Mai 2011 hastuINTERESSE Nr. 36 0

Mehr Sport als Wissenschaft?

Im Mai finden sich Sportbegabte in Halle ein, um beim Geräteturnen, Leichtathletik und Schwimmen ihre Eignung für das Sportstudium unter Beweis zu stellen. Außenstehende fragen sich in Anbetracht des Einstellungstests, wo die wissenschaftlichen Anforderungen im Sportstudium liegen.

Sportliche Aktivitäten haben an den deutschen Hochschulen eine lange Tradition. In Folge der Janschen Turnbewegung in den 1920er Jahren wurde Hochschulsport zum festen Bestandteil an den Universitäten und ist heute in den meisten Bundesländern gesetzlich verankert und freiwillig. Während der 1970er Jahre bildet sich Sport als gesellschaftliches Massenphänomen zur Gesundheitsförderung und Freizeitgestaltung heraus.

Um auf die steigende Nachfrage zu antworten, professionalisierten sich Sportorganisationen zunehmend und verlangten daher wissenschaftliche Ratschläge und Ergebnisse. Im Zuge dieser Entwicklung etablierte sich Sport als fachliche Disziplin an den Universitäten, jedoch nicht in den Köpfen der Gesellschaft.

»Viele Leute sind heute noch immer der Ansicht, dass sich Sport und Wissenschaft ausschließen«, erklärt Privatdozent Dr. habil. René Schwesig. Er ist seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department Sportwissenschaft der Martin – Luther – Universität Halle- Wittenberg im Lehrgebiet Sportmotorik und Biomechanik. Er selbst konnte 2004 miterleben, wie die Sportwissenschaft um Anerkennung und sogar ihr Bestehen ringen musste. Aufgrund einer der MLU auferlegten Sparauflage kam der Vorschlag, das Institut für Sportwissenschaft zu schließen. »Wahrscheinlich, weil man Sportwissenschaft als am wenigsten sinnvoll, beziehungsweise wissenschaftlich empfand«, meint Schwesig. Ob Sport tatsächlich weniger wissenschaftlich als andere Studiengänge sei, könne er nicht genau einschätzen. »Der wissenschaftliche Anspruch ist aber auf jeden Fall da, denn jede körperliche Bewegung nutzt die Biologie und die Physik, speziell die Mechanik. Und um beispielsweise Sporttechniken oder das Gangbild zu verbessern, muss man ein genaues Verständnis der physiologischen Vorgänge des Körpers und der Krafterzeugung der Muskeln haben.«

Sportstudenten haben während ihres Studiums Kurse wie Schwimmen, Ski oder Rudern. Zudem ist an jeden praktischen Sportteil auch ein Theorieteil geknüpft. »Natürlich ist es wichtig, dass unsere Studenten sportbegabt sind, schließlich muss man einen Trainingsprozess durchlaufen haben, um ihn zu verstehen und um diesen anschließend analysieren zu können.« erklärt Schwesig.

Außerdem gibt es Seminare zum Thema Sportmedizin, Biomechanik und Bewegung und Motorik, in denen die Studenten mit Messsystemen für beispielsweise die Ganganalyse arbeiten, verschiedene Tests durchführen, Statistiken anfertigen und Vergleichbarkeit herstellen. »Vor allem für die Medizin, speziell den Bereich der Rehabilitation, sind diese Analysen von Bedeutung. Mediziner selbst haben teilweise gar keine Zeit, solche Studien durchzuführen. So beschäftigen wir uns in der Sportwissenschaft automatisch auch mit verschiedenen Krankheitsbildern wie Osteoporose und Parkinson. Die Grenzen zwischen Sportwissenschaft und Medizin sind sehr durchlässig.«

Die kommenden Bewerber um ein Sportstudium sollten sich also bewusst sein, dass sie bei der Eignungsprüfung zwar flinke Beine und starke Muskeln brauchen, aber im Studium selbst auch Köpfchen gefragt ist.

Illustration: Susanne Wohlfahrt

Über Sabine Paschke

, , ,

Erstellt: 13.05. 2011 | Bearbeitet: 12.05. 2011 20:34