»Hip Hop kann mehr sein«
Vom 15. bis zum 17. Apil findet in Halle die zweite Auflage des Hip-Hop-Festivals "Breathe In – Break Out" statt. hastuzeit hat mit Initiator und Mitorganisator Max Rademacher über die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr und Neuerungen gesprochen.
Hallo Max, im vergangenen Jahr fand »Breathe In – Break Out!« zu ersten Mal statt. Wie fiel das Fazit aus?
Das Fazit fiel sehr positiv aus. An den drei Tagen waren viele Menschen da, was zeigt, dass Hip-Hop-Veranstaltungen in Halle und Ostdeutschland durchaus gewollt sind. Auch unser Konzept ging auf. Wir haben gezeigt, dass Hip Hop mehr sein kann als MTV-Bling-Bling und Platitüden à la dicke Hose und Fuffies im Club. Das Feedback der Teilnehmer war klar: »Wow, das ist ja keine 08/15-Party – das ist ja eine richtige Jam!«
Was bedeutet für dich denn »richtige Jam«?
Für mich ist das ein wahrhaftiges kulturelles Ereignis, eine Zusammenkunft von Aktivisten und Fans, wo das Gefühl zelebriert wird, Teil einer sinnstiftenden Bewegung zu sein. Ursprünglich kamen auf Jams alle Disziplinen zusammen und verschmolzen zu einem Ganzen, in denen jeder einen gleichberechtigten Platz hatte. Die Breaker tanzten umringt von dem Publikum in »Circles«, die Maler tauschten sich ihre »Blackbooks« aus, die Rapper wetteiferten miteinander in Wortsalven, und die DJs brachten die Menge zum Kochen. Man entdeckte sich, knüpfte Kontakte und wuchs an neuen Gegnern im kreativen Wettkampf.
Und diese Art des Zusammentreffens ist irgendwann verloren gegangen?
Solche Jams waren in den 90ern weit verbreitet in Deutschland, sind aber heute quasi in Vergessenheit geraten. Unser Festival hat es geschafft, Hip-Hop-Kultur in ihrer ganzen Bandbreite wieder aufleben zu lassen. Das Jam-Gefühl war besonders am Freitag zur Warm-up, wo viele Breaker, auch aus dem Ausland, anwesend waren, und am Samstag während der Breakdance-Battles deutlich spürbar.
Gab es für dich im letzten Jahr auch Überraschungen und unerwartete Erfolge?
Natürlich, die hohe Zahl der Kinder und Familien unter den Besuchern zum Beispiel. Das ist eher ungewöhnlich für Hip-Hop-Festivals, für uns aber ein sehr positives Zeichen. Auch die Konferenz, »Hip Hop vs. Konsumgesellschaft« war ein Erfolg. Zwischen dem Publikum, Wissenschaftlern und Hip-Hop-Zeitzeugen aus der Ex-DDR und Altbundesdeutschland entstand eine kontroverse, aber differenzierte Diskussion. Die Frage, ob Hip Hop eine klare Alternative zur entmündigenden und passiv machenden Konsumgesellschaft, in der die heutige Jugend aufwächst, bietet, konnte nicht eindeutig beantwortet werden – allein die Gegenüberstellung zwischen Hip Hop und Konsumgesellschaft empfanden viele als problematisch und zu vereinfacht. Dennoch hat das rege Interesse und das Diskussionsniveau gezeigt, dass die Fragestellung mehr als relevant ist.
Kommen wir in die Gegenwart beziehungsweise nahe Zukunft. Die zweite Auflage von »Breathe In – Break Out!« steht kurz bevor. Was erwartet die Besucher 2011 Neues?
Dieses Jahr werden wir die pädagogische Komponente wesentlich stärker betonen. Dass wir den überregionalen Kinder-und Jugendbildungsverein »Rasselbande e.V.« als offiziellen Träger ins Boot geholt haben, ist kein Zufall. Es wird diesmal nicht nur eine Konferenz zum Thema »Hip Hop als pädagogisches Projekt« geben, das Programm hat diesmal auch wesentlich mehr für Kinder und Jugendliche zu bieten.
Kannst du ein Beispiel nennen?
