Apr 2010 hastuUNI Nr. 32 0

Zur Miete bei den Freimaurern

Unsere Lehrgebäude haben alle eine Geschichte. Nicole hat die Archive durchforstet und stellt in einer Reihe ihre Recherche-Ergebnisse vor. Teil 5: Die Seminare für Südasienwissenschaften und Indogermanistik

Das Freimaurer Logenhaus - heute das Indogermanistische Gebäude (Quelle: Peter Pollandt)

Goethe, Chaplin, Che Guevara, Churchill und der hallische Medizinprofessor Reil. Auf den ersten Blick könnte man denken, dass diese Persönlichkeiten nicht viel gemein haben. Von bekannten Politikern über berühmte Musiker und Dichter bis hin zu vielen Schauspielern – die Liste ist nahezu endlos. Doch eine Sache verbindet all diese Männer: Sie waren Freimaurer. So auch Guntram Seidler, der Chronist der hallischen Logengeschichte. hastuzeit hat mit ihm über das Haus seiner Loge und über die Freimaurerei in Halle gesprochen.

Ideale der Aufklärung

Der Begriff Freimaurer kommt vom englischen freemason, was zu Deutsch »Steinmetz« bedeutet. Die Freimaurer berufen sich auf die mittelalterlichen Traditionen der Maurerzünfte und sind in so genannten Logen organisiert. Während der Zeit der Aufklärung entwickelten sie sich zu Versammlungen, in denen die neuen Ideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit frei diskutiert werden konnten. Aufgrund der Geheimhaltung ihrer Mitglieder und Rituale wurden die Freimaurer im Laufe der Geschichte immer wieder Ziele von Verschwörungstheorien. Nach eigenen Aussagen besteht ihr Anliegen jedoch ausschließlich darin, den Gedanken der Toleranz und Humanität weiterzugeben. Seidler erklärt: »Die Mitglieder verfolgen keine gemeinsamen wirtschaftlichen und politischen Interessen, denn das würde ihrem pluralistische Selbstverständnis widersprechen.«

In Halle hat die Freimaurerei eine jahrhundertealte Tradition. Bereits 1743 wurde die erste hallische Loge gegründet, der hauptsächlich Studenten der hallischen Universität angehörten. Bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten gab es in Halle fünf Freimaurerlogen mit über 1000 Mitgliedern.

Kraft der Symbole

Der hallischen Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« wurden die gemieteten Räume in der ehemaligen Deutschen Aktien-Brauerei in der Nähe des Steintors zu klein, und so erwarb sie 1906 das Haus in der heutigen Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße 26. Ursprünglich hatte sich der Medizinprofessor und Stadtverordnete Ernst Kohlschütter 1876 dieses Haus bauen lassen.

Der Festsaal der Freimaurer im Gebäude der Indogermanistik (Quelle: Stadtarchiv)

Die Loge ließ die Villa erweitern, da sie für ihre Tätigkeit einen großen Arbeitssaal (einen so genannten Tempel) sowie einen Speise- und Festsaal benötigte. Um damals in den Arbeitssaal im Erdgeschoss zu gelangen, musste man sieben Stufen hinabsteigen. Die sieben Stufen sollten die sieben freien Künste und die zusammengenommenen platonischen und christlichen Tugenden symbolisieren. Heute befindet sich dort die Bibliothek für die Fachbereiche Indogermanistik, Südasien und Fremdsprachen. In dem ehemaligen Speise- und Festsaal der Loge im Obergeschoss ist heute der Seminarraum II zu finden.

Die Freimaurer fügten ihrem Haus noch weitere Symbole hinzu. Vor dem Hauseingang ließen sie ein Pentagramm in das Pflaster ein und auf den beiden Treppenwangen je eine Sphinx aufstellen. Das Pentagramm hat mehrere Bedeutungen. »Am Eingang eines Grundstücks kann ein solches Pentagramm symbolisch als Gruß- und Erkennungszeichen betrachtet werden. Es soll aber auch durch seine nach außen zeigende Spitze den Eintritt des Bösen verhindern und dem Logenhaus Schutz bieten«, erläutert Seidler. Die Sphinxen deuteten auf die geistigen Wurzeln, die damals die Freimaurer in alten ägyptischen Mysterien suchten.

Auflösung der Logen

Die Loge verkaufte das Haus 1935 an die Universität, da sie sich einerseits in einer zunehmend schwierigen finanziellen Situation befand und ihr andererseits das Verbot durch die Nationalsozialisten drohte. An der Villa wurden zwangsläufig alle freimaurerischen Ausschmückungen entfernt. Der seitliche Anbau einschließlich der Freitreppe wurde abgetragen. Die Geographische Fakultät zog ins Untergeschoss und die Musikwissenschaft ins Obergeschoss ein. »Die Musikwissenschaft wurde 1913 gegründet und soll nach mündlichen Überlieferungen schon vorher die oberen Gesellschaftsräume des Logenhauses zu Übungszwecken mit genutzt haben«, so Seidler. Dies sei zwar nicht durch Akten der MLU belegt, läge aber wegen der vielen im Musikberuf beschäftigten Logenmitglieder nahe. Heute befindet sich im Seminarraum II im Obergeschoss noch eine Orgel. Seidler geht davon aus, dass sie erst durch die MLU dorthin kam.

In Halle gab es bis zur Auflösung der Logen durch die Nationalsozialisten noch zwei weitere Logenhäuser: das Tschernyschewskij-Haus, das seit kurzem im Besitz der Leopoldina ist, und das Puschkinhaus, in dem sich inzwischen das Thalia-Theater und das Puschkino befinden. Da in der DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik alle Anträge auf Wiederzulassung der Freimaurerlogen abgelehnt wurden, blieben die zwangsweise verkauften Logenhäuser enteignet, wurden umgebaut oder verfielen teilweise.

Rückkehr nach der Wende

Die Villa in der Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße wurde 1990 an die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, der damals die Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« angehörte, rückübertragen. Aber die MLU konnte das Haus nun als Mieter nutzen. Bis 2005 befand sich hier ein Zweig des Geographischen Instituts. Danach sind das Seminar für Südasienwissenschaften und das Seminar für Indogermanistik eingezogen. Aber auch die Freimaurer sind hier inzwischen wiederzufinden. Sie ließen 1997/98 das Souterrain für ihre Zwecke ausbauen.

Die Nutzung des gesamten Gebäudes kam für die Freimaurer nicht mehr in Frage. »Während die Loge vor ihrer Auflösung über 200 Mitglieder besaß, umfasst der heutige Mitgliederbestand davon nur noch einen Bruchteil, für den, unabhängig von den heutigen finanziellen Möglichkeiten, das Haus ohnehin zu groß wäre«, erzählt Seidler. Heute kann man das Logenhaus als solches wieder an dem freimaurerischen Symbol des gekreuzten Winkels und Zirkels erkennen, das sich im Zaun und im Logeneingang befindet.

Seidler sagt abschließend: »Alle drei Häuser werden heute wieder im Sinne der Freimaurerei genutzt und dienen einem guten und humanistischen Zweck.«

Fotos: Stadtarchiv und Privatsammlung Dr. Peter Pollandt

Über Nicole Kirbach

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Erstellt: 23.04. 2010 | Bearbeitet: 04.05. 2010 23:42