Mai 2011 hastuUNI Nr. 36 0

»Ein ganz anderes Verständnis«

Das US-amerikanische Hochschulwesen gilt in Deutschland als vorbildhaft, vor allem, was die Finanzierung anbelangt. Dr. Michael Kolkmann vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Halle kennt das System aus eigener Erfahrung.

Herr Kolkmann, sie haben teilweise in den USA studiert und waren später zwei Mal als Fellow dort. Nur zur Erklärung: Was versteht man unter einem »Fellow«?

Als ich das einer Angestellten der Arbeitsagentur erklären wollte, landeten wir am Ende immer wieder bei Praktikant. Aber genau das ist ein Fellow nicht. Ein Fellowship ist ein finanzierter Forschungsaufenthalt, der von Institutionen wie Universitäten oder Instituten ausgeschrieben wird.

Sie kennen also die Lehr- und Forschungslandschaft der USA aus eigener Erfahrung. Ganz allgemein: Wie ist das Wissenschafts- und Hochschulsystem der USA organisiert?

Sehr dezentral, also ähnlich wie viele andere Politikbereiche. Es kann große Unterschiede zwischen den Bundesstaaten geben, aber auch zwischen staatlichen und privat organisierten Hochschulen. Letztere sind darauf angewiesen, eigene Finanzmittel einzuwerben. Das macht sie sehr serviceorientiert, was dazu führt, dass die Studierenden als Kunden verstanden und die Unis zu Wissenschaftsdienstleistern werden.

Und für diese Dienstleistung bezahlt ein Student dann richtig viel Geld.

Ja, das stimmt. In Harvard, einer der bekanntesten privaten Universitäten, zahlt man derzeit jährlich 47 000 US-Dollar.

Wird mit diesem Geld dann der ganze Hochschulbetrieb finanziert?

Nein, nur zum Teil. In Harvard sind es sogar nur 20 Prozent. Im Schnitt machen Studiengebühren aber rund 42 Prozent der Einnahmen von privaten Hochschulen aus. Bei staatlichen sind es unter 20 Prozent.

Woher kommt dann der Rest?

Der größte Teil stammt aus dem eigenen Vermögen. Harvard hat ein Stiftungskapital von 26 Milliarden US-Dollar. Vor der Finanzkrise waren es sogar 39 Milliarden. Die Gewinne, die damit erzielt werden, decken ein Drittel des Haushalts ab. Hinzu kommen neben den Studiengebühren noch 16 Prozent vom Staat, sieben Prozent sind Schenkungen und rund vier Prozent private Zuwendungen. Die restlichen 20 Prozent fließen aus anderen Einnahmequellen, wie Partnerschaften und Kooperationen.

Auch wenn Studiengebühren nicht zu den wichtigsten Einnahmequellen gehören, sind nach deutschen Maßstäben 47 000 US-Dollar pro Jahr fast undenkbar. Allein schon, weil finanziell schwächere Familien sich das Studium ihrer Kinder keinesfalls leisten könnten.

Gerade hier ist das Hochschulsystem in den USA nicht mit dem deutschen zu vergleichen. Es gibt in den Vereinigten Staaten eine Vielzahl von Unterstützungen, die auch finanziell Schwächeren zugutekommen. Dem BAföG ähnlich ist die »Federal Student Aid«, die vergleichsweise mehr Studenten abdeckt als das deutsche Pendant. Solche »grants«, also staatliche Finanzierungen, sind leichter zu bekommen und müssen nicht zurückgezahlt werden.

Bekannt, und in Deutschland bewundert, sind die USA auch für ihre Stipendien.

Genau. Da gibt es sehr viele, etwa für akademisch besonders vielversprechende Talente oder für Sportler, etwa im Basketball oder Football, die dann allerdings die größte Zeit ihres Studiums für eine Profilaufbahn trainieren.

Die fachliche Voraussetzung spielt bei guten Sportlern also keine Rolle?

