Dez 2011 hastuINTERESSE Nr. 39 0

Auf die Menschen kommt es an

Sozialwissenschaftler untersuchen die Netze, die wir selbst weben.


Unsere sozialen Netzwerke bestehen aus realen Menschen, mit denen wir täglich leben, arbeiten, die wir sehen und anfassen, lieben oder hassen können. Dr. Sören Petermann, ehemaliger Mitarbeiter des Instituts für Soziologie an der MLU, hat sich auf den Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung spezialisiert. »Im weitesten Sinne kann man unter einem Netzwerk alle Relationen innerhalb einer Gruppe von sozialen Akteuren verstehen«, erklärt Petermann. Demnach gehören also auch unsere Dozenten und Professoren zu unserem sozialen Netzwerk. »Im engeren Sinne besteht ein Netzwerk aus individuellen Personen und deren Beziehungen zueinander«, führt er fort. Das heißt: Von wem erhalte ich Hilfe? Wer gibt mir emotionale Unterstützung in Form von Trost und Rat? Wenn man von dieser Definition ausgeht, verkleinert sich der zugehörige Personenkreis erheblich. Dem aktuellen Forschungsstand zufolge besitzt jeder Mensch ein sogenanntes »Kernnetzwerk«, bestehend aus ein bis drei Personen, die dem Ego-Akteur, also dem Ich, in Krisenzeiten beistehen, denen er sich anvertraut, die ihm Kraft geben. Diese Personen können nahestehende Familienmitglieder sein: die Eltern, Geschwister, ebenso der Partner oder ein guter Freund. Petermann erklärt weiterhin, dass für den engeren Austausch vor allem Familienbeziehungen im Vordergrund stehen, »wenn auch jüngere Studien beweisen, dass Freundschaften den Verwandtschaften nicht mehr so weit nachstehen«, räumt er ein, »emotionale Unterstützung leisten beide Personengruppen gleichermaßen.«

Und wen hast du zu deinem Geburtstag eingeladen?

Neben diesen ein bis drei Kernakteuren zählt ein durchschnittliches soziales Netzwerk bis zu zwölf weitere Personen. So beschreibt Petermann, dass diese vor allem der Geselligkeitsunterstützung dienten. » Damit sind Formen der Freizeitgestaltung, wie gemeinsame Hobbys, zusammen Ausgehen oder ein gemütlicher Koch- und Film-abend zu Hause, gemeint«, führt er fort. Doch wenn es darum geht, seinen Geburtstag zu feiern, gilt die Devise: Je mehr, desto besser. Da werden Leute eingeladen, die man seit Monaten nicht mehr gesehen hat, die man eigentlich gar nicht mag, aber aus falscher Höflichkeit einlädt. Dass man die Hälfte der Gäste nicht wirklich kennt und ihnen nicht vertraut – egal! Eine große Party beweist gesellschaftlichen Status. Daher kann man davon ausgehen, dass der Großteil der Geburtstagsgäste zu dem Teil des eigenen Netzwerkes gehört, der nur der Geselligkeitsunterstützung dient.

Wer will schon an seinem Geburtstag alleine sein?

Von 2001 bis 2002 untersuchte Petermann »Die soziale Vernetzung städtischer und ländlicher Bevölkerung am Beispiel der Stadt Halle«. Dabei kam er zu dem überraschenden Ergebnis, dass entgegen den üblichen Vorstellungen Großstadtbewohner nicht weniger soziale Kontakte als die Landbevölkerung haben. Landbewohner weisen allerdings dichtere soziale Netzwerke auf. Soll heißen: Die einzelnen Personen kennen sich untereinander besser. Ein weiterer markanter Unterschied in der Netzwerkstruktur von Stadt und Land ist die Zusammensetzung. »Während Stadtbewohner häufiger Freunde zu ihren engeren Kontakten zählen, sind es auf dem Land Familienangehörige«, stellt Petermann fest.

Im hohen Alter zählt die Familie

Netzwerke sind keine statischen Konstrukte. Sie verändern sich im Laufe eines Lebens. Das Alter der Ich-Person hat einen entscheidenden Einfluss auf die Gestalt des eigenen Netzes. »Dabei kann aber nicht von einem linearen Effekt ausgegangen werden«, fügt Petermann hinzu. Eher das Gegenteil ist der Fall. Personen im mittleren Alter, die arbeiten und eine eigene Familie gegründet haben, haben auch die größten Netzwerke. Dies lässt sich logisch nachvollziehen, da man neben der eigenen Familie auch auf Arbeit und über die Kinder in Kindergarten und Schule sehr viele Menschen kennenlernt. Mit zunehmendem Alter verringert sich die Anzahl wieder. Personen in sehr hohem Alter sind stark auf familiäre Hilfeleistungen angewiesen und wollen häufig auch keine außenstehenden Personen belasten. Ihr Netzwerk ist auf die engsten Familienangehörigen beschränkt. »Bei jungen Erwachsenen, die auf eigenen Beinen stehen können, spielt vor allen Dingen der Geselligkeitsaspekt eine entscheidende Rolle«, erklärt Petermann. Der Bedarf an Hilfe ist hier nicht so groß und die gemeinsame Freizeitgestaltung steht im Vordergrund. Studenten können unglaublich viele Menschen kennen. Das muss aber nicht heißen, dass sie von all diesen Hilfe erwarten dürfen. Häufig merken wir erst in Krisen, wer unsere echten Freunde sind.

Ein buntes Netz formt einen offenen Charakter

Dies alles betrifft typische europäische Netzwerke. Aber wie sehen Netzwerke in anderen Kulturkreisen aus? Inwiefern unterscheiden sich die Netzwerke von Immigranten, und was bewirken sie, wenn sie zu Teilen unseres Netzes werden? Petermann arbeitet heute am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Zurzeit untersucht er, welche Auswirkungen ethnische Diversität, also Vielfältigkeit, der Kontakte auf persönliche Einstellungen hat. Er erklärt: »Erste Untersuchungen haben ergeben, dass es keine Rolle spielt, ob jemand aus einer Nachbarschaft mit wenigen oder vielen Migranten kommt. Entscheidend für die Toleranzeinstellung ist die Intensität der Intergruppenkontakte.« Soll heißen: Es kommt nicht darauf an, wie viele Ausländer neben einem Ich leben, sondern darauf, wie stark dessen Kontakt zu ihnen ist. Ein Mensch kann in Berlin-Kreuzberg leben und trotzdem ausländerfeindliche Gedanken hegen, wenn er nie mit ihnen redet. Schon ein einziger enger Freund aus einem anderen Kulturkreis kann die Toleranzbereitschaft wesentlich erhöhen. Es hängt also nicht davon ab, wie viele Migranten man kennt, sondern wie gut.

Die wissenschaftliche Sicht auf einen sozialen Aspekt ist oft sehr nüchtern und sachlich, doch zeichnet sie ein recht genaues Bild unserer Realität. Es liegt in unserer Hand, wie eng wir die Fäden zu einzelnen »Netzpersonen« spannen, wann wir sie lösen und Menschen gehen lassen, wem wir uns anvertrauen oder von wem wir Hilfe erwarten können.

Über Katharina Deparade

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Erstellt: 25.12. 2011 | Bearbeitet: 17.04. 2012 21:14