Apr 2011 hastuPAUSE 0

»Hip Hop kann mehr sein«

Vom 15. bis zum 17. Apil findet in Hal­le die zwei­te Auf­la­ge des Hip-Hop-Fes­ti­vals "Breathe In – Break Out" statt. hastuzeit hat mit Ini­tia­tor und Mit­or­ga­ni­sa­tor Max Ra­de­ma­cher über die Er­fah­run­gen aus dem ver­gan­ge­nen Jahr und Neu­e­run­gen gesprochen.

Hallo Max, im vergangenen Jahr fand „Breathe In – Break Out!» zu ersten Mal statt. Wie fiel das Fazit aus?

Das Fazit fiel sehr positiv aus. An den drei Ta­gen wa­ren vie­le Men­schen da, was zeigt, dass Hip-Hop-Ver­an­stal­tun­gen in Hal­le und Ost­deutsch­land durch­aus ge­wollt sind. Auch un­ser Kon­zept ging auf. Wir ha­ben ge­zeigt, dass Hip Hop mehr sein kann als MTV-Bling-Bling und Pla­ti­tü­den à la di­cke Ho­se und Fuf­fies im Club. Das Feed­back der Teil­neh­mer war klar: „Wow, das ist ja kei­ne 08/15-Par­ty – das ist ja ei­ne rich­ti­ge Jam!»

Was bedeutet für dich denn »rich­ti­ge Jam«?

Für mich ist das ein wahr­haf­ti­ges kul­tu­rel­les Er­eig­nis, ei­ne Zu­sam­men­kunft von Ak­ti­vis­ten und Fans, wo das Ge­fühl ze­le­briert wird, Teil ei­ner sinn­stif­ten­den Be­we­gung zu sein. Ur­sprüng­lich ka­men auf Jams al­le Dis­zip­li­nen zu­sam­men und ver­schmol­zen zu ei­nem Gan­zen, in de­nen je­der ei­nen gleich­be­rech­tig­ten Platz hat­te. Die Brea­ker tanz­ten um­ringt von dem Pub­li­kum in »Circ­les«, die Ma­ler tausch­ten sich ih­re »Black­books« aus, die Rap­per wett­ei­fer­ten mit­ein­an­der in Wort­sal­ven, und die DJs brach­ten die Men­ge zum Ko­chen. Man ent­deck­te sich, knüpf­te Kon­tak­te und wuchs an neu­en Geg­nern im kre­a­ti­ven Wett­kampf.

Und diese Art des Zu­sam­men­tref­fens ist ir­gend­wann ver­lo­ren ge­gangen?

Solche Jams waren in den 90ern weit ver­brei­tet in Deutsch­land, sind aber heu­te qua­si in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Un­ser Fes­ti­val hat es ge­schafft, Hip-Hop-Kul­tur in ih­rer gan­zen Band­brei­te wie­der auf­le­ben zu las­sen. Das Jam-Ge­fühl war be­son­ders am Frei­tag zur Warm-up, wo viele Brea­ker, auch aus dem Aus­land, an­we­send wa­ren, und am Sams­tag wäh­rend der Break­dance-Battles deut­lich spür­bar.

Gab es für dich im letz­ten Jahr auch Über­ra­schun­gen und un­er­war­te­te Er­folge?

Natürlich, die hohe Zahl der Kin­der und Fa­mi­li­en un­ter den Be­su­chern zum Bei­spiel. Das ist eher un­ge­wöhn­lich für Hip-Hop-Fes­ti­vals, für uns aber ein sehr po­si­ti­ves Zei­chen. Auch die Kon­fe­renz, »Hip Hop vs. Kon­sum­ge­sell­schaft« war ein Er­folg. Zwi­schen dem Pub­li­kum, Wis­sen­schaft­lern und Hip-Hop-Zeit­zeu­gen aus der Ex-DDR und Alt­bundes­deutsch­land ent­stand ei­ne kon­tro­ver­se, aber dif­fe­ren­zier­te Dis­kus­sion. Die Fra­ge, ob Hip Hop eine kla­re Al­ter­na­ti­ve zur ent­mün­di­gen­den und pas­siv ma­chen­den Kon­sum­ge­sell­schaft, in der die heu­ti­ge Ju­gend auf­wächst, bie­tet, konn­te nicht ein­deu­tig be­ant­wor­tet wer­den – al­lein die Ge­gen­über­stel­lung zwi­schen Hip Hop und Kon­sum­ge­sell­schaft emp­fanden vie­le als prob­le­ma­tisch und zu ver­ein­facht. Den­noch hat das re­ge In­ter­es­se und das Dis­kus­sions­ni­veau ge­zeigt, dass die Fra­ge­stel­lung mehr als re­le­vant ist.

Kommen wir in die Ge­gen­wart be­zie­hungs­wei­se na­he Zu­kunft. Die zwei­te Auf­lage von »Breathe In – Break Out!« steht kurz be­vor. Was er­war­tet die Be­su­cher 2011 Neues?

