Mai 2011 hastuINTERESSE Nr. 36 0

Die Verantwortung der Wissenschaft

»Was soll ich tun?« lautet eine der Fragen der Kantschen Moral philosophie, die sich mit der Frage nach dem objektiv richtigen moralischen Handeln beschäftigt. Mit der Problematik der Moral werden vor allem die Naturwissenschaften zunehmend konfrontiert.

Während im Zuge der Euphorie der (Natur-) Wissenschaften und des damit verbundenen Fortschritts Wissenschaft und Technik lange Zeit kaum hinterfragt wurden, tritt deren Ambivalenz immer deutlicher zu Tage. Der Philosoph Peter Kampits reflektiert 1987 in seinem Vortrag »Wissenschaft als moralische Herausforderung« darüber, dass die Wissenschaft zunehmend zu einem Machtfaktor erster Ordnung wird, der sowohl unser gesamtes Leben von der Entstehung bis hin zur Stunde des Todes steuert als auch ein enormes Zerstörungspotential mit sich bringt.

Die Wertfreiheit der Wissenschaft, die unter anderem von dem Physiker Albert Einstein konstatiert wurde, wird daher zunehmend kritisch gesehen. Wertfreiheit bedeutet, dass Wissenschaft stets nur feststellen kann, was ist und nicht was sein soll. Somit werden Werturteile aus dem Geltungsbereich der Wissenschaft ausgeschlossen.

Dass die Wissenschaft aber praktische Folgen hervorbringt, die keinesfalls wertfrei und ohne negative gesamtgesellschaftliche Konsequenzen sind, zeigen die Ereignisse 1986 in Tschernobyl sowie aktuell im Kernkraftwerk Fukushima.

Das Postulat der Wertfreiheit der Wissenschaft ist durch solche Ereignisse erschüttert und bedarf einer Ethik des wissenschaftlichen Tuns, speziell im Hinblick auf Verantwortung. »Wissen ist Macht, und Macht bedeutet Verantwortung«, sagte einst der deutsche Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker.

An dieser Stelle stellt sich allerdings die Frage nach den Akteuren. Sind es tatsächlich die Wissenschaftler oder vielmehr die Gesellschaft, die in der Verantwortung stehen, moralisch zu handeln?

Die Aufgabe der Wissenschaft ist zunächst einmal, nur Erkenntnisse über die Welt zu liefern. Konsumiert und eingesetzt werden diese aber im Endeffekt durch Politik und Gesellschaft. Die Menschen sind daher im gewissen Maße selbst verantwortlich dafür, wie die Erkenntnisse gebraucht oder missbraucht werden.

Es stellt sich daher die Frage, ob wir entgegen dem »Laster der Neugier« tatsächlich alles wollen und wissen sollen, was wir beziehungsweise die Wissenschaft können. Wissenschaft bedeutet für viele Menschen Fortschritt, dennoch muss speziell im Hinblick auf nachfolgende Generationen dieser Fortschritt einer Art moralischen Kon-trolle unterworfen werden.

Diese moralische Verantwortung einzig und allein der Gesellschaft und nicht der Wissenschaft zuzuschreiben, wäre dennoch verkehrt. Denn um moralische Entscheidungen zu treffen beziehungsweise Folgen abwägen zu können, bedarf es Hintergrundwissen und eines angemessenen Wissenschaftsverständnisses. Experten und Forscher können daher insofern moralisch handeln, dass sie im Dialog mit der Gesellschaft Wissenschaft transparent machen und es somit dieser ermöglichen, angemessen über die (moralischen) Folgen zu reflektieren.

Illustration: Susanne Wohlfahrt

Über Sabine Paschke

, ,

Erstellt: 15.05. 2011 | Bearbeitet: 12.05. 2011 20:32