Feb 2011 hastuPAUSE Nr. 35 0

Andere Länder, andere Sitten

Einheimische und ausländische Studenten berichten von ihren Erfahrungen als Austauschstudis in weltweit unterschiedlichen Hochschullandschaften. Teil 4: Der Unialltag in La Plata und Halle

Anne aus Halle

Anne aus Halle

Die Uni in Argentinien ist so eine Sache für sich: prinzipiell darf erst mal jeder kostenlos an der nationalen Universität studieren. Dementsprechend überfüllt sind dann auch die Vorlesungsräume, sowohl mit rauchenden Studenten als auch mit Hunden (in Argentinien darf wirklich JEDER studieren). Ein- bis zweimal pro Vorlesung kommt ein Bettler rein, unterbricht den Professor, um seine Leidensgeschichte vorzutragen, und bittet die Studenten um etwas Geld, welches diese auch bereitwillig geben. Wenn die Bettler verschwunden sind, kommen Vertreter mehrerer Studentenbewegungen, um Unterstützung für ihre Anliegen zu erbitten. Da wäre zum Beispiel die Forderung, dass die Mensa weiterhin bei 1 Peso pro Essen bleibt (ca. 20 Eurocent). Wenn man bedenkt, dass die Supermärkte in der Regel teurer als in Deutschland sind, ist das eine utopische Forderung, scheint aber bis jetzt zu klappen. Blöd nur, dass die Austauschstudenten das Fünffache bezahlen und ohne riesigen bürokratischen Aufwand gar nicht in die Mensa dürfen. Wenn dann auch diese Flutwelle an Störenfrieden den Raum verlassen hat, wird erst mal ein Mateherumgereicht. Für das ungeübte Auge ist der Mate ein Trinkgefäß aus Holz, gefüllt mit getrocknetem Gras (yerba), welches ständig mit heißem Wasser aufgegossen und dann durch einen Metallstrohhalm genuckelt wird (und zwar alle, auch der Professor). Bis man das schlürfende Geräusch hört, welches in Deutschland ein absolutes No-Go ist.

Nachdem jeder im Raum einmal den Strohhalm im Mund hatte und sich die ungeübten Matetrinker die Lippen verbrannt haben, bleiben meist noch 5 Minuten der Vorlesung, um sich die 200 Seiten Bücher und Texte zu notieren, die bis zur nächsten Woche in einem Copyshop am anderen Ende der Stadt kopiert und anschließend gelesen werden müssen. Beim Verlassen des 11-stöckigen Unigebäudes ohne Fahrstuhl stolpert man über die Farbtöpfe der Plakate-malenden Studenten endlich ins Freie.

Auch wenn die Argentinier viel und gerne frei haben, muss man ihnen zugestehen, dass sie sich für ihre eigene Literatur mehr interessieren als wir Deutschen für Goethe, Lessing oder Heinrich und Thomas Mann. Aber nicht nur in Sachen argentinischer Literatur sind sie informiert, manchmal bekommt man den Anschein, sie wissen auch von deutschen Philosophen, europäischer Geschichte und Geographie weit mehr als wir, obwohl uns vierzehn Flugstunden trennen. Das liegt wohl unter anderem auch daran, dass Europa immer noch und manchmal mehr als zuvor Vorbild in Sachen Technik, Wissenschaft, Kunst, Literatur und Wirtschaft darstellt. Obwohl wir uns an Lebensfreude und Gelassenheit noch einiges bei den Argentiniern abgucken können, habe ich doch von ihnen gelernt, dass Deutschland gar nicht so schlecht ist, wie wir immer denken. Manchmal ist ein bisschen Organisation, ein recht gut funktionierendes Sozialsystem, eine stabile Währung, technische Fortschrittlichkeit und eine mehr oder weniger verlässliche Planung von Dingen etwas, wofür uns andere Nationen sogar beneiden. Das schönste Kompliment, was mir ab und zu ein Argentinier macht, ist jedoch folgendes: »Ich dachte immer, dass die Deutschen sehr kalt und ernst sind, aber du beweist das Gegenteil.« Mission erfüllt.

Über Gastbeitrag

,

Erstellt: 20.02. 2011 | Bearbeitet: 20.02. 2011 13:00