Nov 2011 hastuINTERESSE Nr. 38 0

Küssen, Tanzen, Demonstrieren

Seit Monaten gehen Chiles Studenten im Kampf um freie Bildung auf die Straße.

© Francisco Osorio

Studiengebühren von bis zu 600 Euro monatlich an der Mehrzahl der privaten Hochschulen. Das sind 7200 Euro pro Ausbildungsjahr – ein schlechter Scherz? In Chile Realität. Da dies nur die Minderheit der Studenten selbst aufbringen kann, lassen sich staatliche Darlehen oder Bankkredite mit hohen Zinsen kaum umgehen. Im Schnitt starten Studenten mit 45000 Euro Schulden ins Berufsleben. Eine enorme Belastung, der nicht jeder gewachsen ist.

Karl Boehmwald kommt aus der Nähe von Santiago de Chile und studiert seit 2009 in Halle Politikwissenschaften und Soziologie. »Ich habe selbst ein Jahr an einer staatlichen Universität in Chile Soziologie studiert und musste trotzdem noch 140 Euro im Monat bezahlen.« Wer es sich leisten kann, versucht, einen Platz an einer privaten Hochschule zu bekommen. »Die meisten wollen nicht an staatliche Unis, weil sie schlecht ausgestattet sind, materiell wie personell. Die Ausbildung hat keine Qualität«, erklärt Karl.

Das wollen die jungen Leute in Chile sich nicht länger bieten lassen. Sie gehen seit Mitte Mai auf die Straße um eine grundlegende Reformierung des Bildungssystems einzufordern. Der universitäre Betrieb steht in weiten Teilen des Landes seither quasi still. Wenn Fakultäten besetzt werden oder Protestmärsche stattfinden, herrscht in den Hörsälen gähnende Leere. Neben den großen Demonstrationen machen die Studenten immer wieder mit kreativen Aktionen auf sich aufmerksam. So wurde beispielsweise vor dem Präsidentenpalast »Thriller« von Michael Jackson aufgeführt. Mehr als 2000 junge Menschen tanzten auf den Straßen, um Aufmerksamkeit zu erregen, oder veranstalteten Wasserschlachten und Fahrradtouren um den Präsidentenpalast. Einmal organisierten sie einen »Küssmarathon«. Stundenlang sah man am 6. Juli 2011 auf der Plaza de Armas in Santiago engumschlungene Pärchen. »Damit versuchen sie positive Beachtung in den Medien zu erlangen, was ihnen teilweise auch gelingt«, erläutert Karl.

Die Cacerolazos ertönen wieder – erstmals seit mehr als 20 Jahren

© Pablo Villaroel

Karl war in diesen Semesterferien selbst bei einigen Demonstrationen dabei. »Es ist unglaublich. Ich habe schon öfter demonstriert, doch noch nie haben unsere Aktionen solche Dimensionen angenommen.« Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die allabendlichen Cacerolazos. »Die Bewohner Santiagos, Menschen aller Schichten, öffnen ihre Fenster und schlagen wie wild auf Kochtöpfe und Pfannen. Das ergibt einen Höllenlärm«, erklärt er begeistert. Damit bekunden die Bürger ihre Solidarität mit den protestierenden Studenten. Die Cacerolazos haben in Chile eine lange Tradition. Sie dienten schon als Protestform gegen die Militärdiktatur Pinochets vor über 20 Jahren. Fast symbolträchtig erscheint es, wenn man bedenkt, dass die Wurzel allen Übels, der Grund für die heutigen Studienbedingungen, in der Zeit seiner Gewaltherrschaft liegt. Augusto Pinochet bekämpfte Oppositionelle und Andersdenkende mit unglaublicher Härte. Er leitete, auf Rat der Chicago Boys, eine radikale wirtschaftsliberale Wende ein. Die US-Ökonomen studierten an der University of Chicago bei der liberalen Wirtschaftsikone Milton Friedman. Die konsequent durchgesetzten neoliberalen Reformen machten auch vor dem Bildungssystem nicht halt. 1981 wurde schließlich die kostenlose Hochschulbildung gänzlich abgeschafft. Die Kosten für das Bildungswesen haben seitdem die Kommunen selbst zu tragen. Ist eine Kommune reich, ist die Qualität der Ausbildung gut, ist sie es nicht, ist es die Bildung auch nicht. Private Bildungsträger boomen. Wer das meiste Geld hat, kann seine Kinder auf die besten Schulen schicken. Enorme soziale Ungleichheit: in Chile an der Tagesordnung. Die öffentlichen Kassen geben laut einer Studie der OECD jährlich gerade einmal 838 Dollar pro Student aus. Der durchschnittliche Betrag in den OECD-Ländern ist jedoch zehnmal so hoch.

Der Druck auf die Regierung steigt

Die Mitte-Links-Regierungen nach dem Fall Pinochets haben daran nichts geändert. »Es wird zehnmal mehr Geld für das Militär aufgewendet als für das Schulwesen«, beschwert sich Karl. Er selbst informiert sich hauptsächlich mit argentinischen Online-Zeitungen. »Diese berichten objektiver als die chilenischen«, sagt er. »Die Protestmärsche verlaufen an sich friedlich, aber natürlich gibt es eben auch immer Radikale, die aus ideologischen Gründen oder einfach nur aus Spaß mit Steinen um sich werfen. Dann kommt die Polizei, und die meisten Leute gehen nach Hause. Nur die Randalierer liefern sich Straßenschlachten mit Polizisten.« Solche Szenen seien für die örtlichen regierungstreuen Medien ein gefundenes Fressen, um die Demonstranten in ein schlechtes Licht zu rücken.

Chile wird derzeit, erstmals seit der Diktatur, von einer Mitte-Rechts-Regierung, unter der Präsidentschaft Sebastián Piñeras, geleitet. Dessen Umfragewerte liegen nun bei einem Rekordtief von 27 Prozent. Um an der Macht zu bleiben, wechselte er bereits den Bildungsminister. Zusammen legten sie zwei Reformvorschläge vor. Die Konföderation der Studenten Chiles, kurz Confech, lehnte beide ab. Sie würden Mängel nur retouchieren. Die 23-jährige Vorsitzende Camilla Vallejo, Mitglied der kommunistischen Partei, fordert grundlegende Reformen. Eine Umgestaltung des Steuersystems sei die einzig mögliche Lösung. Das denkt auch Karl. Doch er selbst betrachtet die Chancen dafür mit einem realistischen Blick.

»Ich denke nicht, dass es den Studenten kurzfristig gelingen wird, dieses Ziel zu erreichen«. Ein Chile ohne Privatschulen kann er sich nicht vorstellen. »Was wir allerdings erreicht haben, ist Bildungspolitik zu einem bedeutenden Thema gemacht zu haben. Die Problematik wird nicht mehr nur unter Studenten diskutiert, sondern ist in den Köpfen aller Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten angekommen.« Dies zeigt sich daran, dass mehr und mehr Familien, Arbeiter und Lehrer an den Demos teilnehmen. »Mütter setzen sich kämpferisch für die Chancen ihrer Kinder ein und versuchen die Protestmärsche gewaltfrei zu halten«, berichtet Karl. »Ich bin mir sehr sicher, dass es das dominierende Thema bei den nächsten Wahlen 2013 sein wird.« Aller Voraussicht nach wird Piñera diese nicht überstehen. Jedoch gebe es keine ernstzunehmenden politischen Alternativen, da auch die Opposition keine für die Confech akzeptablen Lösungsvorschläge anbiete.

Über Katharina Deparade

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Erstellt: 14.11. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:51