Aug 2010 hastuPAUSE Nr. 33 0

Zwischen Napola und Käseschnitzel

Die Franckeschen Stiftungen sind einer der wichtigsten Orte Halles. Auch zur Nazizeit hatten sie eine bewegte Geschichte.

Ich sitze in der Mensa der Franckeschen Stiftungen, um mich herum sind alle Tische von Studenten beim Mittagessen besetzt. Verdammt, heute ist Redaktionsschluss, und ich habe keinen Artikel zustande gebracht. Etwas über Hochschulpolitik oder studentisches Engagement wäre gut. Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen: »Guten Tag! Dürfte ich mich neben Sie setzen?« Es ist ein rüstiger älterer Herr mit grauem Haar, einem netten Schmunzeln auf den Lippen und einem Tablett in der Hand. Er setzt sich, und wir kommen ins Gespräch.

Eine Gemeinsamkeit ist schnell gefunden: Wir heißen beide Schröder. »Allerdings werde ich mit oe und dt geschrieben. Ziemlich selten ist das«, bemerkt Herr Schroedter und spricht mit sonorer Stimme weiter: »Wissen Sie, ich mag es hier. All die jungen Leute, die das Wissen aufsaugen wollen. Ich war schon einmal hier in diesem Speisesaal. Das erste Mal 1935.

Da sah er aber etwas anders aus.« Er zeigt nach oben: »Die zweite Etage war natürlich noch nicht eingezogen.« Ich frage Herrn Schroedter, woher er kommt und was ihn damals, 1935, hierher verschlagen hatte. »Aufgewachsen bin ich in Sömmerda, als Sohn eines Pfarrers. 1935 wurde ich mit zehn Jahren in das Internat der Franckeschen Stiftungen geschickt.« Auf die Frage, wieso seine Eltern ihn so weit von Sömmerda weggeschickt hätten, antwortet er mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck: »Mein Vater war bereits Schüler des Internates. Er sagte immer zu mir: Junge, ich war auf einer guten Schule, dorthin gehst du auch.« Dazu kam, dass alle anderen Internate in der Nähe des Elternhauses bereits den Nazis als sogenannte Napola dienten. Ich erinnere mich an einen Film, der sich mit nationalpolitischen Erziehungsanstalten befasste: In den Napola sollte Hitlers junge Elite herangezüchtet werden.

Sex war kein Thema

Während Herr Schroedter nun sein Käseschnitzel verzehrt, erzählt er, dass sich die Franckeschen Stiftungen bis zuletzt gegen den Einfluss der Nationalsozialisten wehren konnten: »Das war Dr. Dorn und Pastor Müller zu verdanken. Sie führten das Internat als einen Verein, der sich weitestgehend von den Nationalsozialisten abgrenzen konnte.« Die Franckeschen Stiftungen von damals bezeichnet Herr Schroedter trotzdem als nationalkonservativ: »Es gab drei Themen, in denen wir keine Aufklärung erfuhren: Politik, Wirtschaft und Sexualität. Da waren wir als junge Menschen auf uns gestellt.«

Das Internatsgelände verlassen und in die Stadt gehen durften die Schüler nur mit Genehmigung des Erziehers. »Doch einmal die Woche hieß es antreten. Wir versammelten uns in Reih und Glied vor unseren Quartieren, und dann gingen wir los, um mit den anderen Kindern der Stadt Fußball zu spielen.« Herr Schroedter schaut sich nachdenklich um. Die meisten Studenten beenden gerade ihr Mittagessen und bringen ihre Tabletts weg. Wir unterhalten uns noch eine Weile über das Studentenleben. Und welche Freiheiten die Jugend heute genießt. Und erst die Pressefreiheit! Herr Schroedter hat immer mindestens eine Zeitung dabei: »Politik, Religion und Kunst sind die Themen, die für mich wichtig sind.« Er öffnet seine Tasche und zeigt mir seine Zeitungssammlung.

Marschieren statt beten

Herr Schroedter ist 82 Jahre alt und lebt in Stendal. Er ist auf der Durchreise von der Landesgartenschau in Aschersleben nach Hause. »Es war eine gute Zeit hier, denn es bildeten sich kameradschaftliche Beziehungen, die zum Teil noch bis heute halten. Zwei meiner Freunde von damals wohnen auch noch hier.« So gut es die Leiter der Stiftungen auch zu vermeiden versuchten: Die Nazis gewannen weiter an Einfluss auf den Schulalltag: »Jeden Mittwoch und Sonnabend fiel der Gottesdienst aus. Dafür mussten wir zur Hitlerjugend – zwei Stunden Propagandamärsche durch die Stadt. Trotzdem haben wir diese ganze dunkle Wolke, die mit den Nazis heraufzog, eigentlich nicht richtig bemerkt.«

Herr Schroedters Vater ist als Soldat beim Überfall auf Belgien gefallen. »Er wurde von zwei rangierenden deutschen LKW zerquetscht«, sagt er mit einem gequälten Lächeln. Für den heranwachsenden Jugendlichen, der Herr Schroedter damals war, stellte sich die Entfernung zwischen Halle und Sömmerda als Glücksfall heraus. So war er nicht ständig der tiefen Trauer ausgesetzt, die in seinem Elternhaus nach dem Tod des Vaters herrschte. Mit sechzehn Jahren wurde Herr Schroedter dann auch zum Kriegsdienst eingezogen. Doch er geriet schon bald in amerikanische Gefangenschaft. Nach dem Krieg studierte Herr Schroedter dann Theologie und Kunstgeschichte in der amerikanischen Zone Deutschlands. Doch nach dem Studium zog es ihn wieder in den Osten.

Plötzlich schaut Herr Schroedter auf die Uhr, steht auf und verabschiedet sich zu einem Termin. So plötzlich wie er auftauchte, ist er wieder weg. Ich bleibe noch eine Weile sitzen, lasse das Gespräch auf mich wirken, bis ich merke, dass kein Mensch mehr in der Mensa sitzt. An der Wand neben der Treppe entdecke ich alte Bilder des Speisesaals. So muss es hier ausgesehen haben, damals, 1935, als Herr Schroedter von seinem Vater hierher gebracht wurde.

Über Julius Schröder

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Erstellt: 08.08. 2010 | Bearbeitet: 24.08. 2010 13:13