Jan 2011 hastuUNI 0

Die Universität Halle wird Probleme haben

An den Hochschulen Sachsen-Anhalts laufen die Vorbereitungen für das Deutschlandstipendium. Professor Armin Willingmann ist Rektor der Hochschule Harz und zudem Präsident der Landesrektorenkonferenz. Hastzuzeit sprach mit ihm über die zurückhaltende Industrie und einen spendablen Fliesenleger.

Professor Armin Willingmann kapituliert vor den Vorgaben. Als Präsident der LRK und Rektor der HS Harz ist er mit den Problemen der Hochschulen gut vertraut.

Herr Willingmann, zum Sommersemester startet das Deutschlandstipendium. An der Hochschule Harz fängt man schon Anfang März wieder an zu studieren. Wie viele Stipendien haben Sie denn schon zusammen?

Ganz fest zurzeit nur wenige, aber wie viele es zu Beginn des Sommersemesters 2011 sein werden, kann man momentan noch nicht sagen. Nach entsprechender Schulung wird unsere dafür vorgesehene Mitarbeiterin jetzt im Januar ihre Aktivitäten starten, um Mittel zu akquirieren. Ich denke aber, dass wir in der ersten ‚Verteilungs-Runde« im Sommersemester eine knappe zweistellige Zahl schaffen könnten – vielleicht ein Dutzend.

Einen Förderer haben Sie ja mindestens schon, wie die Mitteldeutsche Zeitung bereits berichtet hat.

Das ist richtig. Im Spätsommer meldete sich ein Fliesenleger-Meister aus Quedlinburg anlässlich einer Werbeveranstaltung in einer unserer Partner-Schulen und erklärte öffentlich die Übernahme eines solchen Stipendiums. Soweit wir das erkennen können, hat dieser Unternehmer damit das erste ‚Deutschland-Stipendium« in Sachsen-Anhalt übernommen. Er hatte in der Zeitung von dem Programm des Bundesbildungsministeriums gelesen und wollte sich nun beteiligen. Seine Begeisterung, mit der er auch gleich in lokalen Unternehmerkreisen geworben hat, war schon mitreißend, zumal er das Geld nicht weiter zweckgebunden zur Verfügung stellen wollte und seine ganz persönliche Motivation erläuterte. Er berichtete, dass er selbst früher durch einen Unternehmer und väterlichen Freund gefördert worden sei und so seine berufliche Entwicklung starten konnte; dies wolle er jetzt weitergeben. Wir sollten ihm einfach unsere Hochschul-Kontonummer geben und er würde den Unternehmer-Anteil eines Stipendiums in Höhe von 1.800 €/Jahr dann überweisen.

Das ist doch ein gutes Angebot und ein guter Start.

Nur in gewisser Hinsicht. Es melden sich nun tatsächlich vermehrt kleinere Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen bei uns, die über dieses Stipendien-Programm in die Ausbildung akademischer Nachwuchskräfte in der Region investieren wollen. Das ist sehr schön, aber natürlich erst ein »Tropfen auf dem heißen Stein«. Nach den Vorstellungen von Bundesministerin Schavan hofft man ja in erster Linie auf die lautstark nach Jungakademikern suchende Industrie, die diese Stipendien finanzieren soll – und dann möglichst auch in größerem Maße. Doch die Industrie fühlt sich offenbar bis jetzt noch nicht in der Pflicht bzw verfolgt andere Modelle von Förderung und Bindung der Studierenden.

Als Präsident der Landesrektorenkonferenz haben sie einen guten Überblick über die Hochschulen in Sachsen-Anhalt. Wie ist die Gemütslage im Bezug auf das Deutschlandstipendium?

Die Einschätzungen zum Deutschlandstipendium sind über die Hochschulen hinweg die gleichen. Grundsätzlich ist es natürlich so, dass wir jede Maßnahme begrüßen, durch die Studierende eine finanzielle Unterstützung während des Studiums erfahren. Auch der Ansatz, eine Kultur zu etablieren, in der sich Unternehmen verstärkt auch an Ausbildungskosten im akademischen Umfeld beteiligen, ist sinnvoll. Doch schon die nächste Erwartung der Bundesregierung war unrealistisch, nämlich kurzfristig einen Anteil von 7% der Studierenden einer Hochschule auf diesem Wege unterstützen und dafür entsprechende Stipendien einwerben zu können. Insoweit baut die Idee des ‚Deutschland-Stipendiums« auf der falschen Vorstellung auf, dass überall in der Bundesrepublik einheitliche Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse herrschen, die es Hochschulen in Industriemetropolen ebenso wie jenen in strukturschwachen Gebieten ermöglicht, aus der Wirtschaft heraus eine nennenswerte Anzahl von Stipendien einzuwerben. Und mit dieser Diskrepanz, mit dieser deutlich schlechteren Startchance haben wir in Ostdeutschland zu kämpfen. Bei aller punktuellen Begeisterung ist dies für ein solches Stipendienmodell nicht gerade eine ideale Ausgangsbedingung.

