Dez 2011 hastuPAUSE Nr. 39 0

Kulturbegabtes Halle

Matthias Brenner ist seit August Intendant des Neuen Theaters und wünscht sich von den Hallensern mehr kulturelles Bewusstsein.

Sie sind seit August in Halle, wie gefällt es Ihnen hier?

Ich bin im Grunde genommen schon seit Januar dieses Jahres hier, zur Vorbereitung. Ich habe in der alten Spielzeit schon zwei Inszenierungen gemacht: »Zscherben – Ein Dorf nimmt ab!« und die »Oper Dracula«. Insofern habe ich mich schon ganz gut eingelebt. Dennoch kenne ich Halle noch nicht sehr gut. Auch wenn die Stadt nicht sehr groß ist, dauert es eine Weile, sie zu erschließen, darauf freue ich mich. Die Stadt ist für mich eine sehr große Entdeckung.

Was hat Sie dazu bewegt, am Neuen Theater zu arbeiten?

Das war nicht vorhersehbar. Ich hatte die Information, dass in Halle diese Position frei wird, und mich zwar darauf beworben, aber ohne mir besondere Gedanken darüber zu machen. Ich habe dann die Gelegenheit genutzt, um das Ensemble kennenzulernen und mich vorzustellen. Das waren sehr spannende Stunden, und daraufhin konnte ich mir vorstellen hier zu arbeiten. Aber auch das Gebäude, dieser eigentümlich tolle Theaterbau hat mich überzeugt. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Was haben Sie sich für Ihren neuen Job vorgenommen?

Neue Akzente zu setzen natürlich – das ist ein Naturvorgang. Es gibt ein Problem in Halle. Es ist eine kulturell unglaublich reiche Stadt. Leute, die von außen kommen, merken das sofort, nur die Hallenser nicht, sie meckern und nörgeln über ihre Stadt. Was hier nötig schien, war eine neue Brücke, einen neuen Kontakt zwischen Theater und Publikum zu schaffen. Also ein direkteres kommunikatives Aufeinanderzugehen einerseits – und andererseits innerhalb des Ensembles eine neue Transparenz und Offenheit in Gang zu setzen und zu pflegen. Wir haben zum Beispiel das Stück »Zscherben – Ein Dorf nimmt ab!« inszeniert, das mit dieser Region zu tun hat. In der Theaterfachwelt wurde das zum Teil befremdlich aufgenommen und als Volksstück abgetan. Wir versuchen Neues zu machen und haben zum Beispiel »Die Weber« von Hauptmann mit Jo Fabians Tanztheater gekreuzt. Wir hätten nicht gedacht, dass diese Kombination so gut ankommt und das Stück so gut besucht wird.

Wie kulturell ist Halle?

In Halle gibt es so viele Leute aus den unterschiedlichsten Kunst- und Kulturrichtungen. Das ist den Menschen hier leider kaum bewusst, und dieses Image wird auch nicht unbedingt nach außen transportiert. Ob eine Stadt kulturbegabt ist oder nicht, merke ich immer an den Taxifahrern. Als ich neulich in Magdeburg in ein Taxi stieg und zum Schauspielhaus wollte, stammelte der Fahrer und wusste gar nicht genau, wohin ich will. In Halle weiß jeder Taxifahrer genau, wo das Neue Theater ist, alle antworten das gleiche: »Wollen Sie unten in die Ulrichstraße oder an den Uniplatz?« Ich kenne auch viele Künstler, die sich in Halle bewusst angesiedelt haben. Sie sind der Meinung, dass hier der Windschatten noch groß genug ist, um Fehler machen zu können. Die Hallenser sind aber auch sehr bodenständig. Das muss man mögen lernen. Ich gehe sehr viel spazieren, um die Stadt kennenzulernen und in die Gesichter gucken zu können. Es ist angenehm zu erleben, dass die Menschen so unüberheblich sind. Aber auf der anderen Seite wünsche ich mir ein bisschen mehr Stolz der Bürger auf ihre Stadt.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 27.12. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:24