Mai 2010 hastuUNI 3

„Wir prostituieren uns am Ende»

Die Senatssitzung am 12. Mai debattierte im ersten Teil vor allem über zusätzliche Gelder für die Agrar- und Ernährungswissenschaft.

Ein bisschen leerer als sonst waren die Reihen im Hallischen Saal am 12. Mai. Vielleicht war der bevorstehende Feiertag ein Grund, warum sich weniger Senatoren und Beisitzer zur zweiten Senatssitzung im Sommersemester einfanden. Die Beschlussfähigkeit konnte Rektor Wulf Diepenbrock trotzdem feststellen, womit zum inhaltlichen Teil übergegangen wurde.

Im Rektoratsbericht wies Rektor Diepenbrock zuerst darauf hin, dass ab 1. Juni in Magdeburg eine neue Kultusministerin ihre Arbeit aufnimmt. Er selber habe sie noch nicht kennengelernt, rechne aber damit, dass sie zur Beratung der Landesrektorenkonferenz am 3. Juni anwesend sein wird.

Der Rektor informierte zudem über die Teilnahme an der zweiten bundesweiten Exzellenzinitiative. Insgesamt sei die Universität mit drei Projekten vertreten. Darunter befinden sich zwei Graduiertenkollege und ein Exzellenzcluster. Nähere Informationen können der Pressemitteilung, die die MLU herausgegeben hat, entnommen werden. Zu den Chancen der Einreichungen bemerkte Diepenbrock, dass insgesamt weit weniger Projektvorschläge von den Hochschulen eingereicht wurden, als von DFG und Wissenschaftsrat, die zusammen über die Vergabe der  insgesamt 2,7 Milliarden Euro entscheiden, erwartet. Demnach seien für rund 150 Exzellenzcluster und rund 125 Graduiertenollege Förderungsanträge eingereicht worden.

Einen nächsten wichtigen Punkt des Rektoratsberichtes trug der Prorektor für strategische Entwicklung Bernd Six vor. Er nimmt an einer Kommission aus Hochschulangehörigen und Kultusministeriumsvertretern aus Sachsen-Anhalt teil, in der über das Indikatorenmodell, das für 5 % der Budgetzuweisungen an die Universitäten ausschlaggebend sein soll, beraten wird. Six berichtete, dass einige Regelungen durchgesetzt wurden, die der Universität Halle zugute kommen, sie jedoch insgesamt im Vergleich zu der OvGU Magdeburg schlechter dasteht. Damit verbunden sind wahrscheinlich Budgeteinbußen in Höhe von 400 000 bis 450 000 Euro. Verursacht werden diese vor allem durch schlechte Werte bei der Lehre. So ist die Auslastung an der MLU deutlich niedriger als in der Landeshauptstadt. Zudem studieren die Hochschüler in Halle länger, was sich ebenfalls negativ auswirkt. Die im Vergleich zu Magdeburg bessere Bewertung der Uni Halle im Bereich der Forschung, die beispielsweise durch den Indikator Drittmitteleinwerbung bestimmt wird, können die Defizite in der Lehre allerdings nicht ausgleichen. Bis dato werden erst 5 % der Gelder über dieses „leistungsbezogene» Indikatorenmodell vergeben. Von Seiten des Kultusministeriums ist eine Anhebung auf bis zu 15 % geplant, die jedoch von allen Hochschulen im Land abgelehnt wird.

Im Folgenden ging Rektor Wulf Diepenbrock auch auf das neue von der Bundesregierung verabschiedete nationale Stipendienprogramm ein. Die besten 10 % der Studenten sollen mit monatlich 300 Euro gefördert werden, was von allen Seiten zumeist negativ kommentiert wurde. Das auf Bundesebene beschlossene Programm soll zur Hälfte durch Unternehmen, Stiftungen oder Alumni der Universitäten getragen werden und zu jeweils einem Viertel von Bund und Ländern. Der größte Kritikpunkt an dem Stipendienmodell, den auch Rektor Diepenbrock hervorhob, sind die Umsetzungsprobleme in struturschwachen Bundesländern, wie Sachsen-Anhalt eines ist. Hier wird es schwer für die Universitäten, die verantwortlich für die Beschaffung der einen Hälfte der finanziellen Mittel ist, Unternehmen und Privatpersonen zu finden. Überdies bemerkte der Rektor, dass er schon Zweifel habe, dass das Land sein Viertel zahlen könne, und quittierte das Thema mit: „Wir müssen mal sehen, was da auf uns zukommt.»

Nachdem der Senat noch über eine Ehrenpromotion an der Theologischen Fakultät und das teils erfreuliche (Erziehungswissenschaften, teilweise Psychologie und Romanistik), teils unerfreuliche (Anglistik/Amerikanistik) Abschneiden der Uni Halle beim CHE-Ranking informiert wurde, kam das Gremium zu einem der Hauptpunkte der Sitzung. Auf der Tagesordnung stand die Abstimmung über ein Konzept für die Besetzung dreier neuer Professuren am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften. Diese neuen Stellen können geschaffen werden, weil das Land für zwei Jahre jeweils eine Million Euro zur Stärkung der Agrar- und Ernährungswissenschaften und der intensiveren Kooperation mit außeruniversitären Einrichtungen bereit stellt. Als Bedingung für die Bereitstellung der Gelder wird von Landesseite ein vom Senat abgestimmtes Konzept gefordert.

