Nov 2011 hastuPAUSE Nr. 38 0

Kulturgeschichte in grün

Ein kleines Tier wird immer wieder neu entdeckt. Bernd Hüppauf erzählt von der wechselvollen Beziehung zwischen Mensch und Frosch.

Wie kommt ein Emeritus für Deutsche Literatur und Literaturtheorie der New York University dazu, sich ausgerechnet mit dem Frosch zu beschäftigen? Bernd Hüppauf erinnert sich an einen längst zugeschütteten Teich aus Kindertagen, an den Frosch in der Hand und »mit Widerstreben« an den Frosch im Sezierbecken.

So abseitig es auf den ersten Blick erscheint: In früheren Zeiten nahmen Frösche und Kröten einen wichtigen Platz in Kunst und Literatur, Religion und Wissenschaft ein, obgleich sie dem Menschen kaum von erkennbarem Nutzen und seiner Gestalt nicht eben ähnlich sind.
Den Mittelpunkt der Monographie bilden Kapitel, die jeweils aus kulturgeschichtlicher Perspektive den Mythos Frosch in Theologie und Magie, den Frosch als Subjekt und Objekt der Literatur und das Mensch-Frosch-Verhältnis in der Wissenschaft untersuchen. Als kulturelle Ausnahmeerscheinung beschreibt Hüppauf den abendländischen Raum: Hier hatte die Kirche, in Ablehnung vorchristlicher Mythen, Frosch und Kröte als böse, unmoralisch und giftig abqualifiziert. Die unkontrollierte Sexualität der Amphibien wurde als besonders abstoßend empfunden. Viele außereuropäische Kulturen bewerteten diese Fruchtbarkeit dagegen positiv: Frösche gelten in Ostasien und Afrika als Symbol für Glück und Reichtum.

Mit zahlreichen Beispielen illustriert Hüppauf seine Geschichte vom Wandel des Froschbilds; ausgerechnet das Kapitel zur Literatur fällt dabei etwas dünner aus, und die Belege lassen teils zu wünschen übrig. Goethes Abhandlung und Gedicht zur Metamorphose der Pflanzen dient ihm als Nachweis für eine »Engführung von Naturwissenschaft und ästhetischem Bildungsprogramm«, in dem besonders die »bösen und hässlichen Tiere der theologischen und magischen Tradition« keinen Platz haben. Das vermag nicht recht zu überzeugen, zumal Goethe im Kapitel zur Wissenschaft erneut erwähnt wird und dort Frösche unter dem Mikroskop betrachtet. Und wenn Hüppauf konstatiert, dass die Hauptfigur in Günter Grass‘ Blechtrommel einem Frosch ähnle, dass gar der Roman selbst »zu einem Frosch wird, ohne dass er [Grass] es bemerkte«, werden ihm wohl nicht alle Leser folgen wollen.

Als die Aufklärung Religion und Mythos beiseiteschiebt, ändert sich das Tierbild nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Wissenschaft. An die Stelle der sinnlichen Beobachtung und empathischen Begegnung mit dem beseelten Tier tritt seit Galvanis Froschschenkelexperimenten der Laborversuch, in dem der Frosch fixiert, zergliedert und objektiviert wird. Nachdem die inquisitorische Menschenfolter aus der Mode gekommen ist, versucht die Wissenschaft, dem Tier mit Marterinstrumenten seine Geheimnisse zu entlocken. Schmerzen werden hier jedoch absichtslos zugefügt und als Nebeneffekt hingenommen. Von Interesse sind allein die mechanischen Funktionen des Versuchsobjekts. Wenn heute weniger seziert werde und dafür Computermodelle herhielten oder gar durchsichtige Frösche gezüchtet würden, geschehe das vor allem aus praktischen Erwägungen, nicht aus Achtung.

Für die ökologische Krise der Gegenwart macht Hüppauf einen umfassenden kulturellen Prozess verantwortlich, in dem Ethik alleine dem autonomen Subjekt gelte. Das Bild vom »Ökofrosch« breche fundamental mit dieser Tradition; es entstand nicht in der Philosophie, sondern in der Praxis der Umweltbewegung. Eine Ökoaktivistin lässt er davon erzählen, wie sie zum ersten Mal eine Kröte in die Hand genommen hat. Auch wenn man spätestens an dieser Stelle den Eindruck nicht los wird, dass Hüppaufs Wissenschafts- und Kulturgeschichte sehr viel mit seiner eigenen Biographie zu tun hat, erhellend sind seine Ausführungen allemal.

Über Konrad Dieterich

Redakteur.

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Erstellt: 18.11. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:34