Jul 2011 hastuINTERESSE Nr. 37 1

Kreativität ist, wenn mans macht

Fantasie allein reicht nicht aus, am Ende muss ein positives Ergebnis stehen.

Eine von Hannelore Heises Arbeiten

Wissenschaft und Kreativität – diese zwei Begriffe begegnen uns in unserem Leben eigentlich ständig, sei es nun im Studium, auf der Arbeit oder im Privaten. Man soll wissenschaftlich präzise arbeiten, dabei aber möglichst kreativ sein. Doch geht das überhaupt? Lassen sich beide Metiers miteinander verbinden? Wie kreativ ist Wissenschaft, und wie wissenschaftlich ist Kreativität?

Hannelore Heise ist selbstständige Grafikdesignerin, sie war über 20 Jahre im Lehrfach Schriftgestaltung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein als Dozentin tätig. Aus der Tätigkeit in diesem interessanten Bereich zwischen Handwerk und Kunst, gingen vielfältige Designs von Spielkarten, Büchern, Logos, Geschäftsausstattungen und anderem hervor. Bekannt wurde sie durch die Gestaltung von Briefmarken, besonders der schönsten Briefmarke Europas 2003. Seit 1990 führt sie das Goldene Buch der Stadt Halle. Kreativität würde sie, die Künstlerin, als »eine Art Schöpfertum« bezeichnen, das »durch die Gabe der Fantasie beflügelt wird und zu positiven Ergebnissen führt.« In dieser Definition sind zwei Merkmale zentral: Fantasie und Produktivität.

Man könne noch so fantasievoll sein und doch nicht kreativ. Fantasie ist, ihrer Meinung nach, ein zentraler Bestandteil, um zu Ideen zu gelangen. Sie sei die Voraussetzung, um kreative Schaffensprozesse in Gang zu bringen. Doch müsse sie in Bahnen gelenkt werden, damit etwas Sinnvolles entsteht. Heise bemerkt das nicht nur in ihren Seminargruppen: »Ich kenne einen Kollegen, der viele schöne, aber immer ähnliche Bilder malte. Als ich ihn einmal fragte, warum er so arbeite, antwortete er, dass sei eben das, was er könne. Ihm fehlte die Fantasie um Neues zu beginnen.« Jedoch gebe es auch Menschen, die vor Fantasie übersprudeln, einen Gedankenblitz nach dem anderen haben, aber keinen weiterverfolgen und am Ende völlig ergebnislos dastehen. »Es ist doch so, dass man die Ideen, die man hat, auch umsetzen muss. Das gilt für Künstler wie für Forscher. An dieser Stelle fängt die harte Arbeit an«, so Heise.

»Fantasie ist nicht erlernbar.«

»Fantasie ist eine dem Menschen in die Wiege gelegte Gabe«, diese kann man, so glaubt Heise, »nicht erlernen und auch nicht lehren.« Die vor einem Studium an der Burg erforderlichen Eignungstests seien darauf ausgerichtet, neben anderen Qualitäten auch die Fantasiebegabung zu testen. »Mit Hilfe gezielter Aufgabenstellungen kann man vergleichen, ob jemand etwas weiterentwickelt, etwas dazuerfindet und dieses auch entsprechend umsetzt, oder ob er nur konsequent nach Vorlagen arbeitet.«

Für die Dozentin ist es Fakt, dass es Menschen gibt, die kreativer sind als andere. »Das merke ich in meinen Seminargruppen immer wieder. Es gibt jene, die eine Aufgabe bekommen und sofort aktiv werden, und solche, die sitzen und grübeln. Diesen kann der Lehrer helfen, indem er kleine anregende Hinweise gibt.« Ein guter Lehrer zeichne sich dadurch aus, dass er nicht alles vorgibt, sondern mit kleinen Tipps und Umschreibungen die Studenten zu eigenen produktiven Wegen lenkt. Anregungen sind beispielsweise der Verweis auf Werke früherer oder anderer Künstler, Kalligrafen, Schriftgestalter, die Lektüre eines Buches, das Wissen des Dozenten oder geschichtliche Hintergründe. »Kreativität entsteht dann, wenn man alles zu einem Thema vorhandene Material gesammelt hat und mit eigenen Ideen der Umsetzung etwas Neues schafft, seinen eigenen Weg findet.« Diese Anregungen aufzugreifen, selbst Erlebnisse und Erfahrungen zu machen, das könne ein Lehrer vermitteln, die Fantasiegabe jedoch müsse in einem selbst stecken.

