Aug 2010 hastuPAUSE Nr. 33 0

Von Äpfeln und Birnen

Wie zwei Studenten der MLU unter unterschiedlichen Studienordnungen studieren und gleichzeitig einen Roman geschrieben haben.

Zweiundzwanzig Semesterwochenstunden, noch mal so viel Zeit fürs Selbststudium, und ASQ-Module soll man auch noch belegen. So ungefähr sieht’s doch aus für den Bachelor-Studenten, wenn ihm sein Abschluss lieb ist

– und da der auch teuer sein kann, geht er nebenbei noch arbeiten. Das war doch nicht immer schon so. Wo bitteschön soll einen da noch die Muse in einer Mußestunde auffinden, um einen zur neuen Hoffnung der jungen deutschen Literatur zu küssen? Ist das das neue Klischee des von Modulen und Anwesenheitslisten unterjochten Bachelor-Studenten? War früher alles besser?

Bernhard Spring, den hat die Muse anscheinend schon öfter geküsst, Anfang Mai war er sogar in einer drin, das heißt, in der nach ihr benannten Buchhandlung. In der Buchhandlung am Markt hatte der 26-jährige Germanistik- und Geschichtsstudent seine bisher letzte Lesung zu seinem historischen Halle-Krimi »Folgen einer Landpartie«, der dieses Jahr im Mitteldeutschen Verlag erschienen ist. Bereits seit 2002 werden Texte von ihm veröffentlicht, die ersten in Anthologien und Tageszeitungen.

Das Studium habe das eigene Schreiben verändert, sagt er: »Man schreibt reflektierter, weil man die wissenschaftliche Herangehensweise erlernt und dadurch das eigene Schreiben stärker reflektiert und prüft.« Dass er durch sein Studium ein Romantikseminar belegen musste, war unausweichlich. Dass er dadurch auf ein Eichendorff-Buch seiner Dozentin aufmerksam wurde, erwies sich als besonderer Glücksfall für Bernhard. Dieses Buch sollte so etwas wie die Initialzündung sein für seinen Roman, in dem der junge Eichendorff in einen Mordfall verwickelt wird.

Bernhard, der seinen Roman während seines Magisterstudiums geschrieben hat, war zudem – und ist es noch – Hiwi für einen seiner Professoren. Da haben wir ihn, den Zeitfresser Nebenjob. Der kann ihm doch kaum genügend kreative Krümel übrig gelassen haben. Wie hat er denn da an einem längeren, zusammenhängenden Text arbeiten können? Bernhard lehnt sich zurück, verschränkt die Hände hinterm Kopf, er scheint die Unwissenheit des Fragenden nicht ganz nachvollziehen zu können und stellt ihm die Gegenfrage: »Du studierst Bachelor, richtig?« Beim Magisterstudium kann man sich ja bekanntlich selber einteilen, wie viel man gerade machen kann in diesem Lebensabschnitt. Weil ich mich am Ende des Studiums befinde, ist nicht mehr allzu viel zu tun, trotzdem reicht’s noch, um eine gefüllte Woche zu haben.«

Wie ist es nun aber bei Max Rössner, einem 23-jährigen Studenten der Germanistik und Philosophie, der im vierten Semester seines Bachelorstudiums ist, woher nimmt er die Zeit, die man zum Schreiben braucht, kommt einem das Studium nicht manchmal ungelegen, wenn man schreiben will? Braucht man dafür nicht eine gewisse Schreibroutine? Wie Balzac, der sich täglich von ein Uhr nachts bis um acht an seinen Schreibtischkarren geschirrt hat. Während Bernhard Spring diese Regelmäßigkeit nicht braucht, mal in einer Woche, wie es beim Roman der Fall war, über 160 Seiten schreiben kann, dafür aber auch mal wochenlang nichts, zwingt sich Max schon mal zum Schreiben. »Niemand sagt, dass Schreiben leicht ist, dass es alles Spaß macht. Wenn man mit solchen Widrigkeiten konfrontiert wird, muss man sich selber Strategien zur Überwindung ausdenken.« Max schätzt die Müdigkeit beim Schreiben, ein Grund, warum er am liebsten nachts schreibt. Aber was ist dann am nächsten Morgen, wenn er zur Uni muss? Oft bleibt er dann zuhause, denn so streng sind die Anwesenheitskontrollen auch nicht, gerade in den Vorlesungen gibt es selten welche. Die Dozenten sind eben auch froh, wenn sie auf dem Weg zum Pult nicht mehr über auf dem Boden rumlungernde Zuhörer stolpern müssen.