Dieses Jahr werden wir die pä­da­go­gi­sche Kom­po­nen­te we­sent­lich stär­ker be­to­nen. Dass wir den über­re­gio­na­len Kin­der-und Ju­gend­bil­dungs­ver­ein »Ras­sel­ban­de e.V.« als of­fi­ziel­len Trä­­ger ins Boot ge­holt ha­ben, ist kein Zu­fall. Es wird dies­mal nicht nur eine Kon­fe­renz zum The­ma »Hip Hop als pä­da­go­gi­sches Pro­jekt« ge­ben, das Pro­gramm hat dies­mal auch we­sent­lich mehr für Kin­der und Ju­gend­li­che zu bieten.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Na klar. Bei uns wird erst­ma­lig in Sach­sen-Anhalt par­al­lel zum Fes­ti­val ei­ner der vier Vor­ent­schei­de des »Vi­ta Co­la Kingz of the Cir­cle«, Ost­deutsch­lands größ­tes 1vs1-Battle, aus­ge­tra­gen. Es rich­tet sich be­son­ders an Nach­wuchs­tän­zer. Da­rü­ber hi­naus bie­ten wir Sams­tag tags­über ein breit­ge­fä­cher­tes An­ge­bot für Kin­der und Fa­mi­lien an – Spie­le, Hüpf­bur­gen, Ani­ma­tio­nen, und vie­les mehr.

Im Programm ste­hen auch vie­le Break­dance-Work­shops.

Ja, da haben wir dieses Jahr viel mehr im An­ge­bot. 2010 gab es nur ei­nen Break­dance-Work­shop, die­ses Jahr gibt es ins­ge­samt fünf, und der ers­te ist schon am 8. Ap­ril, also eine Wo­che vor dem Fes­ti­val. Da ge­ben Pro­fis vom Vita-Co­la-Team einen kos­ten­lo­sen Work­shop. Dann ha­ben wir die­ses Jahr ex­tra die Old-School-Le­gen­de Max One aus Spa­nien ein­ge­la­den, der in drei Work­shops die Foun­da­tions des Tan­zes – his­to­ri­sche Ex­kur­se ein­ge­schlos­sen – ver­mit­teln wird. Dann gibt die hal­li­sche Grup­pe »Circular Flash« zu­sam­men mit den spa­ni­schen »Fusion Rockers« und den pol­ni­schen »Polskee Flavour« einen Work­shop, wo man den Tanz in sei­nen ver­schie­de­nen na­tio­na­len Aus­prä­gun­gen ent­de­cken kann.

Was habt ihr außer Break­dance im Pro­gramm?

Einen Film zum Bei­spiel. Am Frei­tag strah­len wir »The Freshest Kids« aus – ein en­thu­si­as­ti­sches Por­trait, das das Ge­fühl, BBoy und da­mit Teil einer welt­wei­ten Be­we­gung zu sein, spür­bar macht und die Viel­falt des Hip Hops in sei­nen lo­ka­len Aus­prä­gun­gen, auch au­ßer­halb von Ame­ri­ka, il­lus­triert. An­schlie­ßend da­ran fin­det ei­ne öf­fent­li­che Dis­kus­sion be­glei­tet von Dr. Thomas Wilke (MLU Halle) statt, um kri­ti­sche und span­nen­de Fra­gen rund um Hip-Hop-Kul­tur zu stel­len und sich mit Ak­ti­vis­ten in Rennes, Frankreich, per Live­schal­tung aus­zu­tauschen.

Ihr habt auch wieder eine wis­sen­schaft­li­che Kon­fe­renz mit dem Ti­tel: „Hip Hop als päd­a­go­gi­sches Pro­jekt» im Pro­gramm. Kannst du kurz er­klä­ren, wo­rum es da­bei geht?

We­sent­li­che Trieb­kräf­te der Hip-Hop-Kul­tur sind Selbst­er­mäch­ti­gung, Ge­mein­schaft und In­ter­kul­tu­ra­li­tät. Dass hin­ter der sicht­ba­ren, kon­su­mier­ba­ren Form von Hip Hop eine Kul­tur steckt, die in ih­rem po­e­ti­schen, ein­falls­rei­chen und mu­ti­gen Wi­der­stand ge­gen jeg­li­che Form von Un­ter­drü­ckung ein­zig­ar­tig ist, wird sel­ten er­kannt. Auch, dass Hip Hop, be­son­ders in Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­dern, po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus ist, ein Sprach­rohr der Aus­ge­grenz­ten und so­zial Schwa­chen. Die ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­lis­tin und His­to­ri­ke­rin Cris­ti­na Ve­ràn sagt, dass Hip Hop, be­son­ders Rap, ein Mit­tel der Selbst­er­mäch­ti­gung für in­di­ge­ne Völ­ker dar­bie­tet, von den Sa­men in Nor­we­gen bis hin zu den Al­fu­ren in In­do­ne­sien. Da­für gibt es vie­le wei­te­re Bei­spie­le, die meis­tens au­ßer­halb von Deutsch­land an­ge­sie­delt sind. Man darf sich fra­gen, was es nun mit dem Ver­hält­nis zwi­schen Hip Hop und Bil­dung in Deutsch­land auf sich hat. Vie­le Din­ge spie­len sich in der Tat auf der Ama­teurs­ebene ab. Kin­der und Ju­gend­li­che prak­ti­zie­ren die viel­fäl­ti­gen künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men des Hip Hops hob­by­wei­se, und da­mit auch Selbst­bil­dung, denn Hip Hop ist eine Pra­xis der Selbst­be­haup­tung über Wett­kampf, bie­tet Ent­fal­tungs­spiel­raum per Kre­a­ti­vi­tät, schafft Iden­ti­täts­an­ge­bo­te und ope­riert stets in­te­grie­rend, über Be­zug­nah­me auf den Anderen.

Und wie kann man die­ses Po­ten­tial päd­a­go­gisch nutzen?

Das ist die zent­rale Fra­ge­stel­lung der Kon­fe­renz. Es er­war­ten uns span­nen­de Diskussionen.

Max, vielen Dank für das Gespräch.

Website „Breathe In – Break Out!»

Über Julius Lukas

Erstellt: 05.04. 2011 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:36