Was ist eigentlich die weibliche Form von Nazi?
In unserer Gesellschaft werden Frauen diskriminiert. In der Sprache auch? Über die Macht der Sprache und deren Konfliktpotential.
Gender-Mainstreaming ist zu einem etablierten Prinzip in Deutschland geworden. Zumindest formell. Als Ziel wird dabei die Gleichberechtigung der Geschlechter angestrebt. Auch hinsichtlich der Sprache wurden dabei neue Standards formuliert, die sich an offizieller Stelle inzwischen durchgesetzt haben. Frauen werden nun explizit angesprochen, anstatt sie nur in der männlichen Form mitzumeinen. Im Alltag findet dies jedoch wenig Anklang. Die Mehrheit »gendert« nicht, viele lehnen es sogar ab und belächeln das feministische Engagement als übertriebenes Gehabe. FeministInnen sehen darin hingegen einen wichtigen Schritt in Richtung Gleichberechtigung und betonen die Wechselwirkung von Sprache und Bewusstsein. Seit Jahrzehnten streitet man mittlerweile schon über diese Problematik, und auch innerhalb der »Gender«-Bewegung gibt es verschiedene Ansätze, wie mit Geschlecht und Sprache umzugehen sei.
Pro und Contra
Christian Randel, Student des Masterstudiengangs Politikwissenschaft in Halle, setzt sich bereits seit Beginn seines BA-Studiums mit der Thematik »Gender« auseinander und für die Gleichstellung der Geschlechter ein. Den Ausgangspunkt bildet dabei die Ansicht, dass Sprache als konstruierende Kraft auf Gesellschaft wirkt. »Nicht nur Gesellschaft verändert Sprache, sondern auch Sprache Gesellschaft. Und wenn ich immer nur das Maskulinum verwende, bevorzuge ich automatisch auch immer nur Männer«. Diesen Standpunkt teilen nicht alle. Nicht die Grammatik sei schuld an sexistischen Denkmustern, sondern die bestehenden Verhältnisse, so ein Hauptargument der »Gender«-Gegnerschaft. Sebastian, Student der Theologie, sieht das ähnlich. Er glaubt nicht, dass durch »einen schon beinahe ins Lächerliche gezogenen ›Weiblifizierungswahn‹ das allgemeine Gesellschaftsverständnis für die immer noch andauernde Benachteiligung von Frauen verbessert« werde. Nicht selten werden die feministischen linguistischen Bestrebungen nicht ernst genommen. So fragen die RedakteurInnen der Online-Zeitschrift »Dummer weiser Deutscher« am Ende ihrer Erklärung, warum sie nicht »gendern«, provokant: »Was ist eigentlich die weibliche Form von Nazi?«
Die Macht der Sprache
Verschiedene Studien bestätigen hingegen die bewusstseinsverändernde Wirkung von Sprache. In einem Experiment konfrontierten die Forscherinnen Dagmar Stahlberg und Sabine Szcesny zwei Gruppen mit unterschiedlichen Fragestellungen. Eine Gruppe wurde dazu aufgefordert, drei Sportler, Sänger, Politiker oder Moderatoren zu nennen, was vorwiegend zur Nennung männlicher Personen führte. In einer zweiten Gruppe wurde die Fragestellung dahingehend modifiziert, dass die weibliche Statusbezeichnung hervorgehoben wurde. So fragten sie beispielsweise nicht nach Sportlern, sondern nach SportlerInnen. Im Gegensatz dazu wurden eindeutig mehr weibliche Personen genannt als in der ersten Gruppe. Das explizite Nennen von weiblichen Formen rücke also automatisch Frauen auch mehr ins Bewusstsein und löse somit eine Reflektion über »Geschlechterverteilung« aus, so die Wissenschaftlerinnen.
Ideologie auf falscher Basis?
Auch in der Sprachwissenschaft gibt es seit nunmehr 30 Jahren intensive Debatten über die »Gender«-Problematik. Bereits 1978 formulierte Senta Trömel-Plötz die These, dass die Nicht-Benennung der Frau auf der Zeichenebene zu einem Nicht-Gemeintsein auf der Bedeutungsebene führe. Bettina Radeiski, wissenschaftliche Mitarbeiterin der hallischen Germanistik, teilt diese Ansicht nicht. »Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive muss man sagen, dass die ›Gender‹-Befürworter das grammatikalische und biologische Geschlecht verwechseln. Die Endung ›-en‹ bei Studenten zum Beispiel ist als biologisch geschlechtsneutral anzusehen.« Dass im Deutschen ausgerechnet die männliche geschlechtsdefinite Form mit der geschlechtsneutralen identisch ist, ist für Radeiski »am Ende ein Zufall«. Jedoch bestehen solche »Zufälle« nicht nur in der deutschen Sprache. Im Polnischen leitet sich der Plural des Substantivs ebenfalls von der männlichen Form ab und wird geschlechtsübergreifend verwendet. Dafür wird hinsichtlich der Konjugation zwischen den Geschlechtern differenziert. Während Verben, die sich auf männliche Personen beziehen, als belebte Kategorie konjugiert werden, fallen Frauen mit Gegenständen in eine grammatikalische Schublade.
