Nov 2011 hastuPAUSE Nr. 38 1

Neues von der Schauburg

In diesem Sommer fanden die ersten Veranstaltungen in der Schauburg statt. Doch nun wird dem Verein gekündigt, der seit einem Jahr versucht, das Objekt zu sanieren.

Das „Quotentrio» schmettert gerade herzzerreißende Chansons der 20er bis 40er, als der große Sommersturm beginnt. Die Zuhörer, die bis dahin auf der gemütlichen Terrasse sitzen, flüchten in das Gebäude. Teile der Dachpappe fliegen über den Hof und beschädigen das Terrassendach. Die Veranstalter laufen umher und versuchen die Technik zu retten. Nun löst sich die Verankerung, das komplette Dach schleift über die Terrasse. Die Besucher interessiert derweil nur, woher der nächste Prosecco kommt. Während das Barpersonal versucht die letzten Gläser vor dem Sturm zu retten, gießen sich die Gäste selbst ein. Der Strom fällt aus und eine alte Dame holt verschmitzt eine Taschenlampe aus ihrer großen Tasche. Später gibt es Gratiskuchen und noch mehr Prosecco. Danach muss die Schauburg für ein, zwei Wochen schließen, das Dach reparieren und Sicherungsarbeiten durchführen lassen. Wie vom Pech verfolgt, bricht bei der kommenden Veranstaltung wieder ein Sturm los, diesmal bleibt das Dach heil. Doch auch bei Windstille macht der Gebäudekomplex einen baufälligen Eindruck, vom einstigen Glanz ist kaum noch etwas zu erahnen.
Die Schauburg galt als eines der schönsten und größten Kinos der Weimarer Republik. Heute ist es eines der zwei letzten originalen Häuser der Großen Steinstraße. Seit letztem Jahr versucht der »Verein zur Förderung der freien Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt e. V.« den vergangenen Glanz des zerfallenen Gebäudes wieder zu beleben.

Mit marodem Charme

Die Schauburg soll zum größten freien Theater Sachsen-Anhalts werden sowie Ateliers, Künstlerwohnungen und eine Galerie beherbergen. Ein imposantes Vorhaben. Bereits im Februar hatte hastuzeit dem Objekt einen Besuch abgestattet, doch noch immer steckt der Verein in der Sanierungsphase, und große Teile des Hauses sind aus Sicherheitsgründen nicht begehbar. So wurde der Innenhof für die ersten Veranstaltungen hergerichtet, und in der Schauburg ertönte nach langer Zeit wieder lobender Applaus. »Zum Tag des offenen Denkmals wurden wir regelrecht überrannt«, freut sich der Vereinsvorsitzende des Vereins Nico Käfer. Viele ältere Besucher fühlten sich bei der Führung durch die historischen Gebäude an glanzvolle Zeiten erinnert. »Der marode Charme des Gebäudes kam sogar ganz gut an«, meint Nico Käfer. Daneben gab es aber auch relativ leere Veranstaltungen. Trotz einiger Höhepunkte kamen gerade 3000 der geplanten 5000 Besucher. Finanziell sei es nicht zufriedenstellend gewesen, »aber nun haben wir es endlich geschafft, von der Politik und der Wirtschaft ernstgenommen zu werden«, so Käfer. Der Verein konnte sich in den letzten Wochen über zahlreiche Förder- und Sponsoringangebote freuen. Und nach einem Jahr ist nun auch der Wille bei der Stadt Halle erzeugt, das Projekt voranzutreiben. Die Stadtwirtschaft hat angeboten, den Bauschutt kostenlos zu entsorgen. Es habe sich sogar ein Unternehmen gefunden, das das brüchige Dach reparieren will. Gerade im Hinblick auf den bevorstehenden Winter ist das eines der wichtigsten Anliegen. Der Dachstuhl würde im jetzigen Zustand »nicht überleben, und das Objekt wäre ruiniert«, meint Nico.

