Dez 2010 hastuUNI 1

Revolution mit Hindernissen

Das Deutschlandstipendium soll die Hochschulfinanzierung revolutionieren. Vor allem von Unternehmen und Privatpersonen wird ein verstärktes Engagement gefordert. Doch die Zurückhaltung ist groß, was vor allem für die Hochschulen zum Problem wird.

Illustration: Susanne Wohlfahrt.

Es ist kalt und Christian wartet bereits. Seine Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen, weswegen man sein rot-blondes Haar nicht erkennt. Durch seine Brille schaut er sich interessiert um. Obwohl er schon neun Semester in Halle studiert, hat er den Universitätsplatz noch nie gesehen. »Ich bin immer am Campus Heide-Süd, weil dort mein Institut ist«, erklärt er. Christian Herschbach ist 24 Jahre alt und studiert Physik. Von den etwa 50 Kommilitonen, mit denen er seinen Bachelor begann, waren am Ende noch 14 übrig und er ist einer der besten von ihnen. Seine Abschlussarbeit bestand er mit 1,0. Sie führte ihn auch in eine Forschungsgruppe, in der er neben seinem Masterstudium den Spin-Hall-Effekt untersucht.

Als ihm im letzten Sommer seine Professorin schrieb, dass sie ihn für ein Stipendium vorschlagen möchte, zögerte Christian nicht lange: »Ich war natürlich nicht abgeneigt und habe ihr alles geschickt, was benötigt wurde.« Ein Semester fördert der

Christian Herschbach bekommt seit Oktober 2010 ein Leistungsstipendium vom Chemiekonzern Dow.

amerikanische Chemiekonzern Dow zwei Studierenden mit 500 Euro pro Monat – seit dem Wintersemester 2010/11 auch Christian Herschbach. Zwei Monate nach der Bewerbung kam die Zusage, die für den 24-jährigen eine Erleichterung bedeutet. Neben seinem Studium musste Christian von Beginn an arbeiten. Das BAfÖG und die Unterstützung seiner Eltern reichten nicht aus. Das hat sich nun geändert. »Durch das Stipendium konnte ich meine Stelle in einer Apotheke aufgeben und kann mich nun voll und ganz meiner Masterarbeit widmen«, freut sich der Physikstudent.

Ein drastisches Programm

Geschichten, wie die von Christian Herschbach sind selten in Deutschland. Laut der 19. Sozialerhebung des Studentenwerks bekommen lediglich drei Prozent der 2,19 Millionen Hochschüler ein Stipendium. Besonders im internationalen Vergleich ist das sehr wenig. Als Musterbeispiel gelten die USA. Die amerikanischen Studierenden müssen zwar an fast allen Hochschulen Studiengebühren bezahlen, sie werden jedoch auch durch ein dichtes Stipendiennetzwerk unterstützt. Für die unteren Einkommensschichten gibt es zum Beispiel den Pell Grant, ein Stipendium für das die Vereinigten Staaten 2010 über 21 Milliarden Dollar ausgegeben werden. Hinzu kommt eine große Anzahl von privaten Förderungen, die dazu führen, dass beispielsweise an der Elitehochschule Yale rund 70 Prozent der Studierenden eine zusätzliche finanzielle Unterstützung bekommen.

Logo Deutschlandstipendium Hochschulen

"Wir sind dabei" - das Motto des Deutschlandstipendium bedeutet für die Hochschulen in Sachsen-Anhalt eine große Herausforderung.

Mit dem Verweis auf das amerikanische System soll nun auch in Deutschland die Stipendiendichte drastisch erhöht werden. Im September dieses Jahres startete deswegen ein Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das dessen Ministerin Anette Schavan als „Revolution der Stipendienkultur» ankündigte. Mit dem Deutschlandstipendium sollen mittelfristig acht Prozent der Studierenden unabhängig vom elterlichen Einkommen 300 Euro pro Monat erhalten.

