Nov 2011 hastuINTERESSE Nr. 38 0

Mehr internationales Flair

Als ausländischer Student kann man sich an der neuen Uni im fremden Land leicht überfordert fühlen. hastuzeit zeigt, wie man den Durchblick behält.

© Vlad Gerasimov

Gerade einmal jeder zehnte Student an der Uni Halle kommt aus dem Ausland. Das ist sogar im sachsen-anhaltischen Vergleich ziemlich wenig. Die Hochschule Anhalt konnte im letzten Wintersemester prozentual mehr als doppelt so viele ausländische Studierende begrüßen. In Halle soll sich etwas ändern. »Bedenken wir die demografische Entwicklung, können wir im Jahr 2030 mit circa 20 bis 30 Prozent weniger Studierenden deutscher Nationalität rechnen«, meint der Auslandsbeauftragte der MLU, Prof. Dr. Jörg Kreßler.Gerade aus diesem Grund würde er sich mehr internationales Flair in Halle wünschen. Als Senatsmitglied hat er an der Internationalisierungsstrategie der MLU mitgearbeitet, die dieses Jahr in Kraft getreten ist. Darin heißt es, dass eine »Erhöhung des Anteils ausländischer Studierender an der Studierendenschaft« angestrebt wird. Die Kooperationen mit ausländischen Universitäten sollen intensiviert und erweitert, weitere internationale Studiengänge sowie studienvorbereitende Angebote entwickelt werden. Als Auslandsbeauftragter kümmert sich Kreßler um ausländische Mitarbeiter und Studenten und vermittelt zum Beispiel bei Rechtsstreitigkeiten oder in Fällen, bei denen sich jemand benachteiligt fühlt. Vor kurzem wurde einer Mitarbeiterin wegen fehlender fachlicher Kenntnisse gekündigt, die glaubte, aufgrund ihrer Nationalität benachteiligt zu werden. »Es stellte sich aber heraus, dass die Kündigung wirklich aus fachlichen Gründen ausgesprochen wurde«, so der Professor.

Der Buddy als erster Ansprechpartner

Manche Probleme entstehen auch einfach durch die verschiedenen kulturellen Hintergründe. Zum Beispiel kann man in Indien nicht exmatrikuliert werden, wenn man dreimal durchgefallen ist. »Dann steht eben eine fünf im Zeugnis, aber man kann nicht scheitern, denn das gilt als Gesichtsverlust«. Kreßler fungiert oft als Gesprächsvermittler und versucht, die unterschiedlichen kulturellen Sichtweisen zusammenzubringen. Um die vielen verschiedenen Eindrücke schon ab dem Ankunftstag ordnen zu können, bietet das International Office bereits zum zweiten Mal die ASQ Betreuung internationaler Studierender an. Teilnehmer erhalten einen ASQ-Schein, wenn sie mindestens einen »Incomer« bei den ersten Schritten in Deutschland begleiten. Die Erasmus-Studenten werden zum Beispiel von ihren Buddys vom Zug oder Flughafen abgeholt oder erhalten Hilfe bei der Kontoeröffnung. Der Buddy ist für die ausländischen Studierenden erster Ansprechpartner und Orientierungspunkt. Durch das Programm soll das Erasmus-Büro entlastet und die qualitative Betreuung des Einzelnen verbessert werden. »Die Resonanz letztes Jahr war sehr gut und hat unsere Erwartungen übertroffen«, so Anna Emelyanova, die als Koordinatorin für internationale Austauschprogramme über Incomer und Buddys wacht. Auch dieses Semester werden ausländische Studierende von Ansässigen betreut, ein paar Verbesserungsvorschläge wurden dabei umgesetzt. Statt einer Eins-zu-eins-Betreuung wie im letzten Jahr kümmern sich nun 29 Buddys um 57 Incomer. »Wir haben uns dafür entschieden, dass ein Buddy zwei Incomer betreut, da dies besser zu koordinieren ist«, meint Anna Emelyanova und findet, dass der Einführungsworkshop dadurch auch viel dynamischer geworden ist. Den besucht jeder Buddy vor Semesterbeginn. Dort werden Aufgaben erklärt und gemeinsam Ideen entwickelt. Um die ASQ-Punkte auch zu erhalten, muss ein Buddy mindestens das Standardprogramm erfüllen und seinen Schützlingen etwa die Umgebung zeigen oder anfangs etwas dolmetschen. »Alles was darüber hinaus geht, ist freiwillig und obliegt der gegenseitigen Sympathie«, so Emelyanova. Letztes Jahr haben sich ein paar Freundschaften entwickelt, die auch über die Landesgrenzen hielten. Im kommenden Jahr soll das Buddy-Programm erweitert werden und dann nicht mehr nur Erasmus-Studenten, sondern allen international Studierenden offen stehen.

