenen Verkaufsständen finden. Mehr Infos dazu gibt es auch auf unserer Facebook-Seite und bei Twitter.

Das Studentische Soziologiemagazin

Für die Entstehung des Studentischen Soziologiemagazins gibt es zwei wichtige Momente, die miteinander zusammenhängen. Anfang 2006 haben einige Kommilitonen im Rahmen eines Soziologischen Abends der Institutsgruppe Soziologie über den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gesprochen. Diese stellt die mit Abstand größte Plattform zum wissenschaftlichen Austausch in der deutschsprachigen Soziologie dar. Unter den Studierenden kam dabei der Wunsch auf, eine solche Plattform in ähnlicher Form für Studierende zu organisieren, damit auch diese ihre wissenschaftlichen Konzepte und Ergebnisse mit anderen diskutieren können. So veranstalteten wir im Oktober 2007 den ersten Studentischen Soziologiekongress (SSK) hier in Halle. Mit einem Referenten des Kongresses entwickelte sich über den einen oder anderen E-Mail-Austausch der Wunsch, diese Idee in Form eines Fachjournals von Studierenden für Studierende zu etablieren. Auf dem Kongress wurde mit anderen Studierenden aus verschiedenen Städten der Verein soziologiemagazin e. V. gegründet. Die erste Ausgabe erschien dann nach einem Jahr Vorbereitung zu Beginn des Wintersemesters 2008 / 2009.

Sich am wissenschaftlichen Diskurs beteiligen

Studium ist bekanntlich mehr als die Vermittlung reinen Faktenwissens. Vielmehr geht es darum, Fähigkeiten zu entwickeln, wie sie nur in der Praxis selbst entstehen können. Für die Wissenschaft heißt das beispielsweise eigene Gedanken zu entwickeln, zu formulieren, zu prüfen und sie anschlussfähig zu kommunizieren. Haus- und Abschlussarbeiten sind da gute Trockenübungen, aber eben auch nicht mehr. Gleichzeitig gibt es immer wieder Momente, wo neue Ideen und Erkenntnisse entstehen, die zu schade sind, um bloße Übung zu bleiben. Genau da setzt das Soziologiemagazin an, indem wir eine Möglichkeit bieten, sich bereits frühzeitig am wissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen.

In einem zweistufigen Begutachtungsverfahren (Peer-Review) werden die Beiträge zum einen von uns als Redaktion als auch von einem Wissenschaftlichen Beirat, zu dem bedeutende Soziologen wie Reinhard Kreckel, Ulrich Bröckling und Brigitte Aulenbacher zu zählen sind, ausgewählt. Die Redaktion hat dafür einen Kriterienkatalog entwickelt. Unter anderem werden die soziologische Fragestellung, der Mehrwert der Ergebnisse und die verwendete Literaturbasis begutachtet. In der ersten Stufe beurteilt die Redaktion die eingereichten Beiträge, schreibt ausführliche Kommentare zu den einzelnen Punkten und diskutiert diese dann in teilweise sehr langen Onlinemeetings. Beiträge, bei denen wir uns nicht einig werden können, werden mit an den Wissenschaftlichen Beirat gesendet. Jeder Artikel wird dann von mindestens zwei bis drei Mitgliedern des Beirats begutachtet. Anhand der Beurteilungen entscheiden wir dann, welche Beiträge wir im Heft veröffentlichen wollen oder welche Beiträge vielleicht als Blogbeitrag besser geeignet sind.

Bei uns dürfen Studierende und Promovierende sowie Absolventen publizieren, deren Abschluss nicht länger als ein Jahr zurück liegt. Wichtig für die Annahme eines Artikels ist immer die soziologische Brille, durch die man gucken sollte. Wenn man also Studierender der Politikwissenschaften, Ethnologie oder anderer Sozial- und Geisteswissenschaften ist, kann man auch bei uns publizieren, wenn man eine soziologische Fragestellung verwendet.

Die aktuelle Ausgabe des Studentische Soziologiemagazins findet Ihr unter www.soziologiemagazin.de. In Kürze erscheint die neue Ausgabe unter dem Titel »FreiRäume«. Außerdem möchten wir Euch auf den kommenden, nunmehr dritten Studentischen Soziologiekongress vom 6. bis 8.11. in Berlin unter dem spannenden Titel »Komplexe Neue Welt« hinweisen.

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 14.05. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 18:03