Mit den aktuellen Studierendenzahlen gerechnet, würden dann rund 175.000 Hochschüler ein Stipendium bekommen, was 53 Millionen Euro pro Monat kosten würde. Diese enormen Ausgaben will der Bund zur Hälfte begleichen. Die anderen 50 Prozent sollen Unternehmen und Privatpersonen beisteuern – so verlangt es zumindest das Bildungsministerium.

Rechenbeispiel

2.190.000 Studenten studieren in Deutschland
2.190.000 Studenten x 0,08 = 177.000 Studenten
177.000 x 300 Euro = 53.100.000 Euro (pro Monat)
53.100.100 Euro x 12 Monate = 637.200.000 Euro (pro Jahr)
Der Bund und private Geldgeber müssten 637 Millionen Euro pro Jahr für das Deutschschlandstipendium aufbringen.

Anlass zu dieser Forderung besteht durchaus, denn ein Engagement, wie Dow es an der Uni Halle zeigt, ist selten. An der Finanzierung von Stipendien ist die private Hand bis dato nur geringfügig beteiligt. Die meisten werden von den zwölf staatlich gestützten Begabtenförderungswerken vergeben. Ebenso sieht es bei der allgemeinen Unterstützung der Hochschulbildung aus. Laut der OECD-Studie »Bildung auf einen Blick 2010« fließen in Deutschland Gelder in Höhe von 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus privaten Quellen in die Hochschulen. In den USA sind es 2,1 Prozent.

Warum die Wirtschaft und Privatpersonen in Universitäten investieren sollten, steht indes für Bundesbildungsministerin Annette Schavan fest. In einem Interview erklärt sie: »Ein Wissenschaftssystem verdient es, dass diejenigen, die studiert haben und heute gut verdienen, mit ihren Hochschulen solidarisch sind. Und die Wirtschaft wird mit ihrer Klage über den drohenden Fachkräftemangel nur Widerhall finden, wie sie selbst bereit ist, frühzeitig in Talente zu investieren.«

Schavan und ihr Ministerium müssen allerdings die privaten Quellen, die zur Finanzierung des Deutschlandstipendiums notwendig sind, nicht erschließen. Der Bund ist lediglich Geldgeber. Die Akquisearbeit sollen die Hochschulen erledigen. Eine Aufgabe, die Schwierigkeiten mit sich bringt.

Definitiv zu früh

Der große Gang im Untergeschoss des Melanchtonianums ist in schummriges Licht getaucht. Draußen ist es noch dunkel und die Stabsstelle des Rektorates der Martin-Luther-Universität (MLU) wird nur von wenigen Lampen erleuchtet. Jana Wiedemann hat ihr Büro am Ende des Flurs.

Alumni Beauftragte Jana Wiedemann. Foto: Rektorat Uni Halle

Sie nippt an ihrem Kaffe. Ihre Augen sind leicht zugekniffen und sie spricht mit leiser Stimme. »Ich bin erst seit Ende Oktober hier«, erzählt die junge Frau, die gerade ihr Studium an der Uni Halle abgeschlossen hat. Im Untergeschoss des Melanchtonianums gibt es nun neben Pressestelle, Marketing-Abteilung und Carreer-Center auch Alumni-Arbeit. Jana Wiedemann ist dafür verantwortlich.

Mit den Ehemaligen-Netzwerken an Hochschulen sind große Erwartungen verbunden – auch in Bezug auf das Deutschlandstipendium. Jana Wiedemann ist das bewusst. Sie ist jedoch wenig zuversichtlich: »Prinzipiell muss man sagen, dass die Alumni-Arbeit in Deutschland – bis auf einige Ausnahmen – in den Kinderschuhen steckt.« An der Uni Halle hat bis dato eine Mitarbeiterin aus dem Marketing quasi nebenbei die Ehemaligen betreut. Es gibt eine Datenbank mit rund 3000 Kontakten und einen Internetauftritt. »Von einem Netzwerk zu sprechen, halte ich jedoch für verfrüht«, räumt Jana Wiedemann ein. Derzeit arbeitet sie an einem Konzept für die Alumni-Arbeit und an der Neugestaltung der Website. Bis diese Bemühungen Früchte tragen, wird jedoch noch einige Zeit vergehen. »Realistisch gesehen muss man beim Aufbau eines lebendigen Absolventennetzwerkes in Jahrzehnten denken. Man muss auch erst einmal investieren, um dann zu profitieren«, ist sich Jana Wiedemann sicher.

