Okt 2010 hastuUNI Nr. 34 1

Studium auf Zeit

Eine neue Erhebung hat ergeben: BA-Studierende arbeiten zu wenig für ihr Studium

Foto: Laura Billings, flickr

Mit dem Projekt »ZEITLast« wollten die Forscher des Hamburger Zentrums für Hochschul- und Bildungsforschung ermitteln, inwiefern die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge studierbar sind. Dabei sind sie davon ausgegangen, dass es durch das bloße Schätzen von Work-loads – also Arbeitsaufwand – seitens der Studiengangsplaner zu einer extrem hohen Belastung für die neuen Studierenden gekommen sei. Bei der Analyse ging es vor allem darum, den tatsächlichen Workload zu ermitteln. In den Vereinbarungen zu Bologna wird dieser pro Woche mit 40 Stunden (also Kontaktzeit sowie Vor- und Nachbereitungszeit) festgelegt. Nach einer ersten Stichprobe mit 121 Teilnehmern aus sechs verschiedenen Fächern (unter anderem Erziehungswissenschaften oder Mechatronik) kamen die Forscher zu einem unerwarteten Ergebnis: Die meisten BA-Studenten bringen bedeutend weniger als 40 Stunden pro Woche für ihr Studium auf – im Schnitt zwischen 20 und 27 Stunden. Der von den Studierenden empfundene Arbeitsaufwand würde demnach nicht die Realität wiedergeben. Grund genug für viele größere deutsche Massenmedien, eine verschärfte Schlussfolgerung abzuleiten: Die deutschen Studierenden jammerten über zu viel Zeitdruck, hätten aber in Wirklichkeit mehr Freizeit als die früheren Studenten.

»Die 40-Stunden-Vorgabe ist für ein Studium nicht passend, sie kommt auch eigentlich aus der Industrie«, kontert Ursula Rabe-Kleberg. Sie ist Professorin an den Instituten für Pädagogik und Soziologie in Halle. Im Studium müssten die Studierenden Zeit dazu bekommen, die Lehrinhalte zu verinnerlichen. Rabe-Kleberg nennt das »mentales Arbeiten«. Diese Zeit ließe sich aber nur schwer in Zahlen fassen; schließlich ist das Verstehen von Mensch zu Mensch verschieden. Die Professorin sieht in dem Zwischenbericht ihre alltägliche Erfahrung nicht bestätigt: »Viele meiner Studierenden sind an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.« Im Gegensatz zu den alten Studiengängen hätten die Studierenden der neuen Studiengänge nun bis zu sechs Seminare plus Vorlesungen pro Woche. Dabei seien drei eigentlich das Maximum, um trotzdem noch wirklichen Wissenserwerb zu gewährleisten. Ein wenig gelassener interpretiert Prorektor Christoph Weiser die Statistik: »Anhand dieser Zahlen ist es den Studenten möglich, selbst über ihre Arbeit zu reflektieren und selbstständig Schlüsse daraus zu ziehen.«

Pro Blockveranstaltung

Besonders kritisch beurteilen die Bildungsforscher aus Hamburg die derzeitige Lehrorganisation des Studiums: Zu viel, zu kleinteilig und durchzogen von einem »Prüfungsunwesen«. Die Forscher schlagen vor, die Module blockweise über das Semester zu verteilen – also immer zwei Module in ein paar Wochen. In Ilmenau will man für das kommende Semester ein Pilotprojekt nach diesem Modell ausprobieren. »Es wäre sicher auch für Halle eine Alternative, allerdings glaube ich nicht, dass sie besonders zielführend wäre«, so Weiser. Um dem stark umstrittenen »Bulimielernen« entgegenzuwirken, sei es vielmehr nötig, den Unistoff mit in die Freizeit zu nehmen: Beispielsweise mit den Kommilitonen beim Kaffeetrinken über die letzte Vorlesung zu diskutieren oder Lern- und Arbeitsgruppen einrichten. Erwachsenen Menschen solle man aber nicht vorschreiben, wie sie ihr Studium organisieren. Rabe-Kleberg hingegen plädiert schon seit langem für ein solches Modell: »Das wäre für alle Beteiligten eine gute Lösung – sowohl für die Studenten als auch für die Dozenten.« In den Blockphasen wäre es ihrer Meinung nach viel besser möglich, intensiv in der Gruppe zu arbeiten und tatsächliche Bildung zu genießen.

Das Forschungsprojekt »ZEITLast« läuft noch bis 2012. Danach wollen die Forscher selbst konkretere Aussagen formulieren und verlässliche Zahlen liefern.

Weitere Infos zur Studie findet Ihr auf den Seiten des Hamburger Zentrums für Hochschul- und Bildungsforschung.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 19.10. 2010 | Bearbeitet: 19.10. 2010 15:33