Nov 2011 hastuPAUSE Nr. 38 0

Der Blues der Stadt

© Christopher Pflug

Halle-Ammendorf. Ein verlassenes Industriegelände des ehemaligen Waggonbauwerks, leerstehende Fabrikgebäude, Schienen, schlaglochreiche, unasphaltierte Straßen, die Feldwegen gleichen: eine nahezu ideale Atmosphäre, um düstere und deprimierende Songs zu schreiben. Doch man erlebt eine Überraschung, wenn man den Klängen von Schellfisch lauscht, die hier im Musicdrome seit einem Jahr regelmäßig proben. Eingängige Melodien und kraftvolle Rhythmen sorgen selbst in dem wohl verlassensten Teil der Stadt für gute Laune. Schellfisch, das sind Hauke und Holger, die Sänger und Gitarristen, sowie Markus und Jan an Keyboard und Schlagzeug. 2009 lernten sich Hauke und Holger, die beide Geschichte studieren, im Chor ihres Instituts kennen. »Wir trafen uns ein paar Mal und arbeiteten zusammen an Songs, allerdings haben wir uns nicht als Band betrachtet«, erklärt Hauke. Deswegen hatten die beiden bis zu ihrem allerersten Auftritt 2009 beim Sommerfest von Unimono, dem Uniradio der MLU, auch keinen Namen für sich. Da sich eine Band ohne Namen jedoch schlecht anmoderieren lässt, musste schnellstmöglich ein solcher erfunden werden. »Weil uns partout nichts einfiel, haben wir schließlich ein Kochbuch genommen und eine Seite aufgeschlagen.« Ein Rezept für Schellfisch in Senfrahmsoße lieferte die nötige Inspiration. Weitere Auftritte in der Marktwirtschaft folgten, »bis wir uns endgültig entschlossen, dass zwei zwei zu wenig sind.« Seit 2010 werden die beiden Gründungsmitglieder musikalisch von Jan, der Geschichte und Politikwissenschaft studiert, am Schlagzeug und von Markus, der Lehramt Mathe und Musik belegt, am Keyboard unterstützt.

»Wir liegen zwischen Dur und Moll«

Markus war es auch, der ihren Stil erstmals als »Bluespop« beschrieb. »Auf unserer Myspace-Seite gaben wir als Genre Indie-Rock an. Weil wir aber nicht klingen wie die Arctic Monkeys, erhielten wir von vielen Seiten Kritik«, merkt Hauke an. Fakt ist, dass Schellfisch, seit sie sich das Label »Bluespop« aufgesetzt haben, mehr und mehr positive Aufmerksamkeit erfahren. Was man sich darunter vorzustellen hat, ist schwer zu beschreiben. »Unsere Tonlage befindet sich zwischen Dur und Moll. Wir versuchen die eingängigen Riffs des Pop und den dunkleren Dreiklang des Blues miteinander zu verbinden«, erklärt Jan. So klingen dann Songs wie der »Tyskie Blues« ruhig und dennoch kraftvoll, mit traurigen Motiven, die durch Schlagzeug und gut platzierte Gitarrensoli immer wieder von ungeahnter Energie belebt werden. »Wir machen keine traurige Musik«, erklärt Markus, »ebenso wenig wie Halle eine deprimierende Stadt ist.« Schellfisch hatten schon einige Auftritte. Besonders in Erinnerung geblieben ist die diesjährige Fête de la Musique, welche im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen ist. »Wir waren gerade beim Aufbauen, als auch schon im nächsten Moment durch den Sturm die gesamte improvisierte Bühne zusammenbrach, einschließlich der oberhalb befestigten Technik, die uns auf den Kopf fiel«, beschreibt Holger eindrücklich. Glücklicherweise wurde niemand schwer verletzt, so dass Schellfisch am nächsten Tag doch noch spielen konnten.

Weitere Auftritte in Planung

Gerade sind sie dabei, ihr erstes Album aufzunehmen, das bei kommenden Auftritten ausgelegt werden soll. Diese organisieren sie hauptsächlich selbst. »Meistens wende ich mich persönlich an Barbesitzer oder Vereine wie Postkult, die diesjährigen Veranstalter der Fête de la Musique«, erläutert Hauke. »Man muss immer am Ball bleiben. Zugeflogen kommt einem nichts.« Am 25. November kann jeder, der will, Schellfisch in der Mojo-Bluesbar live erleben und sich ein eigenes Bild von ihrem ungewöhnlichen Musikstil machen, der das Lebensgefühl in dieser Stadt abbildet. Es ist nicht alles auf Hochglanz poliert, vieles Verfallene wartet sehnsüchtig auf bessere Zeiten, doch erfrischen auch immer wieder Menschen mit viel Liebe und Einfallsreichtum die Kulturszene und bringen damit etwas mehr Dur zwischen das Moll.

Über Katharina Deparade

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Erstellt: 14.11. 2011 | Bearbeitet: 26.12. 2013 17:52