Jul 2011 hastuINTERESSE Nr. 37 0

»Kreativität ist mehr als Basteln und Malen.«

Halle-Neustadt: Groß. Viele Menschen. Wohnsiedlungen: »Massenmenschhaltung«. Der perfekte Ort für Sachsen-Anhalts erste »Kreativitätsschule«?

Foto: Tom Leonhardt

»Wir fühlen uns alle sehr wohl hier. Wir haben ein schönes Gebäude für uns gefunden und ein wunderbar grünes Außengelände mit sehr alten, schönen Bäumen. Einige der Eltern sind zwar zu Beginn skeptisch, wenn sie ›Neustadt‹ hören. Aber wenn sie sich unsere Schule dann angeschaut haben, sind die Bedenken meist verflogen«, kommentiert Dr. Torsten Hentschel den Standort seiner Schule. Mitten in Neustadt, in einem typischen Plattenbauten-Wohngebiet, liegt sie: Die »Erste Kreativitätsschule Sachsen-Anhalts e. V.«. Obwohl die Schule direkt von Wohnungsblöcken umgeben ist, schaut man aus den Fenstern immer ins Grüne: Rings um das Schulgelände liegt ein kleiner Wald, der das Gebäude vom »Neustädter Flair« abschirmt. Auf dem Schulhof gibt es einen Spielplatz, einen Basketball-Korb und viele andere Plätze, auf denen die Kinder während der Hofpause spielen können. Auch das Innere der Schule ist ganz anders als das graue Klischee: Die Wände sind in der einen Richtung in einem angenehmen Grün und in der anderen Richtung in einem knalligen Orange gehalten. »Das hat sich unser Architekt so ausgedacht. Uns und den Kindern gefällt es gut.« Der Verein hatte schon 1992 eine alte Villa in Neustadt für das Nachmittagsprogramm der Kinder gemietet. 1997 fiel dann der Entschluss, eine eigene Grundschule zu gründen. Schon damals stand fest: »Den Standort Neustadt geben wir nicht auf.«

Kreativität als Unterrichtsfach?

»Wir geben den Eltern kein Versprechen, dass ihre Kinder bei uns besonders kreativ werden oder zu 100 Prozent nach der Grundschule auf ein Gymnasium gehen«, stellt Hentschel gleich zu Beginn klar. Seit 2002 ist der promovierte Pädagoge Geschäftsführer des Vereins. »Was wir aber versprechen können, ist, dass wir die Kinder an ihre eigenen Grenzen führen und ihnen dafür ein geeignetes Umfeld bieten.« Dieses Versprechen, so Hentschel, schließe Kreativität natürlich ein, würde aber »klassische Leistungsmerkmale« nicht ausschließen. Obwohl die Frage bei seiner Schule auf der Hand liegt, drückt sich Hentschel um eine Definition von Kreativität: »Ich bin kein Kreativitätsforscher und kann deshalb keine Definition dafür angeben.« Für den Mathematik-Didaktiker ist ein Kind nicht automatisch kreativ, wenn es »gerne bastelt und malt«. Viele der Eltern kommen nämlich genau mit diesem Gedanken an seine Schule, aber: »Kreativität ist nicht an irgendwelche Fächer gebunden. Für mich geht es darum, die Kinder im Grundschulalter bereits zu gewissen Eigenleistungen zu bringen.« Dafür bietet die Schule den Kindern neben den regulären Fächern wie Mathematik, Deutsch und Sachunterricht zusätzliche Kurse am Nachmittag an, wie Theater, Handwerkliches Bauen, Tanz und Bewegung, PC, Musik / Rhythmik und Denken, Knobeln und Experimentieren. Kreativität wird also nicht nur auf die musischen Bereiche festgeschrieben. Um den Schülern eine fachlich fundierte Ausbildung zu bieten, werden für die Sonderkurse externe Lehrbeauftragte angestellt: Zum Beispiel Theaterpädagogen oder Musiker mit einer Fachweiterbildung für Rhythmik. Um einen Überblick über alle Angebote zu bekommen, lernen die Schüler in den ersten beiden Jahren alle Bereiche kennen. Für die Klassen 3 und 4 können sie dann selbst entscheiden, wo sie ihre Schwerpunkte setzen wollen. »Die meisten Eltern schicken ihre Kinder genau wegen diesem Ganztagsprogramm zu uns auf die Schule«, ergänzt Hentschel, der seinen Sohn damals auch auf die Schule geschickt hat.

