Okt 2010 hastuINTERESSE Nr. 34 0

Schreibtisch auf Zeit zu vermieten

Normalerweise haben Jungunternehmer das Problem, dass sie weder die richtigen Ansprechpartner noch passende Räume finden. Der neu er­öff­nete »Coworking-Space« in Halle bietet eine Lösung.

Während ihres Mutterschaftsurlaubs hat sich Juliane Uhl überlegt, was sie mit ihrem abgeschlossenen Studium der Medienwissenschaften anfangen soll. Schließlich stand der Entschluss, sich im Bereich Social Media selbstständig zu machen. Auf der Suche nach Büroräumen ist sie auf das Konzept des Coworking gestoßen und ist nun Mitglied des einzigen Spaces in Sachsen-Anhalt, der vor kurzem in Halle eröffnet wurde.

»Coworking ist die Anmietung eines voll ausgestatteten Arbeitsplatzes nach dem Car­sharing-Prinzip«, erklärt Mitinitiator Erwin Schuster. Ab 10 Euro hat man die Mög­lich­keit, einen Schreibtischplatz sowie Büro- und Konferenzräume für einen gewünschten Zeitraum zu mieten. Neben Internet und Telefonanschluss ist auch die beliebte Kaffee­küche im Preis enthalten, die Raum für Gespräche bietet. Denn das ist auch der Haupt­gedanke des Coworking: ins Gespräch kommen und miteinander netzwerken. Diese Chance sah auch Erwin Schuster, als er sich für das Projekt einsetzte: »Ich denke, dass sich für mich Chancen ergeben werden, einfach weil hier auch andere Berufsgruppen ar­bei­ten. Denn bisher kam es immer wieder vor, dass ich Ideen für Projekte hatte, die ich alleine nicht umsetzen konnte.«

Gerade für Startups und Freiberufler bietet das Konzept Vorteile, denn in den Räumen kann man Spezialisten aus verschiedensten Branchen treffen. So lassen sich große Pro­jek­te auch vom Ein-Mann-Unternehmen stemmen. Nebenbei bietet diese neue Art des Arbeitsplatzes enorme Kostenvorteile. Büroräume sind nicht nur kostspielig, sondern binden den Mieter oft für längere Zeit. Und die eigenen vier Wände bieten sich nicht gerade als Ort für Kundengespräche an. Auch Jungunternehmerin Juliane Uhl möchte sich noch nicht fest binden: »Ich muss nicht viel investieren, sondern kann erst mal gucken, ob ich mit dem, was ich mache, überhaupt Geld verdiene.«

Globalisierung im Kleinen

Aus den USA stammend und erst vor ein paar Jahren nach Europa geschwappt, spricht die Idee vor allem regionale Unternehmen an. Anstatt eine Anzeige aufzugeben, kann man so im unmittelbaren Umfeld nach Kooperationspartner suchen. Die Aufträge kön­nen dennoch aus dem Rest der Welt kommen, da der Unternehmensstandort sekundär ist. Dabei ist man nie fest gebunden, denn sobald sich ein neues Projekt in einer anderen Stadt anbietet, kann man ganz unkompliziert in einem anderen Coworking-Space ar­bei­ten: Globalisierung im Kleinen. Die Vermieterin des hallischen Spaces, Angela Papen­burg, kennt als Geschäftsführerin der GP Papenburg AG das Problem des projekt­orien­tier­ten Arbeitens aus eigener Erfahrung, denn »in der Baubranche verbringt man oft nur ein paar Monate in einer Stadt«, so dass man sich für einen kurzen Zeitraum Büroräume anmieten muss.

Wahrscheinlich war es auch nur eine Frage der Zeit, bis die starre Konstante »Arbeits­platz« flexibler gestaltet wird. Der 9-to-5-Job wandelt sich in das System der flexiblen Arbeitszeiten, und die berühmten Familienbilder auf dem eigenem Schreibtisch kreisen nun als Bildschirmschoner auf dem Laptop. »Der Arbeitsplatz ist nicht mehr so ent­schei­dend, sondern eher, dass man eine Infrastruktur hat. Da ist es egal, ob man in Hamburg, München oder Halle sitzt«, bestätigt die Geschäftsführerin.

