Feb 2011 hastuPAUSE Nr. 35 0

Eine Bude zur Burg ausbauen – das fetzt!

Zwischen Joliot-Curie-Platz und Steintor soll aus einer Ruine das größte freie Theater Sachsen-Anhalts entstehen.

© Daniel Meißner

© Daniel Meißner

Man nehme einen vom Verfall bedrohten Gebäudekomplex, eine engagierte Nachbarin, einen kulturellen Verein, einige Theatergruppen, hier und da ein paar Künstler und Kulturbegeisterte und mehrere Millionen Euro – fertig ist das größte freie Theater Sachsen-Anhalts.

Die Rede ist von der Schauburg. Sie soll auf dem ewig leerstehenden Gelände in der Großen Steinstraße 27/28 zu neuem Leben erweckt werden. Als eine Nachbarin – Petra Bredehorn-Mayr – das Gelände vor vier Jahren kaufte, um es vor dem Verfall zu bewahren, meldete sich der Verein zur Förderung der freien Kulturlandschaft Sachsen-Anhalts, um ein mutiges Nutzungskonzept vorzustellen. Die Pläne des Vereins sehen vor, dass in der Schauburg alle freien Theatergruppen aus Halle und Umgebung eine gemeinsame Spielstätte erhalten. Dazu soll nicht nur der ehemalige Kinosaal ausgebaut werden, sondern es sollen auch Künstlerwohnungen, ein Probenhaus und eine Galerie auf dem Areal entstehen. Weitere Vorstellungen sehen eine Dachterrasse, einen Klub und eine dauerhafte Herberge für die Kabarettisten Die Kiebitzensteiner vor.

Die drei bis vier Millionen Euro – die bis dato angesetzt waren – sollen von diversen Stiftungen, Sponsoren und privaten Spendern eingebracht werden. Mit den ersten Geldern sollte das Gebäude bis zum Januar 2011 so weit auf Vordermann gebracht werden, dass kleinere Veranstaltungen bereits Zuschauer und (potentielle) Sponsoren in die Schauburg locken können. Ein Rundgang auf dem Gelände des alten Gebäudekomplexes macht schnell eines deutlich: die selbstgesetzten Bauvorgaben für eine frühzeitige Nutzung der Anlage wurden nicht eingehalten.

Ortsbegehung

Den Bauzaun hinter mir lassend, stapfe ich durch tiefen Schnee, links und rechts von mir die Seitentrakte der u-förmigen, maroden Anlage. Nach einigen Metern bleibe ich stehen, vor mir das Portal zum Hauptgebäude, zwei mächtige Betonpfeiler säumen die schweren Holztüren. Von der einstmaligen Monumentalität und burgenhaften Ausstrahlungskraft ist kaum etwas zu erkennen, daher ist im Moment wohl eher von einer Schaubude als von einer Schauburg zu sprechen.

Um mich herum vom Verfall geprägte Häuser. Nur ein kleiner Teil des rechten Seitentraktes lässt sichtlich erkennen, dass sich hier etwas tut. Neue Fenster, frischer Putz, ein überdachter, moderner Eingang inklusive spärlicher Beleuchtung – die Rollläden im Erdgeschoss sind heruntergelassen. Darin sollen die Künstlerwohnungen entstehen und bereits Ende März bezugsfertig sein. An das Wohnhaus schließt ein weiteres, baufälliges Gebäude an. Keine Fenster, nur Öffnungen in der Wand, durch die man heruntergerissene Balken im Inneren sehen kann, löchriger Putz und eine Eingangstür, die nicht zum Betreten einlädt. Irgendwann soll das einmal ein Probenhaus sein. Irgendwann.

© Daniel Meißner

© Daniel Meißner

Endlich tritt jemand in meine noch sichtbaren Fußstapfen durch den Schnee und bereitet meinem Warten ein Ende. Schwere Stiefel, langer dunkler Ledermantel, ebenso dunkle, längere Haare nach hinten zum Zopf gebunden, Brille und ein freundliches Lächeln bringt er mit – Nico Käfer, Vorsitzender des erwähnten Vereins. Wir zögern nicht lange und betreten das Hauptgebäude samt großem Saal. Wir steigen über Kabel, Holzleisten und quetschen uns durch einen Nebeneingang in die Empfangshalle der Schauburg. Langsam lässt sich etwas vom alten Zauber vergangener Tage erahnen – in den Wänden und Decken schlummern immerhin die Geister eines ehemaligen Zirkus, einer Indoor-Radrennbahn und eines Kinos.

An Geister glaubt Nico Käfer nicht, aber anscheinend an Wunder. Voller Stolz führt er mich herum, verweist auf die alte, kaum erkennbare Malerei an der fünf Meter hohen Decke des Foyers, zeigt mir erhaltene Reste des Marmors, der einst die Wände verzierte, Teile der alten Stuckdecke und deutet auf in der DDR eingezogenen, zusätzlichen Decken und Wände, die weg müssen. Über die auffallend gut erhaltene Treppe – ebenfalls aus Marmor – gelangen wir vom Foyer hoch auf die Sitzränge. Die Wände auf dem Weg dorthin sind von gefrorenem Wasser überzogen, ähnlich einer Glasur, was aber nichts anderes bedeutet als: das Dach ist noch nicht gedeckt. Als wir am Rand der Empore stehen, bin ich das erste Mal beeindruckt und kann Nicos Begeisterung nachvollziehen. Die Größe und Schönheit des Saals laden zum Träumen ein und schreien nach dem Wunsch, hier einmal im Publikum zu sitzen. Im Moment jedoch hab ich das Gefühl, ich könnte durch den Einsturz des Ganzen aus meinem Traum gerissen werden, und wir treten den Rückzug an.

Auf dem Boden der Tatsachen

Die Erklärung, warum bisher keine Veranstaltungen stattgefunden haben, liegt nun auf der Hand: In der Schauburg ist noch lange nichts so weit, wie man es sich vorgenommen hatte. Zwar behinderten Schneefall und Witterungsbedingungen der vergangenen Wochen die Bauarbeiten, spricht man jedoch mit den Initiatoren, dann zeigt sich das größte Problem – das Geld.

Es mangelt an Sponsoren und Spendengeldern. Dabei sind es nicht nur die großen Summen, die fehlen. Jede noch so kleine Spende würde im Moment helfen, um beispielsweise den bürokratischen Aufwand zu bewerkstelligen, der hinter dem Großprojekt steckt. Aktuelle Ereignisse verschlimmern die Lage erheblich: Was vor kurzem noch Hoffnungsträger waren, sind mittlerweile nur noch marode Eisenträger. Nach der Prüfung durch Statiker erweist sich die vermeintlich gut erhaltene Bausubstanz als einsturzgefährdet – die Eisenträger müssen nachgebessert werden. Die anfänglich geschätzten Baukosten in Höhe von drei bis vier Millionen Euro haben sich verdoppelt.

Und weil das nicht genug ist, pfeift es von den Dächern, dass die Kiebitzensteiner sich ein eigenes Nest bauen wollen. Sie ziehen es vor, in das Gebäude des alten Puppentheaters im Mühlweg zu ziehen. Für die Schauburg bedeutet das: käme es irgendwann zum Spielbetrieb, würde der Fortgang der Theatergruppe für erheblichen Einnahmeeinbußen sorgen.

»Die Umsetzung des Projekts wird nun schwerer, aber nicht unmöglich!«, gibt mir Käfer standhaft und optimistisch zu verstehen.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
Ehemaliger Mitarbeiter
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Erstellt: 22.02. 2011 | Bearbeitet: 12.05. 2011 15:46