Verbesserungen vorantreiben

Die Tutoren, die ebenfalls vom International Office organisiert werden, verwirklichen das bereits und organisieren zum Beispiel den wöchentlichen internationalen Stammtisch. Als dritte Säule steht daneben die Lokale Erasmusinitiative (LEI), bei der sich auch ein paar Buddys engagieren. Auch hier werden Veranstaltungen und Exkursionen geplant, um Erasmus-Studierende besser integrieren zu können. Für die Zukunft wünscht sich Anna Emelyanova, dass sich die »Vernetzung der Buddys, Tutoren und LEI besser gestaltet«. Kleine Schritte wurden schon gemacht, so waren LEI-Mitglieder und Tutoren dieses Mal beim Buddy-Workshop anwesend. Weiterhin entsteht derzeit online ein Forum, in dem sich Buddys später austauschen können. Als Tutor kann man sich aber auch im Studentenwerk engagieren. Hier kümmern sich zehn Helfer an den Standorten Halle, Köthen, Bernburg, Dessau und Merseburg um 1400 Studenten. Bei solchen Entfernungen ist es wichtig, dass sich die Tutoren regelmäßig in Arbeitskreisen treffen, um sich auszutauschen. Obwohl sich ein Tutor um 80 bis 140 Studenten kümmert, wird eine persönliche Betreuung angestrebt. So »nehmen sie schon vor der Ankunft via Internet Kontakt zu den neuen ausländischen Wohnheimlern auf«, erklärt Gundula Krelle, Bereichsleiterin für Studentisches Wohnen vom Studentenwerk. Am ersten Tag im Wohnheim erhält jeder eine Empfangsmappe mit den wichtigsten Informationen, Terminen und Ansprechpartnern sowie ein Semesterprogramm, in dem man etwa nachlesen kann, wo die nächste Feier stattfindet. Die Tutoren helfen bei Sprachschwierigkeiten, beantworten Fragen zu Krankenkasse und Versicherung oder vermitteln auch schon mal bei Rechtsstreitigkeiten. Eigentlich sind sie rund um die Uhr erreichbar, denn sie wohnen ebenfalls im Wohnheim. Die Bezahlung gestaltet sich in Form einer Mietminderung. »Man sollte sich in der Stadt schon etwas auskennen und auch noch eine Weile hier studieren. Wir haben Tutoren, die schon seit fünf Jahren dabei sind, sich dann auch mit ihrer Arbeit identifizieren können und uns helfen, das Programm zusammen weiter zu entwickeln«, so Gundula Krelle weiter. Darum geht es: Schwierigkeiten zu erkennen und Verbesserungen voranzutreiben. Das erfordert viele Gespräche und auch viele kleine Veränderungen, wie die Bereitstellung englischsprachiger Arbeitsunterlagen und Skripte. Jörg Kreßler wünscht sich zum Beispiel, dass »der Internetauftritt der Uni und der Stadt sprachlich angepasst wird«, damit sich Interessenten ausführlich informieren können. Baustellen gibt es noch viele. Zurzeit scheitert man als Neuankömmling bereits am Immatrikulationsamt, denn »dort gibt es niemanden, der ausreichend Englisch spricht«, stellt der Auslandsbeauftragte fest.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 15.11. 2011 | Bearbeitet: 28.02. 2012 17:21