Jul 2011 hastuINTERESSE Nr. 37 0

Jeder sucht sie, keiner hat sie

Kreativität kommt nicht von selbst, man muss mit ihr arbeiten. Drei prominente Geschichten erzählen von Kampf, Freundschaft und Verhandlungen mit »der Kreativität«

Der französische Schriftsteller George Steiner hat eine düstere Vorstellung vom Erfindergeist: »Quantensprünge sind ausgesprochen selten.« Er meint damit, dass wirklich kreative Ideen so gut wie nie vorkommen. Stattdessen würden nur bereits bekannte Ideen wieder neu aufgerollt und eventuell anders verpackt werden. Der Mensch an sich hätte nur eine begrenzte Anzahl an Gedanken, die man miteinander kombinieren könnte. Wir kommen also nur selten zu neuen Erkenntnissen. Deshalb solle man auch nicht darauf vertrauen, dass einem auf einmal geniale Ideen zugeflattert kommen. Kreativität im Sinne von neuen Einfällen, mit denen man bestehende Regeln bricht, wäre demnach gar nicht möglich.

Illustration: Susanne Wohlfahrt


Wäre das so, könnten Musiker, Schriftsteller oder allgemein – Künstler einpacken: Alle Werke, die sie jemals schreiben, zeichnen, komponieren … würden, wurden schon vorher gedacht. Oder noch schlimmer: Sie werden gar nicht gedacht. Aber woher nehmen Künstler eigentlich immer wieder ihre Ideen? Gibt es »kreative Typen«, die vor Ideen sprudeln – und den (unkreativen) Rest? Tom Waits beschreibt Kreativität als Arbeitsprozess: Anstatt darauf zu warten, dass ihm Ideen für neue Songs in den Kopf kommen, spricht er mit ihnen. Waits zufolge hat jeder Song sein eigenes Wesen; an manche Songs müsse er sich anschleichen, sie dann überrumpeln, andere kommen als Gesamtwerk zu ihm, wieder andere müsse er so lange nerven und bedrängen, bis sie sich endlich ergeben. Deshalb sei es nicht verwunderlich, wenn Waits im Studio auf- und abgeht und seine Songs ausschimpft: Der Rest ist schon längst fertig. Du kommst jetzt endlich raus, sonst bleibst du hier allein!
Ähnlich sieht es die Bestseller-Autorin Liz Gilbert: Kreativität und Inspiration seien keine spontane Eingebungen, sondern die Belohnung für harte Arbeit und ein gutes Einfühlungsvermögen: Eigentlich war ihr Buch schon fertig, nur der Titel fehlte noch. Zuerst verfluchte sie es, weil ihr kein Titel einfallen wollte. Nach einigen Tagen der Verzweiflung begann sie dann, freundlicher mit ihrem Buch zu sprechen – plötzlich kannte sie den Titel: Eat Pray Love. Ideen müsse man also umsorgen, sie nicht beleidigen oder abschätzig behandeln. »Man muss die Idee davon überzeugen, sich zu zeigen. Man muss mit ihr sprechen.« Um von anderen nicht als verrückt abgestempelt zu werden, arbeite sie deshalb immer alleine in ihrem Büro.

Eine andere Art der Selbstinspiration hat Oliver Sacks vorgeschlagen. Der US-Neurologe ist vor allem für seine Bücher, zum Beispiel »Zeit des Erwachens« oder »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« bekannt. Als Sacks mit seinem ersten Buch, »Migränen«, begonnen hatte, traf ihn das, wovor sich jeder Autor fürchtet: Eine Schreibblockade. Sie war so hartnäckig, dass er über Wochen und Monate kein einziges Wort mehr schreiben konnte: »Ich war regelrecht verzweifelt.« Dann kam Sacks eines Tages der erlösende Gedanke: »Du hast jetzt noch zehn Tage, das Buch fertig zu schreiben. Wenn du bis dahin nicht fertig bist, bringst du dich um.« Sacks war so von der Ernsthaftigkeit seiner eigenen Gedanken verstört, dass er sich an seinen Schreibtisch setzte und begann, »einfach so« an dem Buch weiterzuarbeiten. Auf einmal schossen ihm die Wörter nur so zu, es war, als »würde mir das Buch diktiert werden«. Schon nach neun Tagen war das Buch fertig.

Was Kreativität ist, dafür gibt es zahlreiche Definitionen. Was sie ausmacht, wie man sie »kontrolliert« – ob man das kann, ist ungeklärt. Man kann mit oder an ihr arbeiten, mit ihr verhandeln. Aber von selbst kommt sie nicht.

 

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 22.07. 2011 | Bearbeitet: 14.11. 2011 16:33