Jul 2011 hastuINTERESSE Nr. 37 0

Kreativität als Beruf

Eigenständig und dabei kreativ zu sein, ist ein Balanceakt. Wie man seine Idee verkauft, ohne dabei nur zum Manager zu mutieren.

»Was macht die Kunst?« –»Die Kunst geht nach Brot.« – »Das muss sie nicht; das soll sie nicht.« Schon Lessing wusste in seinem Drama »Emilia Galotti« von dem Zwiespalt des Kreativen zur Ökonomie. Ein Künstler soll der Kunst wegen arbeiten und nicht, um seinem Auftraggeber zu befriedigen. Die Kunst ist visionär, die Wirtschaft rational. Die Ökonomie richtet Grenzen ein, die der Freigeist überschreiten muss, um Neues zu schaffen. Aber ist diese strikte Trennung überhaupt möglich? Kann man sich Kreativität als Beruf überhaupt leisten, wenn man nicht gerade als Prinz geboren wurde? Besonders lebensnah ist diese Vorstellung tatsächlich nicht. Denn ein Kreativer unterscheidet sich erst einmal gar nicht von einem gewöhnlichen Unternehmer. Eine gute Idee zu haben ist das eine, sie aber auch vermarkten zu können das andere.

Wissen, was man will

OpenSourceWay (Creative Commons, BY-SA)

Das klingt unromantisch, denn so verkauft man sich und sein Inneres zwangsläufig. »Ich bin eigentlich zu gleichen Teilen Geschäftsfrau wie auch Gestalterin«, meint Designerin Anne Trautwein. Während ihrer Diplomarbeit hat sie sich mit Tyvek, einem Geotextil aus dem Häuserbau, beschäftigt und daraus eine Kollektion entworfen. Sie hat den Stoff, der besonders reißfest und atmungsaktiv ist, in Spitze und Strick verwandelt. Das Konzept fand so großen Anklang, dass sie sich vor einem Jahr mit formliebe selbstständig gemacht hat. »Momentan nimmt der wirtschaftliche Teil noch sehr viel Zeit in Anspruch. Ich verbringe gerade mehr Zeit mit Kundenakquise und organisatorischen Dingen, als wirklich kreativ tätig zu sein«, meint die Unternehmerin. Doch sie ist optimistisch. Vor kurzem war das noch anders. »Ich wusste zuerst gar nicht, was und wohin ich genau wollte.« Das sei ein großer Anfängerfehler, seine Ziele bei der Unternehmensgründung nicht genau zu definieren und die Produktpalette so breit wie möglich aufzustellen, in der Hoffnung, so mehr potenzielle Kunden anzusprechen. »Das ist der größte Trugschluss.« Inzwischen hat sie sich klar aufgestellt, ihr Ziel vor Augen und merkt, dass es voran geht. Diesen großen Schritt hat das Team von Liebding noch vor sich. Franziska Kolb und Christin Raschke hatten im Rahmen einer Projektarbeit die Idee einer Singlebörse der etwas anderen Art. Statt sich in der gewöhnlichen Kontaktanzeige zu beschreiben, »gibt man einen Gegenstand ab, der einem am Herzen liegt, und erzählt dazu eine kleine Geschichte«, erzählen die Burgstudentinnen. Der Suchende gibt dabei nur sein Alter sowie eigenes und gesuchtes Geschlecht an. Die Idee dahinter ist, dass sich Menschen auch in ihrer Einrichtung ausdrücken. Ob man seine Einrichtung bei Ikea oder auf dem Flohmarkt kauft, so etwas beschreibt einen Fremden ganz gut. Im Januar haben sie ihre eingesammelten Gegenstände in einem Laden präsentiert und zusätzlich Singleveranstaltungen organisiert. Es hat sich sogar ein Pärchen gefunden. Aber es ging eher darum, »Barrieren abzubauen und Menschen kennenzulernen, mit denen man unter normalen Umständen wahrscheinlich nicht redet«, erklärt Christin. Es haben sich auch Freundschaften entwickelt, etwa zwischen der 70-jährigen Oma und dem schwulen Mitt-Zwanziger. »Sie hat einen Lachsack abgegeben und er eine Clownsmaske. Die beiden pflegen immer noch Brieffreundschaft«, so Franziska. Die Idee ist eingängig. Etwas Bekanntes, die Partnersuche, wird neu und lustig gestaltet. »Das Experiment war nicht abstrakt oder abschreckend. Der Besucher braucht sich nicht die Was-will-mir-der-Künstler-damit-sagen-Frage zu stellen«, erklärt sich Franziska den Erfolg des Projektes.

