Dez 2011 hastuINTERESSE Nr. 39 0

Netzwerke unter Tieren

Ameisen und Wale, unterschiedlicher können zwei Tierarten kaum sein. Und doch haben sie eine wichtige Gemeinsamkeit: ihr Leben in sozialer Gemeinschaft.

In einer Ameisenkolonie leben mehr als eine halbe Million Ameisen. Alle haben Anteil an der Entscheidungsfindung, und zusammengenommen bildet sich eine kollektive »Intelligenz«, so dass Ameisen trotz ihrer geringen Größe schwer zu besiegen sind.

Diese Insekten kommunizieren hauptsächlich über chemische Signale, die über Drüsen ausgestoßen und über die Antennen dann wiederum »gelesen« werden. Die kleinen Tiere gibt es überall auf der Welt, und immer sind sie an ihre Umgebung perfekt angepasst. Blattschneiderameisen leben vom »Ackerbau« und züchten Pilze, in Australien sammeln Honigtopfameisen den Nektar von Blumen und speichern ihn in ihren Körpern, um die Trockenzeit zu überleben. In der Wüste orientieren sich die Ameisen an den Schwingungsrichtungen des polarisierten Himmelslichts, um in ihr Nest zurückzufinden. Waldameisen nehmen gemeinsame Sonnenbäder, anschließend krabbeln sie in den Bau zurück und schaffen mit den erhitzten Körpern die richtige Temperatur für die Larven.

Aufgabenverteilung in einer Kolonie

Alle Ameisenarten sind gekennzeichnet durch ihre soziale Gemeinschaft. Ihre Stärken sind die Zusammenarbeit und genaue Aufgabenteilung. In einer Kolonie gibt es verschiedene Arbeitstrupps. So übernehmen bei den Waldameisen einige Arbeiterinnen die Beutejagd. Alles, was sie fangen, wird zum Nest zurückgebracht und von anderen Arbeiterinnen zerlegt und verschluckt. Diese Ameisen speichern die aufgenommene Nahrung im Vormagen und geben sie je nach Bedarf über einen »Kuss« an ihre Kolleginnen weiter. Man kann also von einem »sozialen Magen« sprechen.

Andere Ameisen, sogenannte Brutpflegerinnen, versorgen die Eier und Larven. Nur einmal im Jahr schlüpfen aus den Eiern geflügelte und geschlechtsreife Ameisen. Diese Männchen und fruchtbaren Weibchen kommen mit Flügeln zur Welt und sorgen für die überregionale Verbreitung der Art. Nach dem Hochzeitsflug mit der Jungkönigin sterben die Männchen meist. Wenn die Königin überlebt, liegt es an ihr, einen neuen Staat zu bevölkern.

Der richtige Geruch ist entscheidend

Ameisen erkennen einander über den Duft. Einige Tiere machen sich diese Eigenart der Ameisen zunutze. So haben bestimmte Arten der Springspinne die Fähigkeit entwickelt, ihren Geruch an den der Weberameisen anzupassen. Sie können deswegen ungestört die Larven der Ameisen oder auch die Ameisen selbst verspeisen, ohne mit einem Gegenangriff rechnen zu müssen. Denn die Insekten würden der eigenen Kolonie nie schaden und »denken« bis zum Schluss, dass ihre große Schwester ihnen nichts tun wird.

Schutzgeld

Es wurde schon oft beobachtet, dass Ameisen mit Schmetterlingsraupen zusammenleben. Die Ameisen schützen die Raupen vor anderen Tieren, wie Spinnen, und melken dafür deren zuckerhaltiges Sekret. Aber nicht nur das hält die Ameisen bei den Schmetterlingsraupen: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Raupen Töne erzeugen, die für die Ameisen wie ein Singen klingen und sie an die Raupen binden.

Ameisen sind entgegen vieler Vermutungen nicht hierarchisch organisiert. Der Titel »Ameisenkönigin« ist irreführend, denn die anderen Ameisen sind nicht ihre Untertanen. Sie ist lediglich das einzige Mitglied einer Kolonie, das Eier legen kann. Übrigens kann eine Kolonie auch mehrere Königinnen haben.

