Okt 2010 hastuINTERESSE Nr. 34 0

Und was macht man dann damit?

Dieses Jahr haben über 3000 Abiturienten ein Studium an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg angefangen. Viele von ihnen haben sicher schon jetzt Fragen und Ängste über ihre berufliche Zukunft im Kopf.

Foto: Tino Jotter

Ob Studierende der Geisteswissenschaft, Sozialwissenschaft oder Philologie. Jeder kennt die Frage: »Und was willst du damit dann mal machen?« Viele haben darauf nur halbkonkrete Antworten, und ziehen sie innerlich eine Bilanz des bisher Gelernten im Hinblick auf ihre teils vagen Berufswünsche, dann herrscht Ratlosigkeit. Bereitet mich mein Studium wirklich auf das spätere Berufsleben vor?

Frau Dr. Sara Binay hat 1999 ihren Magister in Geschichte und Arabistik gemacht. Heute ist sie selbstständige interkulturelle Trainerin für den arabischen Raum. Seit dem Sommersemester hat sie zusätzlich noch einen Lehrauftrag an der Martin-Luther-Universität Halle als Dozentin für »Interkulturelle Kommunikation für Studierende«.

Frau Binay ist glücklich mit ihrem beruflichen Werdegang. »Gemeinsam mit anderen Kollegen in meinem Fachgebiet habe ich für den 22.10.10 meine erste eigene Veranstaltung durchgeführt – einen Deutsch-Arabischen Wirtschaftstag hier in Halle. Neben anderen habe ich da auch selbst einen Vortrag gehalten«, erzählt Binay stolz. Dass sie in der Lage sein wird, sich eines Tages selbstständig zu machen, hat sie kurz nach ihrem Magisterabschluss noch nicht gedacht. Sie nahm zunächst Aufträge an der Uni an, blieb in der Wissenschaft. So war sie beispielsweise zunächst Bibliothekarin für arabische Bücher. »Quasi von der Uni an die Uni«, erklärt Binay.

Acht Jahre und einige Forschungsarbeiten später entschied sie sich während eines Auslandsaufenthalts in Beirut dafür, nicht mehr an die Uni zurückzukehren, da sie dort keine dauerhaft weiterführende Karriere sah. Binay sagt dazu: »Für hochqualifizierte Wissenschaftler gibt es kaum feste Stellen. Ich wollte nicht bis ins Rentenalter auf Forschungsaufträge warten«. Darum hat sie ein Hochschul-Zertifikat zur interkulturellen Trainerin gemacht und befindet sich in ihrer heutigen Situation an einem Punkt, an dem sie sagt, dass sie das so auch weiterführen möchte. Sie berät beispielweise Wirtschaftsunternehmen, die ihr Produkt im arabischen Raum verkaufen wollen. Sie kann den Firmen eine Einschätzung geben, ob ihr Produkt für arabische Länder geeignet ist.

Mit eigenen Augen sehen

Inwiefern hat das Studium Frau Binay aber nun auf ihren heutigen Beruf der interkulturellen Trainerin vorbereitet? »Eher weniger, mehr Erfahrungen für das Berufsleben habe ich eigentlich in meiner nachfolgenden wissenschaftlichen Arbeit gesammelt«, antwortet Binay. Sie erklärt weiter: »In der Zeit haben mich vor allem Auslandsaufenthalte im Libanon und Syrien geprägt. Erst wenn man das sieht, worüber man Jahre lang etwas gelernt hat, kann man sich wirklich damit auseinander setzen. Dann erkennt man, dass man das in der Uni vermittelte Wissen nicht einfach so hinnehmen sollte.« Die Wichtigkeit, Dinge in der Realität zu betrachten und sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen, versucht Binay den Studierenden in ihrem Seminar zu vermitteln. »Man kann keine Do’s und Don’ts aufstellen, wie man sich im arabischen Raum verhalten soll, man muss es selbst erleben«, erläutert sie. An dieser Stelle sieht sie ein Problem an den Lehrmethoden der Universitäten: Studenten werden heute oft nur mit Theoriewissen zugestopft, die tatsächlichen Zustände bleiben eher im Dunkeln.

»10 goldene Regeln für den glücklichen Berufseinstieg

… gibt es nicht«, meint Binay. Somit können diese auch nicht in der Uni gelehrt werden. »Generell sieht die Unitradition es eigentlich gar nicht als ihre Aufgabe, die Studierenden auf das Berufsleben vorzubereiten«, erklärt Binay. Vielmehr bestehe die Aufgabe darin, eine Institution zu sein, in der Leute »herangezogen« werden, die eine gewisse Reife besitzen und Dinge hinterfragen. Binay ergänzt: »Auch die Hochschullehrer sind oft für die Berufsvorbereitung gar nicht sensibilisiert, da die meisten von ihnen ihre ganze Laufbahn lang an der Uni bzw. in der Wissenschaft bleiben. Wie das Berufsleben außerhalb der Uni und der Wissenschaft aussieht, können sie von daher nicht vollständig einschätzen und somit den Studierenden nicht vermitteln.«

Wirklich etwas über das Berufsleben lernen, kann man laut Binay erst in der Praxis. »Learning by doing.« Das heißt aber nicht zwangsläufig erst nach dem Studium. »Schon der einfache Nebenjob kann einen vorbereiten. Hier lernt man, mit Kollegen umzugehen und im Team zu arbeiten. Das ist das wirklich Entscheidende für das spätere Berufsleben die Softskills«. Generell sollte man alles Mögliche machen, was einen von der Universität selbst wegbringt – Praktika und Auslandsaufenthalte.

»Es gibt keinen größeren Schock als fünf Jahre seines Lebens nur an der Uni zu verbringen und dann plötzlich in das reale Leben zu treten«, sagt Binay. Das Studium selbst kann einen also eher weniger auf das Berufsleben vorbereiten, aber die Studienzeit und was man selbst daraus macht. »Zu keinem anderen Zeitpunkt kann man sich ein so gutes Netzwerk aufbauen. Mir selbst haben meine Kontakte aus Unizeiten schon Aufträge eingebracht«, erzählt die Interkulturelle Trainerin.

Auf die Frage, ob Berufskompetenzen vor oder nach der Bologna-Reform in den Universitäten besser vermittelt werden, meint Binay: »Weder noch. Aber die Mentalität der Studierenden hat sich durch die Reform geändert. Zu meiner Zeit war es so, dass das Studium die Freiheit war zu tun, was man will. Heute sind den Studenten durch die Verschulung mehr Grenzen gesetzt, auch gedanklich.« Das Bachelorstudium bringe einen enormen gesellschaftlichen Druck mit sich. »Man muss eigentlich schon zu Anfang des Studiums genau wissen, was man will. Einen Einblick in viele verschiedene Gebiete zu bekommen, ist kaum noch möglich«, so Binay. Trotz des enormen Zeitdrucks rät sie die Studienzeit so gut wie möglich zu genießen, Kontakte zu knüpfen, seine Umwelt kritisch zu reflektieren und sich nicht so viele Sorgen zu machen. »Der Rest kommt ganz von allein«, schließt Binay mit einem Lächeln ab.

Über Sabine Paschke

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Erstellt: 26.10. 2010 | Bearbeitet: 04.11. 2010 17:21