Nov 2011 hastuINTERESSE Nr. 38 0

Als internationaler Student in Halle

Wie ist es, zum Studieren in ein völlig fremdes Land zu kommen, um auf unbestimmte Zeit dazubleiben? Ein Einblick in das Leben zweier internationaler Studenten in Halle.

»Das Leben hier war mir anfangs zu strukturiert. Außerdem klang die deutsche Sprache für mich wie Rammstein«, beschreibt Hristo Stoykov seine ersten Eindrücke von Halle. Der 24-Jährige kommt aus Jambol, einer Kleinstadt im Südosten Bulgariens. 2006 zog er hierher, um »Business Studies« zu studieren. Bereits in der zehnten Klasse war ihm klar, dass er im Ausland studieren möchte. »Ich wollte gar nicht unbedingt nach Deutschland«, erinnert er sich. Auswahlkriterien für den Studienort waren ein Studienprogramm auf Englisch und eine einigermaßen stabile wirtschaftliche Lage im Studienland. Die anderen potenziellen Länder wie England oder die USA waren ihm letztendlich zu teuer und Spanien, Frankreich und Italien boten ihm kein Studienprogramm in englischer Sprache. »Außerdem ist Deutschland mit 2000 km nicht so weit weg von zu Hause.« Dass es dann Halle wurde, liegt vor allem daran, dass Halle und Jambol bis in die 80er Jahre Partnerstädte waren.

Die MLU ist in Sachsen-Anhalt generell aufgrund der internationalen und englischsprachigen Studiengänge bei Ausländern sehr beliebt. Es gibt 1632 internationale Studierende, die momentan eingeschrieben sind. Sachsen-Anhalt hat insgesamt rund 4800 ausländische Studenten, 2900 trifft man an den Universitäten, 1800 an den Fachhochschulen sowie über 100 an der Burg Giebichenstein. In der Gruppe der Osteuropäer sind die Bulgaren mit 67 Studenten in diesem Semester am stärksten vertreten. Trotzdem ist ihr Anteil zurückgegangen. Vor einem Jahr lernten an der Universität in Halle noch 75 bulgarische Studenten.

Hristos Heimatland, Bulgarien, gehört mit China, Russland, Vietnam, Jemen, Marokko, Ukraine, Polen, Syrien und Indien zu den häufigsten Herkunftsländern. Auch mit seinem Studienfach steht er für den Prototyp des ausländischen Studenten: »Business Studies«, was man mit BWL vergleichen kann, ist vor allem bei internationalen Studenten ein begehrtes Fach. Neben der Betriebswirtschaftslehre sind Medizin, Naturwissenschaften und Germanistik die beliebtesten Fächer bei ausländischen Studenten. Vor Studienbeginn wurden ihm von der MLU die gleichen Informationsordner zugeschickt, die auch deutsche Studenten bekommen. Ein ausführlicheres Informationsangebot gab es vor den Veranstaltungen nicht. »Alle Probleme werden versucht über die Sprechstunde, E-Mail usw. zu lösen. Wir sind sehr offen und hilfsbereit, aber uns sind enge Kapazitäten gesetzt«, sagt Ina Hieronymus, die gemeinsam mit Andrea Schreiter als Ansprechpartnerin im International Office, das bis Ende Oktober Akademisches Auslandsamt (AAA) hieß, zur Verfügung steht.

Laut dem AAA kann die Hilfestellung für ausländische Studenten im Vorfeld nur gering ausfallen, da Personal fehle. Es werde jedoch alles getan, um den ankommenden Studenten eine Orientierung zu bieten. So gibt es beispielsweise Tutoren, die den Studenten für bestimmte Studiengänge Hilfestellung leisten und bei lebenspraktischen Tätigkeiten wie zum Beispiel einer Kontoeröffnung zur Seite stehen. Das Buddy-Programm, in dem von Seiten der Studenten eine persönliche Betreuung angeboten wird, gibt es derzeit nur für Erasmus-Teilnehmer.

Manche internationale Studenten erfüllen nicht die Voraussetzungen, um an der MLU studieren zu können. Dann haben sie die Möglichkeit, sich über das Studienkolleg auf die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) vorzubereiten. Diese wird benötigt, um sich an deutschen Universitäten einzuschreiben. Nach der Immatrikulation ist es möglich, am Sprachenzentrum Deutschkurse zu belegen bzw. innerhalb des Studiums über das Modul »Deutsch als Fremdsprache« die Sprache zu lernen.
»In keinem Land habe ich so eine gute Chance auf finanzielle Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität wie hier in Deutschland«, begründet Hristo seine Motivation, die deutsche Sprache gut zu beherrschen. So hat Hristo, der zu Beginn des Studiums kein Wort Deutsch konnte, mit dem Modul »Deutsch als Fremdsprache« sehr schnell die Sprache gelernt. Auch die vielen Kontakte, die sich durch die Uni und seinen Job als DJ ergaben, halfen ihm dabei.

Ghaith Al Mekdad hat bereits in seinem Heimtland Deutsch gelernt und in Halle sein Studium fortgesetzt. Sprachkurse an der Uni waren Teil seines Studiums. Er kam 2009 aus Daraa, einer Stadt im Südwesten Syriens, nach Halle. Hier studiert er, wie auch Hristo, »Business Studies«. Für Deutschland und insbesondere Halle entschied er sich, weil er hier schon Freunde hatte und sein Studienfach auf Englisch unterrichtet wird. Zudem ist Halle eine Partneruni seiner Uni in Syrien. Wie auch einige seiner Kommilitonen war er zuerst nur als Erasmus-Student in Deutschland und hat sein Studium anschließend verlängert.
Seine Ankunft in Halle verlief ohne Probleme. Das lag auch daran, dass in seinem Studiengang viele Syrer studieren, wodurch die meisten Fragen bereits zu Beginn geklärt werden konnten.

Von den Angeboten des International Office, wie beispielsweise Hilfe bei der Wohnungssuche, wusste der 23-Jährige nichts: »Durch meine Freunde, die schon hier studierten, brauchte ich aber auch keine Hilfe von Seiten der Uni.« So kümmerte er sich selbstständig um einen Wohnheimplatz und bekam, wie auch Hristo, sehr schnell ein Zimmer vermittelt. »Ich habe es nicht bereut, in Halle zu studieren. Die Klischees von den Deutschen wurden zum Glück nicht erfüllt.« Seinen Master möchte Ghaith wegen des mangelnden Studienangebotes trotzdem nicht hier machen. Hristo will nächstes Jahr nach Berlin ziehen. Nach fünf Jahren in Halle verlangt es ihm nun doch nach einem Kontrastprogramm.

Über Helena Werner

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Erstellt: 16.11. 2011 | Bearbeitet: 24.11. 2011 13:36