Feb 2011 hastuINTERESSE Nr. 35 0

Ich denke (über mich), also …

Am Institut für Soziologie haben Studierende eine Untersuchung zu dem Thema »Wer bin ich?« durchgeführt.

Illustration: Susanne Wohlfahrt

Illustration: Susanne Wohlfahrt

Auf die Frage, ob man Identität messen könne, gibt Dr. Sylvia Terpe eine typisch »wissenschaftliche« Antwort: »Generell kann man in der empirischen Forschung entweder qualitativ oder quantitativ vorgehen.« Man könne also zum einen über (qualitative) Interviews versuchen, dem Phänomen der Identität nachzugehen. Es sei aber auch möglich, die erhobenen Daten zu quantifizieren und damit in Zahlen zu bringen. Also ist es theoretisch möglich, Identität zu messen. Terpe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und wird ab April in einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Thema »Gewissenserfahrung im Alltag« mitarbeiten.

Sie selbst ist hier in Halle am Institut für Soziologie groß geworden: »Vor zwölf Jahren war ich bei Professor Thome als Hiwi angestellt.« Damals hatte sie u. a. an einem Auswertungsschema für Identitätsbefragungen gearbeitet. Jetzt kommt ihr diese Arbeit wieder zugute: Für ihr neues Forschungsprojekt beschäftigt sie sich nämlich unter anderem wieder mit dem Thema Identität und hat deshalb im vergangenen Semester ein Seminar dazu angeboten. Zu Beginn wurden Theorien der Identität besprochen. Die Soziologie hat dafür eine relativ unspektakulär klingende Arbeitsdefinition gefunden: Man spricht immer dann von Identität, wenn man sich selbst betrachtet. Wichtig sei das reflexive Moment, so Terpe weiter. Danach haben die Seminarteilnehmer versucht, gemeinsam eine geeignete Methode für die Untersuchung zu finden. Das Thema Identität ist in der Soziologie ein recht klassisches, d. h. die Studierenden konnten sich auf bereits etablierte Methoden verlassen. Für die eigene Befragung haben sie den sogenannten »TST«, kurz für: Twenty Statements Test, ausgewählt. Die Befragten sollen 20 Aussagen über sich treffen – wie sie antworten, also ob »ich bin klein«, »ich habe tolle Haare« oder »mir ist langweilig«, war ihnen nicht vorgegeben. Für die Befragung im Rahmen des Seminars hat man sich auf zehn Statements begrenzt. »Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass man den Untersuchten die Freiheit lässt, die Schwerpunktsetzung in ihren Aussagen selbst vorzunehmen«, so Terpe. Bei anderen Befragungen würde man oft gewisse Standardkategorien (z. B. Alter, Geschlecht, Herkunft) anwenden und davon ausgehen, diese seien für die Befragten relevant. Oftmals würden die Befragten sich dann nämlich zu Themen äußern, die sie in Wirklichkeit gar nicht interessieren. Probleme bei der Beantwortung der TST-Umfrage gab es nur wenige: »Für die heutige Generation ist es kein Problem, sich selbst zu beschreiben. Schließlich übt sie das fast täglich in sozialen Netzwerken.«

Nach der eigentlichen Befragung mussten die 76 Fragebögen dann für die Analyse aufbereitet, d.h. zunächst codiert, also in Zahlen gefasst werden. Dass dies selbst bei einem so geringen Umfang nicht immer einfach ist, weiß Terpe aus Erfahrung: »Offene Daten zu codieren heißt auch immer, sie zu interpretieren.« Bedeutet »ich bin faul«, dass man sich selbst kritisch betrachtet oder dass man Faulsein als etwas Positives ansieht? Solche Fragen mussten vor der eigentlichen Auswertung geklärt werden. Danach ging es ans Auszählen, ans »Messen der Identität«.

Auffällig war für die Soziologin, dass die meisten der Befragten überwiegend positiv von sich berichtet haben: »Natürlich gab es auch kritische Anmerkungen, aber die Anzahl positiver Selbstbeschreibungen überwiegt deutlich.« Immerhin haben sich aber noch
27,6 Prozent der Befragten mindestens ein Mal negativ über sich selbst geäußert. Bei früheren Untersuchungen, beispielsweise aus den 50er oder 60er Jahren, hat sich die Mehrheit der Untersuchungsteilnehmer sehr häufig über ihre Zugehörigkeit definiert: Also entweder über ihre Nationalität, ihre gesellschaftliche Rolle oder auch über ihre Herkunftsregion. »Mittlerweile beschreiben sich die Studenten offenbar eher über Eigenschaften«, so Terpe. Nur noch circa 20 Prozent der Angaben beziehen sich auf eine wie auch immer geartete Zugehörigkeit. Dass sich Studierende vor allem, immer und zuerst als Studierende verstehen, konnte die kleine Befragung nicht direkt bestätigen: Lediglich 35 Prozent der Befragten haben sich selbst über ihre Rolle als Student definiert. Viel wichtiger (60 Prozent) war ihnen oft die »positive Zuschreibung intellektueller / kultureller Kompetenzen«. Also Angaben wie »ich bin neugierig«, »ich bin offen« usw.

Die ganze Untersuchung klingt erstmal vielversprechend, doch: Was kann man auf Grundlage solcher Ergebnisse aussagen? »Bei dem geringen Umfang zunächst nicht viel«, räumt Terpe ein. Man könne aber versuchen, den befragten Personenkreis auszuweiten oder auf spezifische Gruppen zu konzentrieren, um zum Beispiel der Frage nachzugehen, inwiefern sich politisch aktive Studierende in ihrem Selbstverständnis von den inaktiven Studierenden unterscheiden. Schließlich könnten solche Untersuchungen Aufschluss darüber geben, wie sich eine Gruppe entwickelt, welche Extreme sie durchlebt und inwiefern das stereotype Bild von dieser Gruppe mit ihrer eigenen Wahrnehmung übereinstimmt.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
Ehemaliger Mitarbeiter
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Erstellt: 21.02. 2011 | Bearbeitet: 12.05. 2011 15:46