Dez 2011 hastuINTERESSE Nr. 39 0

Kontrollverlust

Unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus Menschen, sondern auch aus Maschinen.

Sozialwissenschaftler beschäftigen sich vor allem mit einem: dem Menschen. Das klingt erst mal logisch, birgt aber auch viele Probleme. Nicht erst seit heute hat die Technik, egal ob hochentwickelt und komplex oder grundlegend und »einfach«, einen großen Einfluss auf unser Leben. Sie strukturiert unseren Tagesablauf, sagt uns, wann es Zeit zum Aufstehen, zum Essen ist. Sie unterhält, informiert uns, gibt uns Arbeit und alles andere auch. Eigentlich ist es deshalb doch nicht abwegig, Gesellschaft als ein Netzwerk zwischen Menschen und Maschinen oder Technologie zu verstehen. Allerdings sollte man sich von der überholten Vorstellung verabschieden, dass der Mensch vollkommene Kontrolle über die Technik hat und diese ausschließlich als ein Werkzeug benutzen kann. Vielmehr ist das Netzwerk Mensch-Technologie ein kompliziertes Zusammenspiel, bei dem nicht klar ist, wer wen kontrolliert. In diesem Netzwerk sind Mensch und Technik gleichberechtigt, das heißt, beide haben ihre eigene Logik, ihre eigenen Bedürfnisse und ihren eigenen »Willen«. Gerade der letzte Punkt scheint absurd.

Was die Technologie will

Schaut man sich ein Messer oder einen Stuhl an, kann man nicht davon sprechen, dass diese Gegenstände etwas »wollen«. Sie haben natürlich keine Bedürfnisse, kein eigenes Bewusstsein. Der US-Publizist und Technikenthusiast Kevin Kelly versteht unter Technologie aber nicht nur den einen Stuhl oder das eine Messer, sondern die Gesamtheit von allem. In der Gesamtheit weise die Technologie gewisse Entwicklungstendenzen auf, die zum Beispiel wie die Evolution verlaufen können. Ähnlich einer Pflanze, die Licht vielleicht nicht »will«, aber zumindest nach Licht strebt, würde diese Gesamtheit einer bestimmten Richtung folgen. Damit hätte die Technologie die gleiche Logik in ihrer Entwicklung wie das Leben. Kelly geht einen Schritt weiter und behauptet, auch der Mensch sei ein Teil dieser Technologie. Die Entwicklung der Technik ist auch die Entwicklung des Menschen. Anstatt nur Werkzeuge zu schaffen, die ihm nutzen, macht sich die Technik den Menschen zunutze, um neue Gegenstände für »sich« zu erschaffen. Bevor Benjamin Franklin die Elektrizität »entdeckte«, hätte man keine Glühlampen erfinden bzw. bauen können. Erst durch Strom war das möglich. Wichtig ist der Gedanke, dass der Mensch immer Teil dieser Entwicklung ist und durch sie beeinflusst wird. Kelly bestreitet aber, dass der Mensch der alleinige Urheber dieser neuer Entwicklungen ist; erst im Zusammenspiel zwischen Mensch und Technik ergeben sich neue Ideen. Bereits heute gibt es »Maschinen«, die so komplex sind, dass wir sie nicht mehr vollkommen verstehen und kontrollieren können: Man versuche nur, sich die Folgen zu überlegen, würde man das Internet einfach »abschalten« …

