Feb 2011 hastuINTERESSE Nr. 35 0

Die Frage nach dem Ich

Nur wenige würden von sich behaupten zu wissen, wer sie sind. Für den Großteil scheint das Problem der Selbsterkenntnis unlösbar.

Kevin Jones (Creative Commons)

»Erkenne dich selbst«, forderte bereits der Gott Apollon die Menschen zur Vergegenwärtigung der eigenen Person auf. Die Frage nach dem Ich scheint einen festen Platz in der Geschichte der Menschheit einzunehmen. Eine befriedigende und vor allem einheitliche Antwort gibt es allerdings bis heute nicht. Wer bin ich? Der deutsche Soziologe Heinz Abels differenzierte die Frage in »Wie bin ich geworden, was ich bin?«, »Wer will ich sein?«, »Was tue ich?« und »Wie sehen mich die anderen?«.

Als Antwort darauf gibt er dem Leser das Schlagwort: Identität. Womit sich eine weitere Frage anschließt: Was ist Identität? Laut Brockhaus ist die Definition ganz einfach: »Die Übereinstimmung einer Person oder einer Sache mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird.« Der Ursprung des Wortes untermauert diese Erklärung: Identität leitet sich aus dem lateinischen Wort »idem« ab, das so viel wie »dasselbe«, »derselbe«, »der Gleiche« bedeutet. Man könnte also annehmen, dass Identität etwas Beständiges sei. Die Menschen versuchen, die Identität in Dokumenten wie dem Personalausweis festzuhalten. Unser Sein setzt sich demnach aus beständigen Faktoren wie aus unserem Namen, unserer Herkunft, dem Geburtstag, unserer Augenfarbe und unserer Körpergröße zusammen.

Mit solch einer rationalen Antwort werden sich die meisten nicht zufrieden geben und behaupten, es würde ihrer Gesamtheit nicht gerecht werden.

Kehrt man zu den erwähnten Fragen Heinz Abels zurück, kann man die Identitätsmerkmale grob auf die Themen Vergangenheit, Zukunft und eigenes Handeln zurückführen. Von besonderem Interesse ist hier die Beeinflussung durch andere Personen aus dem eigenen Umfeld. Im Zusammenhang mit dem Begriff Kommunikation taucht dieser Aspekt immer wieder bei verschiedenen Wissenschaftlern auf.

Der amerikanische Philosoph George Mead ist der Ansicht, dass sich der Einzelne seiner selbst erst bewusst werde, wenn er sich mit den Augen anderer betrachte. Der deutsche Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Friedrich Krotz sowie der deutsche Soziologe Lothar Krappmann meinen sogar, dass Identität erst in der Interaktion und Kommunikation mit anderen entsteht und sich ständig verändert. Identität sei folglich nicht starr, sondern situationsabhängig.

Daher geht man davon aus, dass der Mensch keine einheitliche Identität, sondern verschiedene Teilidentitäten besitzt. Diese resultieren aus verschiedenen sozialen Rollen, die sich von Zeit zu Zeit verändern können. Die Rollen bestimmen unser Handeln und Auftreten, je nach Umfeld passen wir unser Verhalten an. Dass wir in jeder Situation und ein Leben lang gleich handeln, ist daher unwahrscheinlich. Genauso unwahrscheinlich ist es daher auch, die eigene Identität zu bestimmen.

Identität ist nicht zu fassen, und selbst Wissenschaftler finden auf die Frage nach dem Ich keine einheitliche Antwort. Und doch stellen wir sie uns ein Leben lang.

Wir müssen darauf nie nur eine Antwort geben können. So flexibel, wie ein Mensch in seiner Persönlichkeit ist, so variabel können auch immer wieder seine Antworten auf die Frage sein.

Die oben genannten beständigen Faktoren wie Herkunft, Geburtstag oder unsere Körpergröße können wir uns nicht aussuchen. Sehr wohl aber, wie wir uns damit präsentieren. Die Kommunikation mit anderen Menschen beeinflusst nicht nur uns, sondern wir beeinflussen, was wir dabei über uns vermitteln. Die Frage nach dem Ich erlaubt uns also, alles, was uns ausmachen soll, zu vereinen und uns selbst in unserer Individualität zu definieren.

Über Julia Kloschkewitz

, , , ,

Erstellt: 19.02. 2011 | Bearbeitet: 23.04. 2013 22:03