Na klar. Bei uns wird erstmalig in Sachsen-Anhalt parallel zum Festival einer der vier Vorentscheide des »Vita Cola Kingz of the Circle«, Ostdeutschlands größtes 1vs1-Battle, ausgetragen. Es richtet sich besonders an Nachwuchstänzer. Darüber hinaus bieten wir Samstag tagsüber ein breitgefächertes Angebot für Kinder und Familien an – Spiele, Hüpfburgen, Animationen, und vieles mehr.
Im Programm stehen auch viele Breakdance-Workshops.
Ja, da haben wir dieses Jahr viel mehr im Angebot. 2010 gab es nur einen Breakdance-Workshop, dieses Jahr gibt es insgesamt fünf, und der erste ist schon am 8. April, also eine Woche vor dem Festival. Da geben Profis vom Vita-Cola-Team einen kostenlosen Workshop. Dann haben wir dieses Jahr extra die Old-School-Legende Max One aus Spanien eingeladen, der in drei Workshops die Foundations des Tanzes – historische Exkurse eingeschlossen – vermitteln wird. Dann gibt die hallische Gruppe »Circular Flash« zusammen mit den spanischen »Fusion Rockers« und den polnischen »Polskee Flavour« einen Workshop, wo man den Tanz in seinen verschiedenen nationalen Ausprägungen entdecken kann.
Was habt ihr außer Breakdance im Programm?
Einen Film zum Beispiel. Am Freitag strahlen wir »The Freshest Kids« aus – ein enthusiastisches Portrait, das das Gefühl, BBoy und damit Teil einer weltweiten Bewegung zu sein, spürbar macht und die Vielfalt des Hip Hops in seinen lokalen Ausprägungen, auch außerhalb von Amerika, illustriert. Anschließend daran findet eine öffentliche Diskussion begleitet von Dr. Thomas Wilke (MLU Halle) statt, um kritische und spannende Fragen rund um Hip-Hop-Kultur zu stellen und sich mit Aktivisten in Rennes, Frankreich, per Liveschaltung auszutauschen.
Ihr habt auch wieder eine wissenschaftliche Konferenz mit dem Titel: »Hip Hop als pädagogisches Projekt« im Programm. Kannst du kurz erklären, worum es dabei geht?
Wesentliche Triebkräfte der Hip-Hop-Kultur sind Selbstermächtigung, Gemeinschaft und Interkulturalität. Dass hinter der sichtbaren, konsumierbaren Form von Hip Hop eine Kultur steckt, die in ihrem poetischen, einfallsreichen und mutigen Widerstand gegen jegliche Form von Unterdrückung einzigartig ist, wird selten erkannt. Auch, dass Hip Hop, besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern, politischer Aktivismus ist, ein Sprachrohr der Ausgegrenzten und sozial Schwachen. Die amerikanische Journalistin und Historikerin Cristina Veràn sagt, dass Hip Hop, besonders Rap, ein Mittel der Selbstermächtigung für indigene Völker darbietet, von den Samen in Norwegen bis hin zu den Alfuren in Indonesien. Dafür gibt es viele weitere Beispiele, die meistens außerhalb von Deutschland angesiedelt sind. Man darf sich fragen, was es nun mit dem Verhältnis zwischen Hip Hop und Bildung in Deutschland auf sich hat. Viele Dinge spielen sich in der Tat auf der Amateursebene ab. Kinder und Jugendliche praktizieren die vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen des Hip Hops hobbyweise, und damit auch Selbstbildung, denn Hip Hop ist eine Praxis der Selbstbehauptung über Wettkampf, bietet Entfaltungsspielraum per Kreativität, schafft Identitätsangebote und operiert stets integrierend, über Bezugnahme auf den Anderen.
Und wie kann man dieses Potential pädagogisch nutzen?
Das ist die zentrale Fragestellung der Konferenz. Es erwarten uns spannende Diskussionen.
Max, vielen Dank für das Gespräch.
Website »Breathe In – Break Out!«
Über Julius Lukas
Erstellt: 05.04. 2011 | Bearbeitet: 15.05. 2011 12:04
Kurz-URL: http://hastuzeit.de/ckh
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