Die Idee und nicht sich selbst verkaufen

An wirtschaftliche Aspekte haben sie bei der Umgestaltung des Projektes nicht gedacht. Für den Laden mussten die beiden nur die anfallenden Nebenkosten bezahlen. »Wir haben das erst einmal als Experiment gesehen«, so Franziska, die selbst nicht mit so positiver Resonanz gerechnet hat. Vor kurzem hat das Team den Publikumspreis des Scidea-Ideenwettbewerbs vom Hochschulgründernetzwerk Sachsen-Anhalt gewonnen und spielt nun mit dem Gedanken der Selbstständigkeit. »Die größte Herausforderung besteht wahrscheinlich darin, einfach anzufangen.« Denn anfangen bedeutet auch, einen Finanzplan aufzustellen, Preise zu kalkulieren und Geldgeber zu finden. Der kreative Akt hat zwar Spaß gemacht, aber als Manager sehen sich beide nicht. Und das wollen sie auch nicht, denn das Betriebswirtschaftliche erzeugt immer auch den Beigeschmack des Grenzensetzens und des sich Verbiegens. Man möchte ja seinen Ideen nachgehen und sich nicht mit der Steuererklärung beschäftigen. Dass sich die beiden mit der wirtschaftlichen Ausgestaltung noch nicht wirklich beschäftigt haben, wurde auch von der Jury des Scidea-Ideenwettbewerbs bemängelt. Um Geld zu verdienen, könnte liebding zum Beispiel Mitgliedsbeiträge verlangen oder Singleveranstaltungen, wie Kochabende, veranstalten. Denn ganz brotlos geht es dann doch nicht. Man muss sich darüber klar werden, dass man den Wert der eigenen Idee auch verkaufen muss, aber nicht unbedingt sich selbst. Dass »viele Kreative einen Zwiespalt zwischen dem reinem Unternehmertum und ihrem Schaffensprozess« verspüren, bestätigt auch Bert-Morten Arnicke, Projektmanager von Kreativmotor. Am UNIVATIONS Institut angesiedelt, vermittelt das Projekt kreativen Selbstständigen betriebswirtschaftliche Tools, die vor allem am Anfang noch fehlen. Denn ohne geht es nicht. »Ob es sich nun um den Vertrieb, das Marketing oder um steuerliche Aspekte handelt«, man kann sich davor nicht sperren, erklärt der Projektleiter. »Es gibt zum Beispiel Tage, an denen gibt es für mich nichts Schlimmeres, als irgendjemandem klarmachen zu müssen, wie gut meine Dienstleistung ist. An anderen funktioniert das reibungslos«, erklärt Anne Trautwein von formliebe. Das gehöre nun mal zum Business und könne man sich leider nicht aussuchen. Auch Franziska und Christin wollen »erst einmal kalkulieren und die ganz Sache durchspielen«, bevor sie liebding vielleicht als Unternehmen gründen. »Eigenständigkeit bedeutet große Verantwortung«, so Franziska, die die Befürchtung hat, »dabei eher zum Manager zu werden, statt kreativ zu sein«.

Amanda Hirsch (Creative Commons, BY-SA)

Gesetzte Grenzen und zu schaffende Freiräume

Ist das dann der zu zahlende Preis dafür, dass man sein eigenes Ding machen kann? Eine Schranke, die man sich selbst setzt, indem man Kreativität optimiert, effizient und zielgruppenorientiert gestaltet? Arbeitet man als Kreativer in einem Unternehmen, braucht man sich zwar nicht um einen Finanzplan oder die Kundenakquise zu kümmern. Anweisungen, wie ein Produkt am Ende aussehen und welche Zielgruppe sich angesprochen fühlen soll, bekommt man trotzdem. Also wieder Schranken. »Wie groß meine Handlungsspanne ist, hängt immer vom Auftraggeber ab«, meint Anne Trautwein von formliebe. Manche lassen dabei wirklich einen großen Spielraum, andere treten mit klaren Vorgaben an sie heran. Die Abwechslung sei dabei ganz gut, so bestehe nicht die Gefahr, sich »im Detail zu verlieren«. Dazu gibt es meist auch vom Kunden vorgegebene Deadlines, die es einzuhalten gilt. Der dabei entstehende Druck kann als hemmend empfunden werden, aber auch als Antrieb, den nächsten Schritt zu wagen und nicht weiter auf der Stelle zu treten. Wer kennt nicht das Bild des Künstlers, der sein Leben einem Werk widmet und bis zum Tod nicht fertig wird, weil er nie damit zufrieden ist. Dieser Druck kann aber nicht nur von außen, sondern auch von innen, also vom Arbeitgeber kommen. Anne Trautwein konnte bereits Berufserfahrung bei einem Modehersteller sammeln, wobei sie sich sehr eingeschränkt fühlte. Sie habe sich schon etwas gelangweilt, denn ihre Designaufgaben waren zwar »sehr vorhersehbar«, dennoch an feste Termine gebunden. »Diese Erfahrung war gut, denn sie hat mir gezeigt, dass ich lieber etwas Eigenes machen will«. Schranken bestehen auch für Freischaffende, allerdings verschaffen manche Aufträge finanziellen Freiraum und die Zeit, Neues zu entwickeln und auszuprobieren. Denn formliebe ist das eine, die Dienstleistung. Dabei geht die Designerin auf die speziellen Wünsche ihrer Auftraggeber ein und findet für technische Textilien, die sonst im industriellen Bereich eingesetzt werden, neue Anwendungsgebiete. Das andere, das Neue, ist der Wunsch, ein Produkt selbst zu entwickeln und zu vermarkten. Für die spezielle Strickmethode, mit der sie bei ihrer Diplomarbeit für Staunen gesorgt hat, läuft gerade die Patentanmeldung. Unabhängig von formliebe will die Designerin Strickkleidung für den Freizeit-, Wellness- und Aktivbereich entwickeln. Die Unternehmensgründung läuft gerade an. Wieder ein Finanzplan, den sie aufstellen muss. Aber auch wieder die Chance, sich ganz neu verwirklichen zu können und eben Grenzen auszutesten.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 22.07. 2011 | Bearbeitet: 23.04. 2013 22:05