Mai 2011 hastuUNI Nr. 36 0

Auslastung: 3125%

Studenten, die in Vorlesungen auf die Treppenstufen ausweichen müssen, schlechte Lernbedingungen und genervte Dozenten: Überfüllte Hörsäle findet man vermutlich an jeder Uni. Aber wie sieht’s im Allgemeinen mit der Auslastung der MLU aus?

»Mist, ich muss zur Vorlesung«, murmelt meine Freundin plötzlich und räumt hektisch ihre Sachen zusammen. Wie oft schon gab es diese Situation, wenn wir uns in der wenigen gemeinsamen freien Zeit zwischen zwei Veranstaltungen mal zu einem Kaffee zusammenfinden konnten. Oftmals habe ich dann auf die Uhr geschaut, registriert, dass bis Vorlesungsbeginn noch 35 Minuten Zeit waren, wir uns meist in einem nur 100 Meter Luftlinie vom Audimax entfernten Café befanden und sie gefragt, was um alles in der Welt sie dazu bewegen könnte, eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn im Hörsaal aufzutauchen.

Mitterweile frage ich nicht mehr, ich kenne die Antwort: Meine Freundin studiert Soziologie.

Studenten, die zum regulären Vorlesungsbeginn auftauchen, haben keine Chance mehr auf einen Platz in den Bänken des Audimax und müssen sich mit der Treppe zufrieden geben. Die Luft steht und die Konzentration lässt bei rund 500 tuschelnden Studenten auch ziemlich schnell nach. Der Grund für die überfüllten Soziologie-Vorlesungen ist der Wegfall des Numerus Clausus.

hastuzeit Top-5-Quotenraten: An der MLU konnten sich im Wintersemester 2010/2011 viele Erstsemester über NC-freie Studiengänge freuen. Gut, die ein oder andere Warteliste ist bei dreißigfacher Kapazitätsüberschreitung vielleicht nicht zu vermeiden … Welches Fach kommt auf welchen Prozentwert? Zur Auswahl stehen: Psychologie (BA 60 LP), Soziologie (BA 60 LP), Soziologie (BA 120 LP), Politologie und Soziologie (BA 180 LP), Accounting, Taxation and Finance (MA 120 LP). Schickt uns die richtige Lösung und Ihr bekommt eine nicht-amtliche Dauersitzkarte für jeden Hörsaal!

Bis zum Jahr 2010 war das Fach immer zu guten 95% ausgelastet, für die Bachelor-Programme 60/90/120 plante die Uni ursprünglich 92 Neueinschreibungen ein. Da nun erstmalig die Zulassungsgrenze aufgehoben wurde, haben sich dieses Jahr jedoch 438 Erstsemester einschreiben können.

Ähnlich sieht es auch bei den Wirtschaftswissenschaftlern aus, deren Vorlesungen teilweise auf den schönen Saal des Steintorvarietés ausgedehnt werden musste: Das Audimax, der größte Hörsaal der MLU, war einfach zu klein.

Im Bereich Politikwissenschaft ist die Situation zwar nicht so drastisch, auf 151 freie Plätze kamen 208 Immatrikulationen, dennoch ist auch hier der Zusammenhang zwischen NC-Vergabe und Nachfrage deutlich erkennbar.

Soziologie und Politikwissenschaften erleben einen nie dagewesenen Boom. Dies hängt unmittelbar mit der Aufhebung der Zulassungsbeschränkung zusammen. Auch in der Psychologie sind die Begleiterscheinungen des fehlenden NCs zu beobachten: In den Wintersemestern 08/09 sowie 09/10 erreichte der Bachelor Psychologie mit 60 LP eine Auslastungskapazität von 100%, was 19 bzw. 12 Immatrikulationen bedeutete. Letztes Semester fiel der NC weg, sodass heute 500 Nebenfach-Psychologen die MLU besuchen dürfen. Dies entspricht einer satten Auslastung von 3125%. Im BA 180, der noch einen NC hat, sind dagegen nur 38 von 48 verfügbaren Plätzen belegt. Mittlerweile hat der Senat beschlossen, die NC-Schranke für die Nebenfächler wieder einzuführen.

Die überspannte Kapazität der vier genannten Studiengänge repräsentiert jedoch nicht die allgemeine Auslastungssituation der Uni.

Im Wintersemester 10/11 wurden beispielsweise 254 neue Medizinstudenten aufgenommen, was völlig der Auslastungskapazität dieses Studienganges entspricht.

Es gibt sogar Studiengänge, in denen man sich in den leeren Vorlesungen schon freut, wenn man mal drei Kommilitonen zu Gesicht bekommt. Dazu zählt beispielsweise die Wissenschaft vom christlichen Orient. Für klassisches Altertum haben sich im letzten Semester vier Erstsemester eingeschrieben – Platz hatte die MLU für 18.

Ein seltener Anblick, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Ein quasi leerer Hörsaal. (Creative Commons)

An Lehrern für Sekundarschulen wird es in naher Zukunft wohl auch mangeln, wenn man von den Daten des Immatrikulationsamtes ausgeht. Derzeit werden 1.205 Lehrer für Gymnasien, aber nur 470 Lehrer für Sekundarschulen ausgebildet.

Für das Sommersemester 2011 sind derzeit 17.588 Studierende immatrikuliert. Davon sind 10.354 weiblich, was einem Anteil von ca. 58 % entspricht. Frauen sind in jeder Fakultät auf dem Vormarsch. Einzig im mittlerweile quasi-geschlossenen Zentrum für Ingenieurswissenschaften (30,5%) und in der Naturwissenschaftlichen Fakultät II für Chemie, Physik und Mathe (38,4%) sind sie unterrepräsentiert. Die weibliche Domäne ist weiterhin die Philosophische Fakultät III (Erziehungswissenschaften). Hier machen Studentinnen ganze 84% aus.

Die vier gefragtesten Studiengänge sind:

  1. Medizin mit 1.600
  2. Rechtswissenschaft mit 1.080
  3. Pharmazie mit 708 und
  4. BWL (Bachelor 180) mit 689

eingeschriebenen Studenten insgesamt.

Für das kommende Semester wird der NC für Soziologie wieder eingeführt. Viele Dozenten haben sich über die schlechten Lehr- und Lernbedingungen bei der immensen Anzahl der Studenten beschwert. Zudem wird erwartet, dass für 2011/12 aufgrund der Doppelabgänger deutlich mehr Bewerbungen für einen Studienplatz eintreffen werden.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 12.05. 2011 | Bearbeitet: 22.07. 2011 17:24