Für die Martin-Luther-Universität kommt das Deutschlandstipendium definitiv zu früh. »Derzeit müssen wir uns erst einmal mit der Verwaltungsvorschrift auseinandersetzen, die ab dem ersten Januar gilt«, erklärt Ulf Walther. Dass zum Sommersemester die ersten Deutschlandstipendien verteilt sind, hält der Pressesprecher der MLU für unwahrscheinlich. »Noch haben wir niemanden zum Einwerben losgeschickt. Und auch wenn es soweit ist, wird es noch eine Weile dauern, bis wirklich Geld fließt«, meint Walther. Dabei müsste es 2011 bereits über 80 Stipendiaten an der Universität Halle geben.

Laut dem Bundesbildungsministerium soll nämlich im nächstes Jahr  0,45 Prozent der deutschen Hochschüler gefördert werden, bundesweit also 10.000 Studierende. Jahr für Jahr soll der Prozentsatz dann angehoben werden, sodass in der letzten Ausbaustufe acht Prozent der Hochschüler ein Deutschlandstipendium bekommen. Die Martin-Luther-Universität müsste dann jährlich rund 2,55 Millionen aus privaten Quellen einwerben. Auf die neun Hochschulen in Sachsen-Anhalt gerechnet, sind es sogar 7,7 Millionen.

Akquise muss erfolgreich sein

Professor Armin Willingmann kapituliert vor den Vorgaben. Als Präsident der LRK und Rektor der HS Harz ist er mit den Problemen der Hocschulen gut vertraut. Foto: http://willingmann.de/person.htm

Vor dieser Summe kapituliert auch Professor Armin Willingmann. »Diese Zahl ist aus heutiger Sicht völlig unrealistisch. Wenn nicht ein unvorhersehbarer Aufschwung einsetzt, dann ist das nicht zu schaffen«, konstatiert der Präsident der Landesrektorenkonferenz Sachsen-Anhalt (LRK). Dabei ist die Hochschule Harz, die Willingmann leitet, schon ein ganzes Stück weiter als die Uni Halle.
Eine Mitarbeiterin war Anfang Dezember bereits zu einer vom Bundesbildungsministerium veranstalteten Akquiseschulung in Stuttgart. Diana Kränzel kam von dort mit einem positiven Eindruck zurück: »Ich war überrascht, wie viel Praxis in dem Seminar vermittelt wurde.« Ob sie diese auch an ihrer Hochschule umsetzen kann, ist jedoch fraglich. Diana Kränzel ist eigentlich für die Alumni-Arbeit verantwortlich. Um das Deutschlandstipendium kümmert sie sich nur nebenbei. Ein Problem, das auch Professor Willingmann sieht. »Nur wenige Hochschulen betreiben bis jetzt institutionelles Fundraising«, gibt der LRK-Präsident zu bedenken. »Wenn man das richtig machen möchte, braucht man dafür eigene, besonders geschulte und darauf konzentrierte Mitarbeiter, die die Werbetrommel rühren.«

In der Tat ist es fraglich, wer die Geldquellen erschließen soll. Neue Stellen können die Hochschulen nicht schaffen. Der Bund zahlt zwar eine Akquisepauschale, diese ist jedoch erfolgsabhängig. Die Hochschulen müssen mit ihrem Fundraisingbemühungen also in Vorleistung gehen. Für jeden eingeworbenen Euro bekommen sie dann sieben Cent extra. Wer kein Geld einwirbt, bleibt auf seinen Kosten sitzen.

