Jan 2010 hastuUNI Nr. 31 1

Tod auf dem Campus

Unsere Lehrgebäude haben alle eine Geschichte. Nicole Kirbach hat die Archive durchforstet und stellt in einer Reihe ihre Recherche-Ergebnisse vor. Teil 4: Die Burg Giebichenstein

Burg Giebichenstein um 1750, Ausschnitt aus einem Kupferstich von Gründler

Die Geschichte der Burg beginnt im 10. Jahrhundert. Die noch nicht sesshaften Ungarn, die Magyaren, überfielen viele Städte in Mitteleuropa. Heinrich I. konnte im Jahr 926 einen wichtigen Fürsten von ihnen gefangen nehmen und dadurch einen zehnjährigen Waffenstillstand aushandeln. Diese Zeit nutzte er und ließ Burgen errichten, um die Reichsgrenze zu schützen – unter anderem auch die Burg Giebichenstein, die älteste Burg an der Saale.

Ihre Blütezeit erlebte die Burg unter Erzbischof Wichmann von Magdeburg im 12. Jahrhundert. Er ließ die Anlage erweitern und feierte hier glanzvolle Feste. Doch die Burg war nicht nur dafür bekannt. Auf ihr befand sich auch ein Gefängnis. »Wer da kommt auf den Giebichenstein, der kommt selten wieder heim«, hieß es im Volksmund. Die Gefangenen konnten nicht von der Burg fliehen, denn die Mauern waren dick und der Felsen hoch und steil. Doch einem sollte dies gelingen.

Die Sage von Ludwig dem Springer

Der Landgraf Ludwig II. von Thüringen, der spätere Erbauer der Wartburg, soll den Pfalzgrafen zu Sachsen, Friedrich III., ermordet haben, um an seine Gemahlin Adelheid zu gelangen. Daraufhin wurde er gefangen genommen und auf Burg Giebichenstein eingesperrt und bewacht. Dort verbrachte er zwei Jahre und acht Monate und überlegte, wie er von der als unüberwindbar geltenden Burg fliehen könne.

Er stellte sich krank, ließ sich mehrere Mäntel bringen und bat, seinen Schreiber und den Leibdiener holen zu lassen, damit er seinen letzten Wunsch aufzeichnen lassen könne. Heimlich gab er beiden den Auftrag, seinen Schimmel ab sofort in der Nähe des Giebichensteins bereitzustellen. Auch sollten seine treuesten Diener, als Fischer verkleidet, mit einem Kahn auf der Saale vor der Burg ankern. Als seine Wärter nicht weiter auf ihn achteten, nutzte Ludwig die Gelegenheit, sprang aus dem Fenster und entfaltete seine Mäntel. Seine Diener fischten ihn aus dem Wasser und brachten ihn an Land, wo bereits sein Leibdiener mit seinem Pferd wartete. Dann begab er sich auf den Weg nach Sangerhausen, wo Adelheid auf ihn wartete. Seit dieser Zeit trug Ludwig den Beinamen »der Springer«.

Bau der Unterburg

Im Laufe der Jahrhunderte diente die Burg immer öfter als Sitz der Magdeburger Erzbischöfe, zunächst als zeitweiliger Regierungssitz, ab 1382 dann als Hauptresidenz. Im 15. Jahrhundert reichten die Räume auf der Oberburg nicht mehr aus, und so entschloss sich Erzbischof Friedrich III. zum Bau der Unterburg. Sie umfasste Wohnhaus, Brauhaus, Kornhaus und einige Scheunen. Im Jahre 1503 wurde allerdings die Moritzburg fertiggestellt und diente den Erzbischöfen als neue Residenz. Die Anlage auf dem Porphyrfelsen verlor an Bedeutung, und die Unterburg diente nun den Giebichensteiner Amtmännern als Verwaltungssitz und Wirtschaftshof.

Bedeutendes Symbol der Romantik

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Giebichenstein durch die schwedischen Truppen verwüstet und niedergebrannt. Die Unterburg selbst brannte nicht völlig ab und konnte im 17. und 18. Jahrhundert wieder aufgebaut werden. Sie wurde als Verwaltungssitz und bäuerlicher Betrieb genutzt. An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert war die Burgruine ein bedeutendes Symbol deutscher Romantik. Vor allem Vertreter der romantischen Literatur wie Friedrich Freiherr von Hardenberg (Novalis), Ludwig Tieck, Achim von Arnim, Clemens Brentano und Joseph Freiherr von Eichendorff begeisterten sich für die Burg.

In die Unterburg zog erstmals 1922 die Hochschule für Kunst und Design ein. Auch heute noch ist der Fachbereich Kunst zu großen Teilen hier untergebracht. Die Ruine dient heute nur noch als Architekturmuseum.

Über Nicole Kirbach

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Erstellt: 19.01. 2010 | Bearbeitet: 03.08. 2010 23:14