Dez 2011 hastuUNI Nr. 39 0

Alles in Warteposition

Im September dieses Jahres bot IWH-Präsident Ulrich Blum Amtsverzicht an. Doch bis heute sitzt er in der zweiten Etage des IWH, im Zimmer des Präsidenten.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ist eines von sechs Wirtschaftsinstituten Deutschlands. Als Mitglied der Leibniz-Gesellschaft wird das IWH nach spätestens sieben Jahren vom Senat der Leibniz-Gesellschaft evaluiert. Nachdem bereits 2007 das Gutachten sehr kritisch ausgefallen war, urteilte der Senat im Juli dieses Jahres, dass das IWH hinter seinen Erwartungen zurückbleibe. Im September boten Präsident Prof. Dr. Ulrich Blum und Geschäftsführer Frowin Gensch Amtsverzicht an.

Warum sind Sie immer noch als Präsident des IWH tätig, obwohl Sie im September angeboten haben, auf Ihr Amt zu verzichten?

Der Amtsverzicht ist noch nicht vollzogen, wir verhandeln noch. Das geht nicht so schnell, denn das IWH ist ein eingetragener Verein, und im Vereinsrecht ist das alles nicht so einfach. Es müssen gewisse Sachen notariell erledigt werden. Außerdem habe ich damals, als ich 2004 hierher berufen wurde, eine Rückfalloption verhandelt, das heißt, ich gehe zurück an die Universität. Ich habe dort einen Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik. Dieser existiert bisher nur virtuell, ich habe keine Mitarbeiter, keine Möbel. Das muss erst realisiert werden. Ich bin eigentlich ganz optimistisch, einen guten Lehrstuhl auszubauen. Ich sehe die Zukunft positiv.

Das Alltagsgeschäft wird also wie gewohnt fortgeführt?

Ob das Alltagsgeschäft ist, da habe ich meine großen Zweifel. Aber es wird zumindest das Geschäft weitergeführt. Es findet zurzeit ein nicht ganz üblicher Vorgang statt. Und in so einem Fall hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man versucht diesen unüblichen Vorgang harmonisch zu organisieren, oder man macht es als Parforceritt. Ich habe ersteres vorgeschlagen und damals gesagt, wenn man aus Gründen, über die ich bis heute nicht Bescheid weiß, meinen Kopf haben will und mich als Präsident nicht mehr will, dann kann man mit mir reden. Denn wenn man keine politische Unterstützung für dieses Amt hat, dann sollte man diesen Konflikt auch nicht ausstehen. Das hat Herr Zimmermann in Berlin auch nicht gemacht. Das sollte aber alles schnell passieren, es gibt Schwierigkeiten, das so umzusetzen, wie es geplant war. Denn ich bin im Stellenplan der Uni nicht vorgesehen. Das ist wie der Deus ex machina, der Gott aus der Maschine, der als großer Greifarm in das System eingreift. Da kommt, wie ein Asteroideneinschlag, ein Professor an die Uni, der nirgendwo eingeplant ist. Es ist ein Problem, das ordnungsgemäße Ankommen an die Universität zu organisieren. Es muss aber auch eine Übergangsstruktur im IWH organisiert werden. Es müssen in regelmäßigen Abständen Löhne, Sozialabgaben und Steuern bezahlt werden, dazu benötigt man jemanden, der unterschriftsberechtigt ist.

Wird es einen neuen Präsidenten geben?

Ja, es wird sowohl einen neuen Präsidenten als auch einen neuen Geschäftsführer geben. Zurzeit wird aber noch nicht aktiv danach gesucht. Es ist alles in Warteposition.

Wie haben Ihnen rückblickend die vergangenen Jahre am IWH gefallen?

Im Nachhinein waren es unglaublich positive Zeiten mit unglaublich tollen Leuten. Eine sehr interessante Herausforderung, aber eine Herausforderung, bei der die Leute, die diese zu beurteilen haben, nicht wissen, wovon sie reden. Als ich hier anfing, hatten wir drei referierte wissenschaftliche Veröffentlichungen pro Jahr, jetzt haben wir 30. Es ist ein irrer Aufwand, eine Mannschaft so aufzubauen, ein Kraftakt. Wir werden auf 40 kommen müssen, dann sind wir in der guten Gruppe, 30 ist der Durchschnitt. Ich bin sehr stolz auf meine Leute. Wir haben unglaublich viele Promotionen hier, mehr als jemals zuvor. Wir haben Habilitationen, und unsere Leute machen Lehrstuhlvertretungen. Damit konnte ich mich sehen lassen. Aber ich empfinde ein Entsetzen darüber, wie wenig Systematik in den Zielvorgaben eines solchen Instituts existiert. Wir haben 2004 eine Zielvereinbarung gemacht, die 2007 evaluiert werden sollte. Das Thema war »Institutioneller Wandel und globale Integration«. Die Evaluation wurde aber auf 2006 vorgezogen, als wir mitten im Umbau waren. Wir befanden uns zu dieser Zeit in einer Baustelle, und uns wurde gesagt, dass dieses Feld wieder zugemacht werden soll. Also löste ich die Abteilung auf, und 15 hochqualifizierte Mitarbeiter gingen. 2007 haben wir dann ein neues Feld aufgemacht: »Von der Transformation zur europäischen Integration«. In der jetzigen Evaluierung kam man zu dem Schluss, dass wir international wirtschaftspolitisch nicht hinreichend relevant seien. Wir hatten ständig wechselnde Zielfunktionen, aber wir brauchen Kontinuität, und die haben wir nun wieder nicht. Jetzt gehen uns schon wieder gute Wissenschaftler und somit track record verloren.

Glauben Sie, dass die Struktur der Leibniz-Gesellschaft Fehler aufweist?

Die Struktur ist völlig unbefriedigend. Seit zehn Jahren soll die Evaluierung evaluiert werden, das wird nicht gemacht. Ein Evaluierungssystem ist nur gut, wenn es Signale für Qualität setzen kann. Ich habe immer gedacht, dass man aus Fehlern lernen soll, wenn angeblich man etwas falsch macht. Churchill sagte: »Was ist Erfolg? – Von einem Misserfolg zum anderem zu gehen, ohne unterzugehen.« Aber man muss aus dem Misserfolg lernen dürfen. Und wenn wir das wollen, dann muss diskutiert werden. Diese Diskussion verweigert man uns.

Haben Sie bereits Ideen für neue Projekte, die realisiert werden sollen?

Ja, ich werde beispielsweise mit einem Kollegen an einer chinesischen Hochschule ein Projekt über ordnungsökonomische Fragen machen. Es geht um Chinas Weg in die Marktwirtschaft. Es gibt zum Beispiel europäische Vorstellungen und Bilder, wie etwa die soziale Hängematte. Das in das Chinesische zu übersetzen, ist fast aussichtslos, aufgrund der Sprach- und Kulturschwierigkeiten. Denn in dem Moment, wo ich eine Idee transferiere, muss ich auch Bilder transferieren. Die Frage ist, wie ich eine Wirtschaftsidee in ein Land mit einem völlig anderen Hintergrund übersetze.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 23.12. 2011 | Bearbeitet: 24.01. 2012 18:27