Warum Wale zur Schule gehen

Der Schwertwal, eher bekannt als Orca oder Killerwal, ist in vielen Ozeanen anzutreffen. Der bis zu sechs Tonnen schwere und zehn Meter lange Wal lebt in kleinen Familienverbänden, sogenannten Matrilinien oder Walschulen. Das Wissen in jedem Verband wird von der Mutter an die Kinder weitergeben. Die Jungtiere müssen sowohl die Sprache des Verbands als auch die Jagdtechnik erlernen. In den verschiedenen Gebieten jagen die großen Räuber unterschiedlich und haben sich meist auf ein Beutetier spezialisiert. Viel Training und verschiedene Unterrichtseinheiten braucht es, bis ein Wal die Technik seines Verbands perfekt beherrscht.

Kommunikation

Die Sprache der Wale setzt sich aus mehr als 20 verschiedenen Lauten zusammen. Jeder Verband hat charakteristische Rufe, mit denen sich die Tiere über Entfernungen von 15 Kilometern erkennen und verständigen können. Nahe beieinander lebende Verbände haben häufig eine ähnliche Sprache mit leicht abweichenden Dialekten. Wale mit stark unterschiedlichem Rufrepertoire gehen sich meist aus dem Weg. Die Familien unterscheiden sich nicht nur durch die Klänge, sondern auch durch den Sprachgebrauch. So sind einige Schwertwalarten sehr viel gesprächiger als andere.
Die Kommunikation ist für die Meeressäuger wichtig für die Zusammenarbeit bei der Jagd. Einige Orcas in Norwegen haben sich beispielsweise auf die Heringsjagd spezialisiert. Gemeinsam kreisen sie einen Schwarm ein und drehen sich dabei immer so um die eigene Achse, dass sie die Heringe mit der weißen Unterseite ihres Bauches irritieren. Sie treiben den Schwarm an die Oberfläche und betäuben die Fische dann mit gewaltigen Schlägen ihrer Schwanzflossen.

Spezielle Jagdtechniken

In der Antarktis lebende Wale trainieren ihre Schwanzflossen, indem sie Robben durch die Luft schleudern. Das grausam anmutende Schauspiel dient den jungen Walen als Unterrichtseinheit. Die hier lebenden Wale nutzen eine sehr gefährliche Technik, um Robben zu erbeuten. Sie lassen sich von der Flut in die Brandung treiben und schnappen ihre Beute an Land. Diese Technik lernen die Wale erst nach einigen Jahren, denn wenn sie dabei stranden, ist das ihr Todesurteil.
Einige Male konnte von Forschern eine ganz besondere Jagdtechnik beobachtet werden. Dabei treiben die Schwertwale eine Robbe, die auf einer Eisscholle Schutz sucht, weiter in den Ozean hinaus. Sie ordnen sich in einer Reihe an und tauchen auf Kommando unter, so dass eine Welle entsteht, die das Beutetier von der Eisscholle ins Wasser schubst. Erst einmal im tiefen Wasser, hat die Robbe keine Chance gegen die großen Jäger.

Die Wale passen ihre Technik im Laufe der Zeit den Umständen an. Im Mittelmeer lebende Schwertwale haben sich angewöhnt, Fischerbooten zu folgen und sich von ihnen zu den Fischschwärmen führen zu lassen. Werfen die Fischer ihre Angeln aus, um den begehrten Blauthunfisch zu fangen, warten die Wale schon, und sobald ein Fisch am Haken ist, verspeisen sie ihn in aller Ruhe. Wenn der Angler seinen Fang dann aus dem Wasser holt, ist meist nicht mehr viel davon übrig.

Beide Tierarten, die großen Wale und die winzigen Ameisen, beziehen ihre Stärke aus den Netzwerken, die sie zusammenhalten. Sie können miteinander kommunizieren, Wissen sammeln und an die nachfolgende Generation weitergeben, um sich immer weiterzuentwickeln.

Über Ronja Schlemme

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Erstellt: 23.12. 2011 | Bearbeitet: 17.04. 2012 21:15