Fließenleger als Stipendiengeber

Mit Misserfolgen beim Deutschlandstipendium musste man sich an der Hochschule Harz bis dato noch nicht beschäftigen. «Im Spätsommer meldete sich bereits ein Fliesenleger aus Quedlinburg bei mir, quasi der erste Stipendiengeber in Sachsen-Anhalt«, erzählt Professor Willingmann. „Er hatte in der Zeitung vom Deutschlandstipendium gelesen und wollte sich nun beteiligen.» Dieses Beispiel zeigt für den Rektor der Hochschule Harz auch einen Trend unter den Förderern: «Es melden sich vermehrt kleine Handwerksunternehmen bei uns. Das ist sehr schön, allerdings soll ja vor allem die Industrie Stipendien finanzieren und dann auch gleich in größerem Maße. Doch die fühlt sich bis jetzt noch nicht in der Pflicht.«

Dr. Simone Danek im Gespräch (Foto: Tom Leonhardt)

Von den großen Konzernen hat auch Dr. Simone Danek von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau noch keine Rückmeldung zum Deutschlandstipendium. Sie ist für die Aus- und Weiterbildung bei der IHK verantwortlich und bestätigt den Eindruck des LRK-Präsidenten: «In unserer Region haben wir 95 Prozent kleine und mittelständische Unternehmen, die oft noch genauer schauen, wofür sie Geld ausgeben. Es mag große Betriebe geben, die es für die Region oder die Gesellschaft machen, aber die gibt es in nennenswertem Umfang auch erst ab einer bestimmten Wirtschaftskraft.«

Dass diese Wirtschaftskraft in Deutschland äußerst ungleich verteilt ist, sieht auch Professor Willingmann kritisch. Das Deutschlandstipendium unterstelle, dass überall in der Bundesrepublik einheitliche Lebensverhältnisse herrschen. «Besonders in Ostdeutschland hat man aber mit einer strukturschwachen Wirtschaft zu kämpfen. Die ist für ein solches Stipendienmodell nicht der beste Partner«, so Willingmann. In Sachsen Anhalt lag das pro Kopf Bruttoinlandsprodukt 2009 bei 19.600 Euro. In Hamburg ist es mehr als doppelt so hoch. Trotz der anfänglichen Erfolge erwartet auch der Rektor der Hochschule Harz, dass sich nicht viele Unternehmen finden werden, die eine Förderung in Betracht ziehen. «Aus Erfahrung sind die bereits in der Drittmittelforschung sehr zögerlich. Bei den Stipendium droht sich das zu wiederholen.«

Es muss nachgebessert werden

Für Simone Danek kann das Deutschlandstipendium nur erfolgreich sein, wenn nachgebessert wird. Es müsse sich für die Unternehmen auch lohnen, Geld zu geben. Ein großer Nachteil sei, dass die Auswahl der Studierenen nicht von der Wirtschaft mitbestimmt werden könne. «Die Stipendiaten werden nicht von den Unternehmen ausgesucht, sondern von der Hochschule. Da braucht man erst einmal Betriebe, die unter dieser Bedingung Geld geben«, konstatiert Simone Danek.

Nach derzeitigem Stand des Gesetzes sollen zwei Drittel der Deutschlandstipendien zweckgebunden vergeben werden. Der Stifter kann also bestimmen, in welchen Fachbereich die Förderung fließt. Über das verbleibende Drittel sollen die Hochschulen selbstständig entscheiden dürfen.

Die IHK in Sachsen-Anhalt hat bereits eine Stipendienplattform. Auf Ingenieure gesucht werden seit 2009 Förderungen vermitelt - allerdings nur für bestimmte Fachgebiete.

