Mai 2011 hastuPAUSE Nr. 36 0

»Einmal Kunst zum Mitnehmen bitte!«

An hr.fleischers Kiosk bekommt man Genussmittel einer ganz besonderen Art.

Mitten im Herzen von Halle, direkt am Reileck, gibt es ihn noch. Einen von diesen kleinen, nostalgisch anhauchenden Verkaufsständen, an denen früher Zeitungen, Kaugummis, Zigaretten und andere Dinge hastig auf dem Weg zur Arbeit, zur Uni oder zum nächsten Termin erworben werden konnten. Auch heute eilen noch hunderte Hallenser die Bernburger Straße herauf und herunter. Ihnen wird zu ausgewählten Zeiten allerdings etwas ganz anderes dargeboten.

hr.fleischers Kiosk ist ein gemeinnütziger Verein, der 2009 von Kunst- und Designstudenten der Burg Giebichenstein Kunsthochschule ins Leben gerufen wurde. Derzeit gibt es 14 ehrenamtliche Mitglieder, zu denen auch Annegret und Rita zählen. Die beiden sind von Anfang an dabei. »Wir hatten den leerstehenden Kiosk gesehen und dachten, dass man damit etwas machen muss. Da ist Potenzial!« Gesagt, getan. Der Kiosk wurde vorm Abriss bewahrt und wird heute als Schaubude der Extraklasse betrieben. »Unser Ziel ist es, Kunst in einer interessanten Art und Weise in den öffentlichen Raum zu bringen. Die Menschen können sich auf ihrem alltäglichen Weg in die Stadt spontan damit auseinandersetzen.«

Eine öffentliche Schaubude für jedermann

Auf alten Monitoren laufen selbstgedrehte Filme, Fotos oder auch mal die Kurzfassung von Goethes Faust in sieben Minuten. Man kann vorbeigehen, neugierig stehenbleiben oder den kleinen Raum betreten. Es handelt sich um keine professionelle Galerie, genau das macht hr.fleischers Kiosk so attraktiv. »Wir fanden die Idee toll, dass man nicht durch eine Tür gehen muss oder extra losfährt, um Kunst zu erleben. Bei einer Galerie muss immer erst eine Hemmschwelle überwunden werden, um auch wirklich reinzugehen.« Somit wird auch eingefleischten Kunstbanausen die Möglichkeit geboten, diese vielleicht doch für sich zu entdecken.

Der Anspruch der Vereinsmitglieder ist Spontaneität und Vielfalt. Deswegen sind sie auch immer auf der Suche nach Leuten, die eine Idee, ein Projekt haben, das sie gerne präsentieren möchten. Die letzte Ausstellung:Wohnzimmer in Dar es Salaam – fotografische Einblicke in private Sphäre hat beispielweise der Ethnologe Gabriel Hacke initiiert, der in Tansania unterwegs war.

Das schönste Erlebnis, das Rita und Annegret mit hr.fleischer hatten, war das Radio-Kiosk Konzert, welches in Zusammenarbeit mit Radio CORAX stattgefunden hat. Im letzen August wurde dazu der Kiosk äußerlich in ein Radio verwandelt. Drinnen spielten Bands und CORAX übertrug das Spektakel live. »Die ganze Reileck-Kreuzung war voll mit Leuten, auf einmal erfuhren wir eine enorme Aufmerksamkeit«, schwärmt Annegret.

Bald soll der Kiosk wieder an seinen ursprünglichen Zweck erinnern. Dabei kann jeder, der möchte, mitwirken. »Da wir immer gefragt werden, warum wir nichts verkaufen, planen wir als nächste Veranstaltung eine Kiosk-Mimikry«. Dazu ist jeder herzlich aufgerufen, ein kleines Unikat zu gestalten. Gestrickte oder gehäkelte Verpackungen, selbstgebastelte Kaugummischachteln oder Magazine- alles ist möglich. »Die Sachen werden dann im Kiosk ausgestellt.« So werden Kunst und Kiosk noch enger vereint.

Übrigens: Herr Fleischer existiert wirklich. Es war der Vorbesitzer des Kiosks.

Fotos: Tom Leonhardt

Weitere Informationen zu kommenden Projekten und Ausstellungen findet ihr auf http://herrfleischer.blogspot.com/

Über Katharina Deparade

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Erstellt: 14.05. 2011 | Bearbeitet: 16.06. 2011 22:44