Jul 2011 hastuINTERESSE Nr. 37 0

Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung

Der Professor für Psychotherapeutische Medizin Dr. Rainer M. Holm-Hadulla versucht in seinem neuen Buch eine Kreativitätstheorie zu entwickeln, die neurobiologische, psychologische und kulturwissenschaftliche Vorstellungen verknüpft.

Foto: woodleywonderworks (Creative Commons, BY)

Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb‘ ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.

Schon Goethe verdeutlichte in der „Faust»-Tragödie, dass menschliche Kreativität und Tätigkeit durch ein Spannungsfeld guter und böser Mächte entsteht, nämlich aus einem Konflikt von Entstehung und Zerstörung.

Der Heidelberger Professor Dr. Rainer M. Holm-Hadulla stützt sich mit seinem neuen Buch »Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung« auf diesen Standpunkt, um zu verdeutlichen, dass sich Kreativität aus einem Wechselspiel von Ordnung und Chaos entwickelt.

Für diese These weist der Autor, der auch als Psychotherapeut tätig ist, auf früheste Schöpfungsmythen hin. Indem er auf die Götter Zeus, Kronos und Uranos verweist, verdeutlicht er, dass der Kosmos ursprünglich aus Unordnung entstand, und unterstreicht anhand der biblischen Vorstellung der Schöpfungsgeschichte (aus dem Nichts entsteht Leben) seine These. Leonardo da Vinci, Jim Morrison und vor allem auch Goethe werden als Repräsentanten für verzweifelte oder in sich einsame Genies herangezogen, da sie beweisen, dass aus Selbstzerstörung oder Einsamkeit großes schöpferisches Schaffen entstehen kann. Mit den modernen Vorstellungen, also dem Anspruch auf Individualität und Kreativität mit gleichzeitig einhergehender Abstumpfung der Menschen, rundet der Autor seine Meinung ab, dass Kreativität schon immer aus einem Konflikt zwischen dem Schöpferischen und der Destruktivität entstanden ist.

Kreativität ist jedoch ein weiter Begriff. Holm-Hadulla definiert sie als »Neukombinationen von Informationen«, was das Phänomen jedoch auch nicht im Detail erklärt. Wegen der Komplexität des Themas ist es fast unmöglich, eine konkrete Kreativitätstheorie in Büchern oder im Internet ausfindig zu machen. Der Autor, der auch Studierende psychotherapeutisch betreut, versucht dieses Problem zu lösen und eine kohärente Theorie der Kreativität zu schaffen. Dafür verknüpft er neurobiologische, psychologische und kulturwissenschaftliche Vorstellungen vom Schöpferischen und entwickelt somit ein relativ ganzheitliches Bild.

Die psychologische Kreativitätsforschung vertritt den Standpunkt, dass Kreativität aus einem Wechselspiel von Anspannung und Entspannung resultiert. Menschliche Leidenserfahrungen oder Melancholie fördern kreatives Schöpfungspotential, welches dann wiederum die leidvollen Empfindungen beseitigt.

Die neurobiologischen Studien entsprechen den psychologischen weitestgehend, da ihre Theorie davon ausgeht, dass ein kreativer Prozess durch einen Ausgleich von Konzentration und Distraktion im Gehirn zustande kommt. Somit werden während eines kreativen Prozesses bestimmte neuronale Netzwerke desorganisiert und wieder neu hergestellt, so dass neukombinierte Informationen geschaffen werden. Kulturwissenschaftliche Studien vermuten, dass kreative Tätigkeiten menschliches Destruktionspotenzial beseitigen können. Alle Studien gehen davon aus, dass der kreative Prozess im Menschen seine Lebensfreude steigern kann.

Neurobiologische, psychologische und kulturwissenschaftliche Ansichten zu einem Gesamtergebnis zusammenzuführen, gestaltet sich für den Autor schwierig, da sich die Teilgebiete bei intensiver Beschäftigung teilweise gegenseitig ausschließen. So werden die Kreativitätsvorstellungen der einzelnen Bereiche sehr anschaulich und interessant erklärt, eine umfassende Gesamtdarstellung bleibt jedoch eher aus.

Neben dem Versuch, verschiedene Schöpfungstheorien unter einen Hut zu bringen, liefert Holm-Hadulla jedoch auch praktische Anwendungen zum Umgang mit Kreativität in Erziehung, Bildung, Beratung und im Alltag und gibt dem Leser nützliche Ratschläge zur kreativen Lebens- und Arbeitsgestaltung. Dafür stellt er beispielsweise sieben Regeln für einen produktiven Lebensalltag auf. In ihnen geht es unter anderem darum, Probleme und Kreativitätshemmnisse, wie beispielsweise Prüfungssituationen zu akzeptieren und hinzunehmen. Dann erst könnten störende Ereignisse entdramatisiert werden. Zudem wird empfohlen, Rituale zu entwickeln, um sich aus unproduktiven Alltagssituationen zu befreien. Starker Stress solle effektiv genutzt und in positive Anspannung verwandelt werden. Außerdem rät Holm-Hadulla, sich kreative Freiräume zu gestalten, damit der Alltag bewusst gelebt werden kann und man nicht zu Unterhaltungsmedien greift, die das kreative Potential in kürzester Zeit stark begrenzen.

Mit seinem anspruchsvollen Sachbuch erschafft er unterschiedliche Blickwinkel auf ein spannendes Thema, welches im Alltag häufig zu wenig beachtet wird. Vor allem die Anstöße, wie man selbst aufgebaute Blockaden überwinden und wieder zu seiner Kreativität zurückfinden kann, machen das Buch gerade für schreibgehemmte Studenten interessant und lesenswert.

Über Helena Werner

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Erstellt: 26.07. 2011 | Bearbeitet: 12.10. 2011 11:13