Eine Alternative zu diesem Verteilungsschlüssel bietet die IHK Halle-Dessau gleich selber. 2009 hat sie zusammen mit der IHK Magdeburg die Stipendienplatform Ingenieuregesucht.de ins Leben gerufen. Auf ihr können Betriebe aus Sachsen-Anhalt Förderungen ausschreiben. Schüler und Studierende, die an einem Stipendium interessiert sind, melden sich dann direkt beim Unternehmen, mit dem sie auch die Konditionen aushandeln. Die einzige fixe Bedingung besteht darin, dass sich die Stipendiaten nach ihrem Abschluss zwei Jahre an das Unternehmen binden.

Ein Nachteil der Plattform offenbart sich allerdings bereits in ihrem Namen. Ein Philosophiestudent hätte bei Ingenieuregesucht.de wenig Chance auf ein Stipendium, was auch Simone Danek zugibt: «Vorrangig sind das natürlich gewerblich-technische und naturwissenschaftliche Fachrichtungen, aber Betriebswirtschaftslehre ist zum Beispiel auch dabei.«

Zweiklassengesellschaft der Fachrichtungen

Dass besonders praxisnahe Bereiche besser Stipendiengelder anziehen, ist schon jetzt evident. Das Dow-Stipendium ist zum Beispiel auf physikalische und chemische Studiengänge beschränkt. Für Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften gibt es hingegen nur wenige Förderer.

Dieses Ungleichgewicht überträgt sich auch auf die Hochschultypen. Für Sachsen-Anhalt gibt die 19. Sozialerhebung des Studentenwerks eine Stipendienquote von 2,5 Prozent an. An den Universitäten bekommen aber gerade einmal 0,4 Prozent, also nur jeder zweihundertfünfzigste Student,  eine Förderung. An den Fachhoschulen, die  viele Kooperationen mit Unternehmen haben, ist es jeder fünfzehnte. Das die Einwerbung von Geldern für das Deutschlandstipendium besonders für Universitäten schwierig wird, sieht auch Professor Armin Willingmann. Der Präsident der Landesrektorenkonferenz präzisiert die Lage sogar noch: „In den Geisteswissenschaften ist der Pool potentieller Unternehmen nicht sonderlich groß. Da wird besonders die Universität Halle, für die dieser Bereich ja sehr wichtig ist, Probleme haben.«

Die 19. Sozialerhebung zeigt nicht nur eine geringe Stipendienquote in Sachsen-Anhalt, sondern auch ein Ungleichgewicht zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Quelle: Grundauszählung zur 19. Sozialerhebung (Screenshot)

Aber auch andere Hochschulen in Sachsen-Anhalt sehen schon jetzt wenige potentielle Förderer. Wolfgang Albrecht ist Vorsitzender des Freundes- und Förderkreises der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. 250 Mitglieder hat der Verein – die meisten davon sind Angehörige der Hochschule. Zum Deutschlandstipendium beitragen, könne der Freundes- und Förderkreis derzeit nichts. «Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich daran etwas ändert«, betont Albrecht. Eine Kunsthochschule produziere keine reichen Knöpfe en Masse. «Es gibt sicherlich Normalverdiener unter den Designern, aber besonders Absolventen im Fachbereich Kunst können oft froh sein, wenn sie sich überhaupt ihren Lebensunterhalt finanzieren können.«

Ein Lichtblick: Stiftung statt Porsche

Stiftungsgründung: Wolgang Lassmann (rechts) und Rektor Udo Sträter (Mitte) unterzeichnen den Stiftungsvertrag. Foto: halleforum.de

Die märchenhaften Geschichten, die man aus den USA von Zeit zu Zeit hört, sind an den sachsen-anhaltinischen, und auch deutschen Hochschulen wohl nicht möglich. 2007 zum Beispiel schenkte ein anonymer Spender der University of Chicago 100 Millionen Dollar. Der Freundes- und Fördergreis der Kunsthochschule Halle bekommt sehr selten mal eine Zuwendung über 1000 Euro und das Spendenvolumen liegt bei der Martin-Luther-Universität jährlich zwischen 1000 und 3000 Euro.