Negativ habe sich das bisher nicht auf die Noten ausgewirkt, Max waren bisher zumeist sehr gut. Das Studium der Germanistik und Philosophie hatte der gebürtige Münchener ganz bewusst gewählt, weil er glaubte, damit zwei für ihn weniger zeitraubende und dem Schreiben dienliche Fächer zu belegen. So empfand er es dann auch eher als hilfreich, dass die Module, die er jedes Semester zu besuchen hat, vorgegeben werden und er durch die Anwesenheitslisten in einigen Seminaren wenigstens ein paarmal in der Woche dazu genötigt wird, von seinem Schreibtisch oder dem im Morgengrauen aufgesuchten Kopfkissen aufzutauchen und in einem Hörsaal zu stranden. »Natürlich jammere ich manchmal, aber ich jammere ja auch gern. Jammern ist ja schön.« Überfordernd oder zu anstrengend finde er das Studium aber nicht.

Schwierig kann es hingegen im Privatleben werden: »Ich bin gerade wieder in der Bredouille, dass meine Freundin mich jeden Tag sehen möchte, ich es aber nicht kann, weil ich das Gefühl habe, sie trägt mich von meiner Vorstellung, meinem Lebensinhalt weg.« Auch in seinen Texten macht es Max nichts aus, Dinge von sich preiszugeben, nah an der eigenen Biografie zu schreiben: »Wenn ich selber meine eigenen Schwächen aufdecke, ist das kein Problem. Ich neige sehr zur Prostitution, ich finde das schön, sich selbst, ja, auch lächerlich zu machen.«

So viel Einblick in sein Leben gewährt uns Bernhard Spring nicht, und ebenso verschwiegen ist er mit seinen noch nicht veröffentlichten Texten; die bekommt keiner zu sehen. Schreibwerkstätten, in denen man einander Texte vorliest, um sie anschließend zu kritisieren, über sie zu diskutieren, sind nichts für ihn. »Als Autor hat man ja einen gewissen Anspruch an sich selbst, und ich glaube, der größte Kritiker ist man selbst.« Wenn die Geschichten, Gedichte oder Romane dann fertig sind, wenn sie gedruckt sind, tauscht er sich mit anderen darüber aus, so mit der fränkischen Schriftstellerin historischer Romane Tessa Korber, mit der er in regelmäßigem E-Mail-Kontakt steht.

Max besucht regelmäßig den Halleschen Dichterkreis, einen losen Verbund von Schreibenden jeden Alters. Er hält diesen Austausch, die Reaktionen der anderen für sehr wichtig für seine Schreibentwicklung, weil sie die erste Öffentlichkeit darstellen, die er für seine Texte hat: »Häufig hat man einen ganz verqueren Ansatz oder eine Selbsteinschätzung, die der Realität nicht entspricht.«

Und wer hat es nun einfacher, neben dem Studium noch zu schreiben? Geklärt ist das hiermit nicht, aber wir haben gesehen, dass zwei sehr unterschiedliche Studenten, die in Hinsicht auf unsere Fragen am Anfang zu vergleichen so ertragreich ist wie der alte Vergleich von Birnen und Äpfeln – dass also diese zwei Studenten unter unterschiedlichen Bedingungen, jeder für sich, einen Weg gefunden haben, ihrer Leidenschaft nachzukommen. Das ist doch auch was.

Illustration: Susanne Wohlfahrt

Über Marcus Klugmann

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Erstellt: 06.08. 2010 | Bearbeitet: 24.08. 2010 13:41