Die rund 7,5 Millionen Euro, die man pro Jahr in Sachsen-Anhalt bei einem voll ausgebauten Programm einwerben müsste, sind also eher schwer zu erreichen?

Diese Zahl ist aus heutiger Sicht völlig unrealistisch. Wenn nicht ein unvorhersehbarer Aufschwung und ein breiter Bewusstseinswandel in den Führungsetagen der Wirtschaft einsetzt, dann ist das nicht zu schaffen. Wir haben in der Region zwar viele Unternehmen, die durchaus sehr erfolgreich und innovativ sind, aber aus Erfahrung sind die bereits in der Drittmittel- und Auftragsforschung sehr zögerlich. Beim ‚Deutschland-Stipendium« droht sich das zu wiederholen. Außerdem muss man sehen, dass bis jetzt nur wenige Hochschulen professionelle Stipendienakquise, also neudeutsch: institutionelles Fundrainsing betreiben. Wenn man das richtig machen möchte, braucht man dafür eigene, besonders geschulte und darauf konzentrierte MitarbeiterInnen, die die Werbetrommel rühren. Jetzt machen die Hochschulen das erst einmal aus eigenem Bestand, also auf eigene Rechnung – bei durchaus keineswegs üppiger Personalausstattung im Verwaltungsbereich.

Aber der Bund zahlt den Hochschulen für das Einwerben von Mitteln eine Akquisepauschale.

Dieses Geld bekommt man aber nur für schon geschaffene Stipendien. Die Hochschulen müssen also in Vorleistung gehen. Wir als kleine Hochschule haben beispielsweise nur eine Mitarbeiterin aus dem Dezernat ‚Kommunikation und Marketing«, die sich darum kümmern soll. Wir können sie aber nicht komplett und ausschließlich für dieses Programm einsetzen.

Große Bedenken gibt es auch im Bezug auf die Verteilung der Deutschlandstipendien auf die einzelnen Fachbereiche. Einige Studienrichtungen dürften bessre Chancen haben, gefördert zu werden.

Diese Annahme liegt nahe. Es wird wohl einen großen Unterschied zwischen technisch ausgerichteten und geisteswissenschaftlichen Institutionen geben. Nach meiner Erfahrung wollen die Unternehmen in der Regel nicht in eine Blackbox einzahlen, sondern auch einen Nutzen aus ihrem Engagement erkennen können. Sie wollen also gleichsam »ihren« Studierenden fördern; dies ist bislang eindeutig eher in technisch-ökonomischen Disziplinen festzustellen. In den Geisteswissenschaften ist der Pool potentieller Förderer ohnehin nicht sonderlich groß. Ich fürchte, dass dies dann besonders für die Universität Halle die Stipendien-Akquise erschweren wird.

Hat es denn Konsequenzen, wenn die Hochschulen die vom Bund geforderten Zahlen nicht schaffen?

Also eine ‚Bonus/Malus-Regelung«, wie wir sie aus der so genannten Hochschulsteuerung auf Landesebene kennen, gibt es natürlich nicht. Man bekommt halt nicht die Akquisepauschale und hat schlimmstenfalls einen Mitarbeiter umsonst eingesetzt.

Gibt es denn noch irgendeine Möglichkeit, wie man die Bemühungen der Hochschulen unterstützen könnte?

Ich denke, es würde schon helfen, wenn das Programm besser beworben wird. Das kann ruhig auch auf Bundesebene geschehen, über die Wirtschaftsverbände und meinetwegen auch mit Werbung in verschiedenen Medien. Ich glaube das deswegen, weil unser bereits genannter Fliesenleger vom Deutschlandstipendium schlicht aus den Zeitungen erfahren und sich dann an die nächstgelegene Hochschule gewandt hat.

Herr Willingmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Professor Dr. Armin Willingmann studierte Rechtswissenschaften, Volkswirtschaftslehre und Geschichte in Mainz, München und Köln. Sein erstes juristisches Staatsexamen legte er 1990 ab, sein 2.juristisches Staatsprüfung 1994. Über Stationen in Frankfurt/M., Bremen, Hamburg und Rostock gelangte er nach Wernigerode an die Hochschule Harz, wo er 1999 eine Professur für Deutsches und Internationales Wirtschaftsrecht antrat. Seit 2003 ist er Rektor der Hochschule Harz und seit 2008 auch Präsident der Landesrektorenkonferenz Sachsen-Anhalt.

Über Julius Lukas

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Erstellt: 05.01. 2011 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:37