Okt 2010 hastuINTERESSE Nr. 34 0

Unerreichbares fordern

Im Rahmen der Bologna-Reform sollte die Be­schäf­ti­gungs­fähig­keit der Studierenden ge­stei­gert werden. Trotz um­fas­sen­der Ver­än­de­run­gen bis­her mit we­nig Er­folg. Vielleicht, weil es un­mög­lich ist, das Prin­zip der Em­ploy­ability an einer Universität zu verwirklichen?

Employability bzw. Beschäftigungsfähigkeit gilt als eines der Kernziele der Bachelor-Master-Umstellung. Das klingt für den einen vielleicht langweilig und irrelevant. Für andere wiede­rum abstoßend, die befürchten, dass Berufsorientierung in der Hochschule eine reflektierte, kritische Wissen­schafts­kultur verhindere. Manche werden sich vielleicht aber auch freuen, denn arbeiten müssen wir schließlich alle irgendwann. Eine versprochene Praxisorientierung, die in guten Kontakten zu Unternehmen bestehen könnte, wäre hilfreich, um später gute Jobchancen zu haben.

Nicht nur die Meinungen, auch die Interpretationen, was Employability überhaupt meint, sind vielfältig. Bereits 1998 versuchten Hillage und Pollard Licht ins Dunkel zu bringen. Im Auftrag des britischen »Department for Education and Employment« ent­wickelten die Wissenschaftler eine Definition des Begriffs. »Employable« ist nach ihnen derjenige, der auf den Arbeitsmarkt vorbereitet und auf ihm bestandsfähig ist. Und zwar europaweit. Und nicht nur kurzfristig, sprich, den derzeitigen Marktinteressen ent­spre­chend, sondern langfristig. Zudem bedeute employable zu sein, zwischen Be­schäf­ti­gungs­situ­atio­nen wählen zu können. Konkreter wird es bei Lee Harvey, der neben Fach­wissen im Wesentlichen folgende Anforderungen an den Hochschulabsolventen stellte: Selbstmanagement, Ideenreichtum, Risikofreude und Initiative, Kommunikations- und Teamwork-Fähigkeit, Intellekt, Lernfähigkeit.

Alles Dinge, die nicht wirklich neu sind und zu denen auch nicht nur ein Weg führt. Dass ausgerechnet das Bachelor-Master-System der richtige Weg sein soll, wirkt hingegen abwegig. Inwiefern fördert denn eine starre Studienstruktur Selbstmanagement und Ideen­reichtum, inwiefern ein Notensystem Risikofreude, inwiefern Anwesenheitspflicht Initia­ti­ve und inwiefern die Vorgabe, international konkurrenzfähig sein zu müssen, Kommunikations- und Teamwork-Fähigkeit?

Was ist also falsch: die Definition von Employability oder deren Umsetzung? Kann solch ein Begriff überhaupt allgemeingültig definiert und umgesetzt werden? Wohl kaum. Die Kriterien für Employability variieren nicht nur nach Berufsfeld. Für jeden einzelnen be­deu­tet employable zu sein etwas anderes. Es kann keine Instanz geben, die ein Konzept für die Allgemeinheit entwickelt, welches zu Employability für den Einzelnen führt. Die Ar­gu­men­ta­tion über Employability und das Ziel, diese an der Hochschule zu ver­wirk­li­chen, baut auf einer Prämisse auf, die illusorisch ist. Worauf zielt sie dann also? Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass die Debatte über Employability vielmehr dazu dient, unter deren Deckmantel bestimmte ökonomische Prinzipien und betriebswirtschaftliche Interessen auch an der Uni zu etablieren. Unabhängig davon, ob es überhaupt so etwas wie Em­ploy­ability oder einen richtigen Weg zu dieser an einer Universität gibt oder geben sollte.

Über Julia Glathe

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Erstellt: 19.10. 2010 | Bearbeitet: 17.12. 2010 17:10