Kreativ zu sein heißt entscheiden zu können

Als Grafikdesignerin sind ihre Anregungen in erster Linie Aufträge. »Wenn ich einen Auftrag mit konkreten Vorlagen erhalte, muss ich ebenfalls warten, bis mir meine Fantasie weiterhilft, in der Vorbereitungszeit entwickle ich Ideen und Skizzen. Man muss sich in dem Moment selbst Futter geben. Weiter suchen, was andere schon gemacht haben, lesen und so weiter.« Einfach mit der Arbeit zu beginnen und zu sehen, was sich ergibt, klappe nicht immer. Gerade als Grafikdesigner müsse man schnell arbeiten und sich vor allem auch schnell zwischen seinen Entwürfen entscheiden können, erklärt Heise, da man dem Auftraggeber schließlich nicht 500 Skizzen präsentieren könne. »Auch das gehört zur Kreativität: sich zu entscheiden und ein Urteil über seine eigene Arbeit fällen zu können.«

Bei Wissenschaftlern müsse Fantasie zu Forschungs-ergebnissen führen. Es handelt sich dabei um denselben Antrieb: etwas zu schaffen, was noch nicht dagewesen ist.

Fantasie, Intensität und Ausdauer stehen in einer notwendigen Reihenfolge des Schöpfungsprozesses, um Ergebnisse zu erzielen. Ebenso wie Kunstwerke sind wissenschaftliche Entdeckungen umstritten. Man denke nur an die Waffenindustrie. Die Entwicklung der Atombombe ist auf Entscheidungen einzelner Personen zurückzuführen. »Auch Waffenforschung wurde durch Kreativität entwickelt. Für mich«, so lenkt Heise ein, »hat das Wort Kreativität jedoch immer noch etwas Positives; man sollte versuchen, dass es so bleibt.«

Auch Physiker müssen kreativ sein

Die Ausführung dessen, was man ausdrücken möchte, ist der zweite Teil des kreativen Schaffensprozesses. Man kann die tollsten Vorstellungen haben, in der Ausführung aber komplett versagen. Die praktische Umsetzung im Naturstudium, die Kenntnis von Material und fachspezifischer Arbeitsweise, die Einbeziehung historischer Erfahrungen sowie ein technisches und wissenschaftliches Basiswissen gehören zum zentralen Inhalt eines Studiums an der Burg. Wissenschaftlichkeit der Lehre spielt auch dort eine große Rolle. »Jedes Lehrfach will neben den künstlerischen speziellen Grundlagen der Gestaltung auch allgemeine Erkenntnisse vermitteln«, erklärt Heise.

Auch eine Kunsthochschule, die Künstler, Designer und Kunstpädagogen ausbildet, ist also ohne Wissenschaftsvermittlung nicht denkbar, ebenso wenig wie es Wissenschaften frei von Kreativität gibt.

Für Hannelore Heise sind Burgstudenten nicht unbedingt kreativer als Biologen, Physiker oder Mathematiker. Deren kreative Arbeitsergebnisse sind nicht Kunstwerke, sondern Forschungsprojekte, die aus ihrer Arbeit und mit bereits vorhandenem Wissen Neues schaffen in Form von Technologien oder Theorien. »Wissenschaftler und Forscher haben das Problem, dass man nicht sofort sieht, was praktisch herauskommt, außer einem dicken Stapel Papier als Abschlussarbeit oder Forschungsbericht. Bei Künstlern zeigt sich Kreativität schneller, bildhaft sichtbar und gegenständlich realistisch in den Kunstwerken, doch beide Berufsgruppen sind auf sie in gleicher Weise angewiesen, um erfolgreich zu sein.«

Über Katharina Deparade

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Erstellt: 26.07. 2011 | Bearbeitet: 26.07. 2011 21:42