Nein, denn für die Unis ist das eine Möglichkeit, mit großen Namen zu werben. Michael Jordan hatte zum Beispiel ein Stipendium in North Carolina. Natürlich gibt es auch Diskussionen, ob solchen »Studenten« überhaupt ein Abschluss verliehen werden soll, denn in der Regel besuchen sie kaum Seminare.

Und alle, die nicht herausragend im Sport sind, müssen auf ein Leistungsstipendium hoffen oder Schulden machen?

Schulden sind in der Tat nicht ungewöhnlich in den USA. Dahinter steckt aber auch eine Logik. Mit einem guten Abschluss an einer guten Hochschule – so die Hoffnung – bekommt man sein Geld sehr bald wieder herein. Deswegen legen Eltern mit der Geburt ihres Kindes oft einen so genannten »College Plan« an, also einen Finanzierungsplan, der ihren Sprösslingen später ein Studium ermöglichen soll.

Studieren wird so doch zum Luxus beziehungsweise zur reinen Privatsache.

Ganz so ist es nicht. Es gibt auch so genannte Community Colleges, also Hochschulen, die bewusst günstig sind. Die Studierenden bestreiten hier nur einen geringen Teil der jährlichen Kosten selbst, der Rest wird vom jeweiligen Bundesstaat übernommen. Grundsätzlich ist es aber wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass in Amerika ein ganz anderes Verständnis vorherrscht. Man kümmert sich selbst um seine Angelegenheiten. Das zeigt sich sehr gut am Beispiel von Obamas Gesundheitsreform. Diese wird von konservativer und republikanischer Seite als »sozialistisches Getue aus Europa« abqualifiziert, weil man sich im Rahmen dieser Reform zwangsweise versichern muss. Vielen widerstrebt das, weil sie selbst entscheiden wollen.

Zu der amerikanischen Mentalität gehört auch, was Sie vorhin am Beispiel Harvard erwähnt haben: dass Unternehmen und auch private Personen Hochschulen gerne finanziell unterstützen. Bekannt aus dem Jahr 2007 ist eine anonyme 100-Millionen-Dollar-Spende an die University of Chicago. Warum ist so etwas in den USA möglich und in Deutschland nicht?

Das hat sicher mit dem Verhältnis der Studierenden zu ihren Unis zu tun. Die Identifikation mit der eigenen Uni ist sehr groß. Man muss dafür bezahlen, bekommt aber auch einen entsprechenden Gegenwert in Form von guten Bibliotheken, engagierten Dozenten oder kleinen Lehrveranstaltungen. Für den so ermöglichten Abschluss, der bei Hochschulen mit Renommee auch zu einem besonders guten Berufseinstieg verhilft, gibt man dann gerne etwas zurück.

Die deutschen Akademiker geben also nicht gerne etwas zurück?

So würde ich es nicht sagen, aber die Bereitschaft zu spenden oder sich zu engagieren ist in den Vereinigten Staaten ohnehin sehr stark ausgeprägt. Gesellschaftliche Gruppen wie politische Parteien sind relativ schwach, so dass viele Leute sich als »Hilfe zur Selbsthilfe« selbst einbringen. Dieses »Zurückgeben« kennt man auch in politischen Wahlkampagnen. Dort gibt es fast keine staatliche Parteienfinanzierung. Das meiste stammt aus privaten Spenden, was im weitesten Sinne zur Meinungsfreiheit gezählt wird: Wen ich unterstütze, dem spende ich Geld.

Eine abschließende Frage: Ist die Organisation des amerikanischen Wissenschaftsbetriebs für Deutschland erstrebenswert?

Das kann ich nicht wirklich beurteilen, weil da zu viele Sachen mit dran hängen. Der Prozess hat allerdings schon angefangen. Der Würzburger Anglist Stephan Kohl hat einmal einige damit verbundene Veränderungen festgehalten. Dazu gehören zum Beispiel die Einsetzung von Hochschulräten, die leistungsbezogene Besoldung von Professoren und natürlich die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen. Die Amerikanisierung hat also bereits begonnen.

Foto: Tom Leonhardt

Über Julius Lukas

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Erstellt: 17.05. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 18:14