Ob ein Zusammenhang zwischen der Sprachentwicklung und der Gesellschaft besteht, ist jedoch umstritten. Im Deutschen sei solch ein Zusammenhang zumindest sprachwissenschaftlich nicht nachweisbar: »Es gibt keinen Nachweis, der besagt, dass es wegen der Rolle des Mannes diese oder jene Endung gibt.« Im Gegenteil, die heutige Situation zeige: trotz formaler Erfolge der »Gender«-Bewegung habe sich im realen Leben hinsichtlich der Gleichstellung der Frau wenig getan. Auch an der Martin-Luther-Universität besteht ein ungleiches Verhältnis von Mann und Frau in der Statusgruppe der ProfessorInnen. Gleichstellungsbeauftragte Armenuhi Drost-Abgarjan spricht von einer »Katastrophe« an der Philosophischen Fakultät I. Lediglich zwei Prozent der Professuren sind von Frauen besetzt.
Am besten gar kein Geschlecht
Neben der Schreibweise des Binnen-I, zum Beispiel bei »StudentInnen«, durch das beide Geschlechter in einem Wort ausgedrückt werden sollen, hat sich in offiziellen Einrichtungen vor allem das Nennen beider Vollformen etabliert. Diese Varianten werden aber nicht in allen Kreisen als ideal aufgefasst. Queer-Theoretiker_innen, die sowohl das soziale, als auch das biologische Geschlecht als konstruiert ansehen und sich gegen die binare Geschlechterklassifizierung aussprechen, verwenden stattdessen die Unterstrich-Schreibweise »_«. Dadurch sollen sprachlich auch diejenigen repräsentiert werden, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zuordnen lassen wollen. Dieser Ansatz kann als Weiterführung der ersten »Gender«-Bestrebungen betrachtet werden. Legte dieser noch den Fokus auf das Sichtbarmachen von Geschlechterordnungen und existierender Diskriminierung auf Grund des Geschlechts, soll nun die sprachliche Definierung des Geschlechts umgangen werden. Teilweise wird so auch der Überlegung Rechnung getragen, dass durch Gleichstellungsversuche Geschlechtsdisparität reproduziert anstatt beseitigt würde.
Alexandra Römer, ehrenamtlich tätig im Frauenzentrum Weiberwirtschaft und eine der Organisatorinnen der »queer-movie-nights«, versucht ebenso dem Ausdruck des Geschlechts aus dem Wege zu gehen: »Ich konzentriere mich eher auf Handlungen und verwende Substantivierungen wie zum Beispiel Studierende«.
Die ambitionierten Versuche der Queer-Bewegung haben sich bisher nur bei wenigen Worten durchgesetzt. Und ganz unproblematisch sind sie auch nicht. Bestehende Verhältnisse würden so nämlich verschleiert, erklärt Maximilian Schochow, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Politikwissenschaft in Leipzig und Spezialist auf dem Gebiet der »Gender-Studies«. Er begrüßt das »Gendern« als politische Strategie, da es »einerseits Kontingenzen aufzeigt und andererseits das Gegebene hinterfragt«. Unabhängig davon, in welche Richtung sich die Sprache weiter entwickeln wird, der Diskurs, der über die Problematik des »Genderns« geführt wird, beweist nicht nur die Macht, sondern auch die Bedeutung der Sprache für den einzelnen und für die Gruppe.
Illustrationen: Susanne Wohlfahrt
Über Julia Glathe
Erstellt: 07.08. 2010 | Bearbeitet: 09.12. 2010 02:13
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2 Kommentare
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In dem Text ist ein kleiner Widerspruch bzw. kein Widerspruch; wenn die Sprache die Verhältnisse konstituiert (Performativität), dann kann mensch durch eine Veränderung der Sprache die Verhältnisse verändern und damit die Benachteiligung der Frau vermindern. Also die Trennung zwischen Sprache und bestehenden Verhältnissen ergibt sich nicht aus Sicht der Gender Befürworter_innen. Etwas was »Sebastian« anscheinend nicht ganz verstanden hat.
Ganz davon abgesehen, dass es nur ein erster Schritt sein kann und das Fernziel sein muss die Zwangsheteronormativität zu überwinden, wofür eine radikal veränderte Sprache notwendig wird, da die deutsche Sprache auch nur zwei Geschlechter bzw. die Ungeschlechtlichkeit kennt. Der Gender Gap kann dabei nur als Übergangslösung angesehen werden, welcher zumindest schon mal die Mehrgeschlechtlichkeit sichtbar macht.
Und zur Eingangsfrage: Es gibt keine weibliche Version von Nazi (genau wie es keine von Bulle gibt, was keine Gleichsetzung sein soll). Es sind zu bekämpfende Kategorien, entsprechend ist jede Differenzierung unnötig.
»Verschiedene Studien bestätigen hingegen die bewusstseinsverändernde Wirkung von Sprache.«
Allerdings….wenn man jeden Satz sorgfältig kontruieren, jedes Wort auf Geschlechtergleichheit prüfen muss, vermittelt das vor allem ein Gefühl: Umständlichkeit. Nicht Gleichberechtigung oder Wertschätzung, sondern Erbsenzählerei, krampfhafte Korrektheit.
Ich bin gern Student. Und Ingenieur. Und Frau.