Wir reden mit Maschinen

Am Beispiel Internet wird deutlich, wie leistungsfähig Maschinen bereits geworden sind. Ob sie ein Eigenleben entwickeln, also wirklich intelligent sein können, beschäftigt nicht nur Filmemacher oder Science-Fiction-Schriftsteller, sondern auch eine ganze Reihe von Wissenschaftlern. Jährlich findet beispielsweise der so genannte Turing-Test statt. Während des Tests chatten die menschlichen Teilnehmer mit zwei anderen Teilnehmern. Einer davon ist ein auch ein Mensch, der andere ein Computer. Nach fünf Minuten müssen sich die Teilnehmer entscheiden, welcher der beiden Gesprächspartner ein Mensch und welcher eine Maschine war. Der Test geht auf den britischen Mathematiker Alan Turing zurück, der im Zweiten Weltkrieg dabei half, die Funksprüche der deutschen Wehrmacht zu entschlüsseln. Seine Annahme war, dass man von künstlicher Intelligenz sprechen könnte, wenn die Menschen in 30 Prozent der Fälle falsch lägen. Seiner Meinung nach würde es spätestens im Jahr 2000 dazu gekommen. Eine Software, die den Turing-Test erfolgreich bestanden hat, ist Cleverbot. Im September dieses Jahres hielten von ungefähr 1300 Teilnehmern etwa 59 Prozent Cleverbot für einen wirklichen menschlichen Chat-Partner. Bei wirklichen Menschen waren es gerade mal 63 Prozent. Anstatt wie ältere Programme auf bestimmte Schlagwörter zu reagieren, geht Cleverbot anhand bestimmter Algorithmen eine Datenbank durch, die sich mit jedem virtuellen Gespräch weiter füllt. Die Software verbessert, wie Menschen, stetig ihre Kommunikationsfähigkeiten.

Wir sind nicht allein

Die herkömmliche Vorstellung von Handeln besagt in etwa, dass wir uns bewusst für etwas entscheiden. Wir wissen genau, mit welchen Mitteln wir es umsetzen können. Die vorherigen Überlegungen legen aber nahe, dass auch die Technik einen entscheidenden Einfluss auf unser Handeln hat. Häufig werden uns durch das Vorhandensein bestimmter Technologien Handlungsmöglichkeiten erst bewusst. Wir könnten die Oma in Dänemark nicht anrufen, wenn es keine Mobiltelefone gäbe. Wir würden wahrscheinlich noch nicht einmal daran denken. Technik hat also nicht nur Einfluss darauf, für welche Handlung wir uns entscheiden. Sie bestimmt vielmehr, welche Möglichkeiten uns gegeben sind, und hat somit einen Anteil an unserer Handlung. Der Soziologe Bruno Latour geht in seiner Interpretation der Akteur-Netzwerk-Theorie noch einen Schritt weiter und behauptet, dass Handlungen generell keinen Ursprung haben und nur im Zusammenspiel der Akteure, also den Verbindungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen, entstehen. Er führt das Beispiel an, dass weder ein Mensch alleine noch eine Pistole einen anderen Menschen erschießen könne. Erst in der Verbindung Mensch-Pistole sei diese Handlung möglich. Wir entscheiden und handeln demnach nicht allein.

Ist Abschalten Mord?

Eine beliebte Kritik gegen diese Überlegungen ist die Moral. Übertragen wir die Latours Theorie auf eine moralische Ebene, stellt sich die Frage nach dem Wert von Maschinen. Wenn sie uns gleichgestellt sind, wäre es Mord, einen Computer abzuschalten. An dieser Stelle argumentiert Kelly, dass man nicht von einem menschenähnlichen Bewusstsein ausgehen sollte, egal wie hochentwickelt die Maschinen sind. Obwohl wir sie schon heute mit unseren Mitmenschen verwechseln können, sind sie grundsätzlich anders verfasst als wir. Kein Logarithmus, keine Funktion – egal wie komplex – wird menschliches Denken ersetzen bzw. ihm gleich sein. Zu behaupten, man könne aus Maschinen ein komplett menschliches Bewusstsein erschaffen, stellt einen Kategorienfehler da. Von im Grunde einfachen Rechenzuständen kann man nicht auf mentale Zustände in unserem Bewusstsein schließen. Das heißt aber nicht zwingend, dass unsere Art zu denken den Maschinen übergeordnet ist oder dass wir einen privilegierten Zugang haben. Es heißt lediglich, dass Maschinen anders »denken« als wir.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 23.12. 2011 | Bearbeitet: 28.02. 2012 17:20