Schule macht Spaß!

Ein komplett festgelegtes Unterrichtskonzept gibt es an der Schule nicht. Das sei Hentschel zufolge einer der großen Vorteile seiner Schule, die er – natürlich – als »beste Schule in ganz Halle« ansieht: »Wir haben uns bewusst gegen ein starres Lehrformat entschieden.« Die Lehrerinnen würden je nach Situation und je nach Bedarf der Schüler einen Methodenmix verwenden. Dazu gehört auch, dass während der Unterrichtsstunde im Hintergrund entspannende Klaviermusik gespielt wird. Das wichtigste Ziel in der Grundschule sei es, den Schülern zu vermitteln, dass Schule Spaß macht. Für die Kreativitätsschule sind deshalb die häufig belächelten Konzepte der Montessori- oder Waldorfschulen kein Tabu. »Würden die Schüler auf diese Weise nichts lernen, gäbe es diese Schulen nicht mehr.« In diesem Methodenbaukasten sieht Hentschel den entscheidenden Vorteil gegenüber staatlichen Schulen: »Dort werden einfach die Chancen, die es gibt, nicht genutzt. Es steht nirgendwo geschrieben, dass man zwingend nur Frontalunterricht betreiben muss. Aber staatliche Schulen sind in solchen Fragen oft sehr träge.« Dabei sei es gerade im Kindesalter sehr wichtig, den Spaß am Lernen zu wecken. Schließlich würden die Kinder ihre ganze Schullaufbahn davon zehren, wenn ihnen bereits die Grundschule Spaß gemacht hat. Hentschel ergänzt: »Trotzdem sind wir bei uns leistungsorientiert. Wir sitzen nicht nur rum, malen Bilder und freuen uns den ganzen Tag.«

Besondere Lehre, besondere Lehrer?

Die vierte Klasse beim Proben für ihr Abschiedsstück (Foto: Tom Leonhardt)

Um die Methode den Schülern immer genau anzupassen, braucht es natürlich gut ausgebildetes Personal. »Das heißt aber nicht, dass wir nur Pädagogen mit zertifizierten Fachweiterbildungen anstellen.« Ein normales Studium der (Grundschul-)Pädagogik sei formal völlig ausreichend. Viel wichtiger wäre bei den Auswahlgesprächen, inwieweit sich die Bewerber mit dem Konzept der Schule identifizieren können. »Wenn die Einstellung der Bewerber stimmt und sie sich der Aufgabe stellen wollen, kriegen wir den Rest gemeinsam hin.« Um immer auf dem aktuellen Stand zu sein, gehen die Pädagogen der Kreativitätsschule regelmäßig zu Weiterbildungen. Dieser starke Fokus auf Weiterbildungen sei für die Schule »Fluch und Segen« zugleich: Durch die zahlreichen Aus- und Weiterbildungen sind die Pädagogen bei den staatlichen Schulen, vor allem auch in den alten Bundesländern, sehr begehrt. Da passiert es häufiger, dass junge Lehrkräfte mit der Aussicht auf eine Festanstellung und Verbeamtung abgeworben werden. »Mit solchen Angeboten können wir natürlich nicht mithalten. Wir sind quasi ein Privatbetrieb und können solche Garantien nicht geben.« Schließlich müssten sich alle Schulen in freier Trägerschaft selbst finanzieren. Diese Unabhängigkeit hat auch einen Vorteil: Anstatt Lehrer vom Land zugeteilt zu bekommen, wird jeder Lehrer an der Kreativitätsschule von Hand ausgewählt. »An einer öffentlichen Schule gibt es dann Lehrer, die schon an 28 anderen waren. Das hat dann häufig einen Grund. Es gibt eben nicht nur gute, sondern auch schlechte Lehrer. Wir können uns diejenigen raussuchen, die am besten zu uns, unserem Konzept und den Kindern passen.«

 

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 25.07. 2011 | Bearbeitet: 14.11. 2011 16:33