Auch wenn die Fluktuation im Space relativ hoch sein wird, einfach weil sich immer neue Projekte ergeben, soll es doch eine Chance für junge Leute sein, »eben nicht nach dem Studium umzuziehen, sondern auch tatsächlich hier zu bleiben und ein Unter­nehmen zu gründen«, so Angela Papenburg. Das erhofft sich auch der Ko­opera­tions­partner Univations. Nicht nur, dass der Standort Halle damit an Attraktivität gewinne, das Angebot sei auch ideal für »studentische Projekte, wie etwa studentische Initiativen oder Unternehmensberatung«, erklärt Geschäftsführer Dr. Ulf-Marten Schmieder.

Erste Erfolge

Das Gründernetzwerk Sachsen-Anhalt unterstützt neben die­sem Projekt auch das DesignHausHalle, das seit Mai diesen Jahres Räume für Startups aus der Kreativwirtschaft bietet. Anders als beim gewöhnlichen Coworking-Space wird die In­sti­tu­tion direkt vom Transferzentrum der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle geleitet und möchte ganz konkret kre­a­ti­ven Studenten bei der Unternehmensgründung unter die Arme greifen. Nach einem halben Jahr Anlaufphase ist Leiterin Doris Sossenheimer sehr zufrieden, wenn sie sieht, »was in der Zwischenzeit passiert ist, welche Aufträge und was für ein Standing die Ab­solventen bekommen«. Dabei wird viel Wert auf ein breites Spektrum gelegt, so dass sich die Zusammenarbeit förmlich anbietet.

Anders als der gemeine Coworking-Space ist das DesignHaus etwas ausgefeilter und spe­ziel­ler. Den Jungunternehmern werden hier Raum und Beratung für »drei, maximal fünf Jahre« geboten. In dieser Zeit können sie kostenlose Seminare, etwa im Designrecht oder Preiskalkulation, wahrnehmen. Nebenbei entsteht gerade ein Mentorenprogramm, bei dem Hilfe von Experten in Anspruch genommen werden kann. »Wenn also ein Be­darf im Bereich Marketing besteht, dann holen wir jemanden aus der Branche«, erklärt Doris Sossenheimer. Das Transferzentrum kümmert sich aber auch um die Vermittlung der Aufträge und möchte weiterhin als Kommunikationsplattform und Zentrum für Be­rufs­qualifikation dienen.

Blick in die Zukunft

Zwar bietet auch der Coworking-Space Weiterbildungen an, doch beschränkt sich die Ziel­gruppe nicht nur auf Startups. »Ob Steuerberater, Designer, Architekt oder Blogger – der Coworking-Space soll alle Branchen ansprechen«, erklärt Mitinitiator Erwin Schus­ter. Trotz des Unterschiedes sind sich beide Projekte einig, dass dieses Konzept des freien, aber dennoch gemeinsamen Arbeitens, zukunftsträchtig ist. DesignHaus-Leiterin Doris Sossenheimer weist dabei auch auf ein sonst so großes Problem von Selbstständigen: »Gerade bei Kreativen ist es so, dass sie eigentlich oft sehr isoliert arbeiten; das ist nicht sehr förderlich.« Als Team kann man verschiedene Stärken einbringen, das beschleunigt gerade den Gründungsprozess.

Aber auch wenn man sich im Homeoffice zu schnell ablenken lässt, weil die Wasch­maschi­ne ausgeräumt und der Müll entsorgt werden muss, kann man im Space neben einem ruhigen Plätzchen auch einen Raum finden, »in dem viele Ideen herum fliegen«, so Juliane Uhl. Die Coworkerin hofft indes, dass sich aus dem losen Haufen eine »Co­working-Familie« entwickelt, denn bei der ganzen Arbeiterei dürfe man auch den Spaß nicht vergessen. Ihre einzige Befürchtung besteht jetzt noch darin, dass sie »die Co­working-Mutti« wird und »ständig die Tassen abwaschen und die Pflanzen pflegen muss«.

Fotos: Nadja Sonntag, Tom Leonhardt

Über Yvette Hennig

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Erstellt: 21.10. 2010 | Bearbeitet: 17.12. 2010 17:09