Mai 2011 hastuINTERESSE Nr. 36 0

»Alle Sicherungen durchgeknallt.«

Alexander Unzicker untersucht in seinem Buch »Vom Urknall zum Durchknall« verschiedenste physikalische Theorien auf ihre Korrektheit

Die Frage, was die Welt im Inneren zusammenhält, beschäftigt die Wissenschaft seit ihrer Existenz. Nicht nur Goethes Faust hat sich darüber den Kopf zerbrochen und ist letztendlich an dem Geheimnis gescheitert. Hat sich der Universalgelehrte früher noch mit allumfassenden Theorien zufriedengegeben, besteht heute die Notwendigkeit, mit verschiedenen Scheinwerfern die Welt auszuleuchten. Unzicker versucht mit dem Scheinwerfer der Physik Licht in das Dunkel der Weltformeltheorien zu bringen. Dabei rechnet er vor allem mit der modernen Wissenschaft ab und meint, dass die »letzten siebzig Jahre uns von einem Verständnis der fundamentalen Physik eher weggebracht haben.« Er glaubt, dass die jetzigen Wissenschaftler, anders als seine Vorbilder Einstein und Heisenberg, noch nicht viel geleistet haben.

Die verschiedensten Theorien und Probleme werden durchleuchtet. So erklärt der Autor, wieso die Gravitationskonstante eventuell doch keine feste Größe ist. In anderen Kapiteln fragt er sich, ob die dunkle Materie und die dunkle Energie wirklich existieren oder nur eine Ausrede für etwas sind, was die Forscher nicht erklären können. Während seiner ganzen Ausführungen stellt Unzicker die Frage nach dem großen Big Bang, dem Urknall, in den Vordergrund. Immer noch ist Wissenschaftlern unklar, was genau in diesem bedeutsamen Moment passierte. Daher stellt der Autor auch die Inflationstheorie in Frage, die die schnelle Expansion des Universums nach dem Urknall beschreibt. Besonders unsinnig empfindet Unzicker die Stringtheorie, was bereits der Kapiteltitel »Von der Elite zur Sekte zur Mafia« ankündigt. Im Gegensatz zum Standardmodell nimmt die Stringtheorie an, dass die Welt nicht aus Punkten, sondern aus vibrierenden eindimensionalen Objekten besteht. Er vergleicht die Theorie mit Religion, die so »verknöchert wie die Deutsche Demokratische Republik unter den Lobpreisungen der Honeckers« sei. Auf dem Höhepunkt seiner ablehnenden Ausführungen schreibt er das »Vater unser« auf die Stringtheorie um:

… Denn dein ist der String und die Kraft
Und die Unwiderlegbarkeit
In Ewigkeit. Amen

Zweifellos gibt es einige Unklarheiten in der Stringtheorie, vor allem ist sie bis heute empirisch nicht belegt. Allerdings ist die Art und Weise, wie der Autor seiner missbilligenden Haltung Ausdruck verleiht, mehr als grotesk. So soll sein Werk doch den Anspruch des Wissenschaftlichen erfüllen. Dass das Buch als Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 ausgezeichnet wurde, ist nicht nachvollziehbar. Phasenweise beschreibt Unzicker physikalische Ungereimtheiten sehr wissenschaftlich, jongliert mit den Theorien und liefert für seine Erklärungen kaum nähere Ausführungen. In solchen Momenten bleibt dem Laien nichts anderes übrig, als dem Autor Glauben zu schenken. Im nächsten Moment beschreibt er wieder persönliche Erlebnisse. Seine Beschreibungen, wie er etwa als Lehrer mit seiner Astronomieklasse Sterne beobachtet oder mit berühmten Forschern zu Mittag isst, erinnern dann eher an einen Tagebucheintrag. Verwirrend erscheinen auch seine zwischenzeitlichen Spitzen gegenüber »Forscherkollegen, die durch steuerfinanzierte Konferenzteilnahmen zu überlegener Sachkompetenz gelangt sind«. Nicht nur, dass der ständige Perspektivwechsel keinen richtigen Lesefluss zulässt, es fällt auch schwer, sich in den Autor und die Materie hineinzuversetzen.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 13.05. 2011 | Bearbeitet: 12.05. 2011 20:33