In diesem Jahr gab es an der Uni Halle jedoch einen Lichtblick. Im November wurde die nach ihrem Stifter benannte Wolfgang-Lassmann-Stiftung an der MLU gegründet. Ihr Ziel ist es, junge Akademiker aus sozial schwachen Verhältnissen zu unterstützen und herausragende Abschlussarbeiten auszuzeichnen. Das Stiftungskapital beträgt 100.000 Euro.

Sein Geld zu stiften, hatte für Wolfgang Lassmann ganz persönliche Gründe. Im Krieg verlor er seine Eltern und sein zu Hause und gelangte über mehrerer Heimaufenthalte in die Franckeschen Stiftungen nach Halle. „Dort hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit der Universität und habe sie in mein Herz geschlossen», erzählt der heute 72-Jährige.
Nachdem er in Leipzig studierte kehrte er zur Promotion nach Halle zurück und baute dabei seine spätere Wirkungsstädte mit auf. „Unsere Aufgabe war es, die Wirtschaftsinformatik an der Martin-Luther-Universität zu etablieren. Und 1968/69 konnten sich die ersten Studenten im deutschsprachigen Raum dafür bei uns einsachreiben», erzählt Lassmann stolz. Nach der Wende bekam er dann einen Lehrstuhl für Wirtzschaftsinformatik an der Universität Halle und unterichtete hier bis 2003.

„Wenn man am Ende seines Lebens steht, dann erinnert man sich auch daran, dass, als man selber studiert hat, auch Leute da waren, die einem geholfen haben.» Wolfgang Lassmann möchte mit seiner Stiftung auch zurückgeben. Diese emotionale Verbundenheit zur Martin-Luther-Universität, aber auch Pragmatismus bewegten ihn dazu, 100.000 Euro zu spenden. »Ich hätte meiner Frau von dem Geld auch einen Porsche kaufen können, aber damit wäre sie sicher zu schnell gefahren.«, meint er amüsiert.

Mehr Stifter wie Wolfgang Lassmann würden der Hochschullandschaft und auch dem Deutschlandstipendium helfen. Allerdings gibt der Wirtschaftsinformatiker sein Geld auch nicht, ohne einen Zweck zu verfolgen. „In der Satzung meiner Stiftung steht ganz genau beschrieben, wer das Geld bekommen soll», erklärt Wolfgang Lassmann. Junge Akademiker mit einem schwachen sozialen Hintergrund – wie er ihn früher hatte – sind seine große Zielgruppe, die durch die Fächerauswahl beschränkt wird. Nur Wirtschaftsinformatiker und Studenten aus den angrenzenden Bereichen Mathematik und Informatik kommen für eine Förderung in Betracht.

Nichtsdestotrotz zeigt die Wolfgang-Lassmann-Stiftung, dass die Finanzierung von Stipendien auch aus privaten Quellen möglich ist. Bis sie sich auch in Deutschland in nennenswertem Umfang etabliert, braucht es jedoch noch viel Zeit. Die USA hat auch deswegen ein so engmaschiges Stipendiennetz, weil Hochschulfundraising dort eine mehr als 100-jährige Tradition hat. Ob allerdings eine von der Politik initiierte Stipendienkultur erfolgreich ist, liegt vor allem an den Hochschulen, die große Schwierigkeiten bewältigen müssen. Die Revolution, die Anette Schavan mit dem Deutschlandstipendium anzetteln will, muss noch einige Hürden nehmnen.

Die damit verbundenen Anstrengungen könnten sich allerdings lohnen, wie das Beispiel von Physikstudent und Dow-Stipendiat Christian Herschbach beweist. Ein Deutschlandstipendium zu Beginn seiner Hochschulzeit hätte ihn schon damals entlastet: »Dann hätte ich den Job in der Apotheke früher sein lassen können und mehr Freiräume für mein Studium gehabt.«

Über Julius Lukas

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Erstellt: 31.12. 2010 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:37