Jan 2010 hastuINTERESSE Nr. 31 0

Umwelttipps für Utopisten

Mit dem Klimawandel und dem eigenen Verhalten ist es so eine Sache: Kann der Einzelne etwas so Gewaltiges aufhalten?

Demonstrieren – letzte Möglichkeit, die Welt zu verbessern? Foto: Greenpeace jugend

Für Hanna Poddig ist die Antwort klar: Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich. Das bedeutet: öffentlich seine Meinung sagen zu den Dingen, die falsch sind. Am besten: gleich versuchen, sie zu verhindern. Wie die Weiterfahrt der Castortransporte, gegen die unter anderem sie protestierte. Die 24-Jährige war einmal Studentin in Hamburg und engagierte sich in Umweltschutzorganisationen wie Robin Wood. Das reichte ihr irgendwann nicht mehr, sie schmiss ihr Studium und begann, die Grenzen eines ganz neuen Lebens auszuloten.

Sie lebt so umweltverantwortlich wie möglich und verbringt ihre gesamte Zeit mit der Planung und Durchführung von Protestaktionen. »Vollzeitaktivismus« nennt sie es. Das klingt für die meisten von komisch über naiv bis sozialvulgär, aber mittlerweile verdient sie Geld als Referentin ihres eigenen Lebensstils und wird gern zu Talkshows eingeladen. »Es gibt keine Möglichkeit, einen Kuschelkurs zu fahren«, sagte sie in der Sendung von Maybrit Illner zum Vorstandschef von E.ON. Nicht, wenn sich wirklich etwas verändern soll. Die Frage nach den Möglichkeiten des Einzelnen zum Umweltschutz wird durch sie jedoch nicht beantwortet. Die meisten Menschen können solch einen Schritt nicht gehen. Da gibt es Familie und Bekanntenkreise, Vorstellungen, Wünsche und Ängste. Die meisten sind in ihre Rollen eingebunden, als Studenten, Kollegen, Kinder und Eltern. Doch statt alles aufzugeben, warum nicht innerhalb dieser Rollen etwas verändern?

Das schlagen Internetplattformen wie utopia.de vor. Dort wird die Auffassung vertreten, dass jeder durch die Änderung der eigenen Verhaltensweisen dazu beitragen kann, etwas für den Umweltschutz zu tun. Es werden Tipps angeboten, zum Beispiel, wie man sein Haus dämmen kann und welche Lebensmittel besonders hohe Abfälle und Kosten verursachen (meist Fleisch, je nachdem, woher es kommt). Im Endeffekt steht dahinter die Idee von der Macht des Konsumenten: Je stärker etwas nachgefragt wird, desto mehr wird es angeboten, desto öfter wird es konsumiert, desto billiger wird es und steigert somit die Nachfrage. Plattformen wie utopia.de wollen eine solche Aufwärtsspirale in Gang bringen, indem sie über die »richtigen«, die umweltfreundlicheren Produkte und Verhaltensweisen informieren. Dumm ist nur, dass man dafür zunächst ins Internet gehen oder einen Fachartikel lesen muss. Transparenz könnte ein Schlüssel in der Umweltpolitik sein – allerdings nur, wenn sie konsequent eingehalten wird.

Aus gutem Grund hat man einmal entschieden, das Haltbarkeitsdatum direkt auf das Produkt zu drucken, anstatt es im Internet oder in Zeitungen zu veröffentlichen. Ansonsten hätten wir vermutlich eine hohe Quote an Lebensmittelvergiftungen. Immer mal wieder würde sich jemand den Magen verderben, weil er keine Zeit zur Recherche fand. Die Politik könnte davon lernen, auf die Entscheidungsqualität des Konsumenten zu setzen und ein Gesetz zur Kenntlichmachung der durch das jeweilige Produkt verbrauchten Energiemenge zu verabschieden.

Oder statt der Auto- besser der Windkraftindustrie unter die Arme greifen; Wissenschaftler der Stanford University veröffentlichten im vergangenen Jahr eine Studie, nach der bereits in 20 Jahren der gesamte Energiebedarf durch Sonne, Wind und Wasser gedeckt werden könnte. Da gibt es etwas zu tun. Jeder Einzelne kann durch Proteste und ein verändertes Konsumverhalten Signale geben. Wenn sich dann nichts ändert, sollten wir Hanna Poddigs Methoden ernsthaft in Erwägung ziehen.

Über Julia Solinski

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Erstellt: 20.01. 2010 | Bearbeitet: 22.01. 2010 09:57