Professor Olaf Christen vom Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften stellte dem Senat eine Vorlage, die bereits auf Instituts- und Fakultätsebene bestätigt wurde, vor. Darin benannte er die Fachbereiche der neuen Professuren und erklärte zudem, dass man von dem Geld Ausstattung und weitere Bewirtschaftungsflächen kaufen wolle, auf denen man dann forschen kann. An die Ausführungen von Christen schloss sich eine lange und rege Debatte an. Diese drehte sich im Kern um die die Befristung der Professorenstellen, die durch die Beschränkung der Zahlungen vom Land auf zwei Jahre notwendig wäre. Würde nämlich über die beiden Jahre hinaus die Bezahlung der Professuren nicht vom Land übernommen werden, würden die Kosten auf die Universität zurückfallen. Christen merkte an, dass es nicht passieren dürfe, dass frei gewordene Lehrstühle nicht besetzt werden, weil man diese drei Professuren noch bezahlen muss.

Die einfachste Lösung für das Problem schien eine Befristung der Stellen auf fünf Jahre. Allerdings gab es hier verschiedene Gegenreden. So bemerkte die studentische Vertreterin Tina Fuhrmann, dass der Wissenschaftsrat schon angemerkt habe, dass die Landwirtschaft unterbesetzt sei und dies auch unter den Landesparlamentariern Gehör gefunden habe. Eine Befristung wäre somit ein falsches Signal. Professor Elmar Wahle vom Lehrstuhl für Allgemeine Biochemie wies zudem darauf hin, dass eine Befristung aus eigener Erfahrung zu sehr wenigen und qualitativ nicht hochwertigen Bewerbungen führe. Professor Christen führte erneut an, dass man im Falle, dass die Gelder nicht über die zwei Jahre hinaus fließen würden, handlungsfähig bleiben müsse. Altrektor Professor Wilfried Grecksch ging das Thema dann in einem langen Beitrag etwas tiefer an. Seiner Meinung nach könne man das Konzept für die Verwendung der zwei Millionen sowieso nur abstimmen, wenn die Verlängerung der Zahlung vom Land gesichert sei. Diese Zusicherung müsse auch in einer Zusatzvereinbarung zwischen Uni Halle und Land festgehalten werden, da er es schon oft erlebt habe, dass sich an Abmachungen nicht gehalten wurde.

Zunehmend kippte die Stimmung im Senat nun gegen die Zustimmung zu dem Konzept, solange nicht geklärt war, was danach passiert, wenn die Stellen nicht weiter vom Land getragen werden. Senatoren meinten, dass man sich mit solchen Angeboten nicht ohne Sicherheiten locken lassen und man das Geld lieber ablehnen solle. „Wir prostituieren uns am Ende», meinte gar Professor Wahle, der auch auf negative Auswirkungen der Gelder hinwies. Das Ministerium könnte sie zum Beispiel irgendwann zum Gesamtbudget der Uni rechnen und die eigenen Zahlungen um zwei Millionen verringern. Auch wird durch die neuen Professuren die Auslastung im Bereich Agrar- und Ernährungswissenschaften weiter gesenkt, was nicht positiv auf das Indikatorenmodell wirkt.

Entgegen den ablehnenden Meinungen warf Professor Joachim Ullrich, Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, ein, dass man sich in Bernburg, wo die Hochschule Anhalt einen Fachbereich für Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung hat, auch über die zwei Millionen freuen würde.

Am Ende wurde das Konzept unter der Bedingung, dass die finanziellen Zuwendungen verstetigt werden, angenommen. Über eine Befristung der Stellen soll zu einem späteren Zeitpunkt beraten werden.

Nach diesem ausführlich erörtertem Thema wurde der Antrag zur Einrichtung eines Master Ethnologie 120 LP besprochen. Der bisherige Master 45 bzw. 75 LP reichte nach Angaben der Ethnologie nicht mehr aus. Da für den neuen Studiengang keine zusätzlichen Kapazitäten geschaffen werden müssten, gab es nur wenige Nachfragen zum Studienprogramm. Die Einrichtung des Masters wurde dann vom Senat bestätigt.

Über die folgenden Diskussionen und Entscheidungen kann an dieser Stelle leider nicht mehr berichtet werden, da universitäre Verpflichtungen zum Verlassen der Senatssitzung zwangen.

Es wurden noch folgende Themen besprochen:

Gebührenordnung der Ethik-Kommission; Allgemeine Gebührenordnung; Fachspezifische Studien- und Prüfungsordnungen; Weiterbildung und int. Beziehungen;  Studiengang Online-Radio (MA 60 LP) – Gebührenordnung, Kostenkalkulation, Anrechnungsordnung und Studien- und Prüfungsordnung; Auswahlordnungen; Verschiedenes

Nichtöffentlich: Protokollkontrolle; Berufung; Honorarprofessur; Gastprofessur; Berufungskommission; Verschiedenes

Über Julius Lukas

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Erstellt: 13.05. 2010 | Bearbeitet: 17.05. 2010 02:39