Schauburg – auch ohne den Verein

Das Haus birgt viele Schätze. Bei den Sanierungsarbeiten wurde ein Gewehr aus dem ersten Weltkrieg gefunden, auch der Originalfußboden aus dem frühen 17. Jahrhundert ist zum Teil noch erhalten. In versteckten Ecken finden sich Basalt und Granit, Bodenmarmorplatten führen zu den Hauseingängen. Vieles findet sich unter Beton, Dreck und DDR-Holzspanplatten. Eindrucksvolle Funde und dank des beinahe erfolgreichen Eröffnungsprogramms in naher Zukunft ein repariertes Dach – das klingt nach Schönwetterlage. Doch gerade jetzt, als der Verein eigentlich schon das Weihnachtsprogramm planen wollte, kündigt der Eigentümer fristlos. »Wir sind sehr traurig darüber, dass wir gezwungen sind, dem Verein zu kündigen«, so Petra Bredehorn-Mayr. Die Eigentümerin hat gehofft, dass sich die finanzielle Lage des Vereins durch das Sommerprogramm verbessert, aber die kalkulierten Besucherzahlen blieben aus. »Nun sind wir an einen Punkt gekommen, wo wir dieses Konzept nicht mehr subventionieren können.« Als sich der Verein zur Förderung der freien Kulturlandschaft letztes Jahr um das Objekt bewarb, war die Eigentümerin froh, dass er sich um die Erhaltung der Schauburg kümmern und die kulturelle Stätte wieder beleben will. Sie habe immer wieder versucht, den Verein zu unterstützen. »Wir haben erst viel später gemerkt, dass sich der Verein bei der wirtschaftlichen Arbeit überhoben hat, das wurde uns erst sehr spät signalisiert«, erklärt der zuständige Bauleiter Jürgen Dieter Wiegel. Die Schlüssel des Wohnhauses, in dem später einmal die Künstlergarderobe untergebracht werden sollte, musste der Verein bereits abgegeben. Ein Auszug kommt für Nico Käfer eigentlich nicht in Frage, der befürchtet, dass das Projekt Schauburg dann nicht mehr realisiert werden kann. »Wir würden den Eigentümern bei der Bewältigung des Objektes gern weiterhin mit unseren Kompetenzen unter die Arme greifen«, so Nico Käfer. Der Vorstandsvorsitzende wird den Eigentümern ein neues bzw. weniger umfangreiches Konzept vorlegen und hofft, dass dadurch ein neuer Pachtvertrag zu Stande kommt. Beide Parteien verfolgen das gleiche Ziel, nämlich der Schauburg wieder den alten Reiz zu verleihen oder sie zumindest erst einmal begehbar zu machen. Aber es gibt auch ohne Verein eine Perspektive für die Schauburg. »Wir hatten damals ein Konzept ausgearbeitet, bevor der Verein an uns herangetreten ist. Dies sollte eine Variante von wohnwirtschaftlichem Nutzen und der Wiederbelebung einer kulturellen Stätte sein«, so Wiegel. Die alten Pläne werden wieder aufgenommen. Das Objekt wird nun grundsaniert, und später können sich Interessenten, die eine künstlerische Plattform suchen, einmieten. Künstler, Vereine, Galerien sollen sich zeitweilig oder dauerhaft darin aufhalten, »sich künstlerisch einbringen und Gedanken entfalten können«, so Bredehorn-Mayr. Auch der Verein zur Förderung der freien Kulturlandschaft könne sich dann gern um Räume bewerben. Die Schauburg soll sich dann von ihrer besten Seite zeigen. Wann das aber genau sein wird, ist unklar. »Wir sind noch in der Planungsphase«, aber die Eigentümerin glaubt, dass nächstes Jahr die ersten Mieter einziehen können. »Vorerst gilt es aber das Objekt sturm- und winterfest zu machen«, so Bauleiter Wiegel.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 17.11. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:30