Jan 2010 hastuINTERESSE Nr. 31 4

Minarette sehen wie Raketen aus

Am Ende des vergangenen Jahres hat man in der Schweiz im Zuge einer Volksabstimmung den Bau weiterer Minarette verboten. Was dies für drei muslimische Studenten der Martin-Luther-Universität bedeutet, erzählten sie der hastuzeit.

Mit diesem Plakat wurde in der Schweiz zum Minarettverbot aufgerufen.

Zu viert sitzen wir in der Küche: Adnan, Maythem, Murad und ich. Ich biete Tee an, und noch führen wir Smalltalk. Das neue Jahr hat gerade erst begonnen, und wir haben uns soeben erst kennen gelernt. Ich habe die drei eingeladen, um mit ihnen über das Votum in der Schweiz für ein Minarettverbot zu sprechen. Die Nachricht hatte im Dezember große Wellen in der europäischen Medienlandschaft geschlagen. Politiker und Experten diskutierten über die Gründe der Geschehnisse in der Schweiz, und auch die deutsche Bevölkerung wurde in Umfragen mit der Frage nach einem Minarettverbot konfrontiert.

Erste Reaktionen auf das Verbot

Maythem ist 26 Jahre alt, stammt eigentlich aus dem Irak und ist für das Studium der Zahnmedizin nach Deutschland gekommen. Das Votum in der Schweiz für ein Minarettverbot hat ihn nicht überrascht. »Viele Menschen, die sich einfach nicht so viel mit anderen Religionen beschäftigen und keine breite Allgemeinbildung besitzen, würden so stimmen.«

Maythem äußert sich ruhig und gelassen. Er scheint schon oft über das Thema gesprochen zu haben. Die Plakate der Anti-Minarettinitiative, mit denen zu einem Minarettverbot aufgerufen wurde, hätten bei der Wahl der Schweizer eine entscheidende Rolle gespielt, führt er aus. »Die Schweizer Flagge, auf der sieben Minarette stehen, die schwarz sind und wie Raketen aussehen, und direkt davor ein Frau, die schwarz verschleiert ist und deren Blick böse ist«, so beschreibt Maythem das Plakat und wundert sich nicht über das Wahlergebnis von 57,5 Prozent für ein Minarettverbot.

An der Wahl hatten sich rund 54 Prozent der Schweizer beteiligt. Initiiert wurde sie von der Schweizerischen Volkspartei und der Eidgenössisch-Demokratischen Union. Adnan, 28 Jahre alt, ebenfalls Student der Zahnmedizin, hörte zum ersten Mal von dem Votum in der Tagesschau, als die Entscheidung gegen das Minarett bereits gefallen war. Für ihn war es ein Schock.

»Ich wusste nichts von der Initiative gegen Minarette und habe es daher nicht nur nicht erwartet, sondern konnte es im ersten Moment gar nicht glauben.« Adnan wirkt aufgeregt, betroffen und irgendwie hilflos. »Ich fragte mich, warum man Minarette verbieten will und wem ein Minarett schadet. Im nächsten Moment dachte ich, das Minarett ist ein großer Teil einer Moschee, und wenn man diesen verbietet, dann will man ja auch irgendwie Moscheen verbieten.« Ebenso kam die intensive Diskussion danach in Deutschland für Adnan unerwartet. Auch weil er bisher die Atmosphäre in Europa als eine solche empfunden hatte, in der Interkulturalität als ein Zustand angenommen wird, den man toleriert und schätzt.

Angst vor der Angst vor dem Islam

Auch Murad (28 Jahre) aus dem Jemen, Medizinstudent, zeigt sich bestürzt von dem Votum. Für ihn ist klar: Die Abstimmung richtete sich nicht nur gegen das Minarett, sondern gegen den Islam im Allgemeinen. Eine weit verbreitete Angst vor Muslimen sieht er als Grund für das Ergebnis an. Dabei klingt er selbst ängstlich, und auch die Szenarien, die er von der Zukunft zeichnet, scheinen von Angst geprägt: »Morgen kommt jemand und tötet Muslime auf der Straße, und nach zwei oder drei Jahren verbietet man den Islam generell oder schiebt Muslime ab.« Dass das Minarettverbot nur der Anfang einer Verbotsserie sein könnte, davor hat auch Maythem Angst. Er kann sich ausmalen, was die Zukunft bringt, aber er sieht keine Möglichkeit für die Muslime, richtig auf das Verbot zu reagieren. »Entweder einige Muslime werden aggressiv auf das Verbot reagieren, und die Unterstützer des Minarettverbots werden das Verbot damit als rechtmäßig legitimieren. Denn die Leute werden denken, dass diejenigen, die sich in Gewalt ausgedrückt haben, dieselben Leute sind, die in die Moschee gehen. Und wenn keiner raus geht und gegen das Verbot rebelliert, dann werden sie glauben, anscheinend das Richtige getan zu haben, und werden den nächsten Schritt gehen.« – »Das sind ja extreme Ängste«, werfe ich ein. »Ja«, gibt Maythem zu.

Auch in Deutschland, vermutet Murad, würden bestimmt 80 Prozent für ein Minarettverbot stimmen, würde man sie fragen. Ich erinnere mich an eine Umfrage, laut der fast die Hälfte der befragten Ostberliner Bürger sich tatsächlich für ein Verbot aussprechen würde. Murad fühlt sich bestätigt und erklärt das Ergebnis damit, dass es in Berlin viele Probleme mit Migranten gäbe und diese mit dem Islam verbunden würden, auch wenn seiner Ansicht nach die Probleme und die Kriminellen nichts mit dem Islam zu tun hätten.

Sind die Medien schuld?

Auch Maythem findet, dass zu oft die Religion Islam mit den Verbrechen einzelner Muslime in Verbindung gebracht werde. Schuld daran seien auch die Medien. »Seit dem 11. September herrscht in den Medien eine Tendenz, die sich massiv gegen den Islam richtet.« Murad pflichtet bei: »Die Medien bepumpen die Bevölkerung. Innen drin haben die Menschen Angst, weil sie jeden zweiten Tag von einem Terroranschlag und Islamismus hören.« Murad sitzt mir gegenüber und beugt sich nun nach vorne. Das Thema regt ihn sichtlich auf. »Wenn ein Amoklauf in Deutschland passiert, so ist die erste Erklärung, der Täter sei psychisch krank. Hat der Attentäter aber dunkle Haare, dann ist die erste Vermutung, er sei Islamist.«

Adnan hingegen beurteilt die Berichterstattung zumindest bezüglich des Schweizer Minarettbauverbots als positiv. Die Nachrichten seien wie immer neutral gewesen, und in einer Talkshow habe er eine intelligente Auseinandersetzung mit dem Thema erlebt. Adnan verurteilt die Medien nicht, Kritik übt er dennoch. Jedoch richtet sich diese eher an die Rezipienten. »Wir alle sollten uns besser informieren, diskutieren, uns interessieren. Das Minarettverbot ist nur ein Anlass von vielen für mögliche Diskussionen.« Bildung dürfe aber nicht nur durch die Massenmedien erfolgen, sondern durch vielfältige Recherche. »In einer Minute im Fernsehen kann man gar nicht die ganze Wahrheit sagen. Auch Bilder zeigen immer nur einen Blickwinkel«, gibt Adnan zu bedenken.

Stunden sind inzwischen vergangen, und ich frage meine Gesprächspartner, wie man den existierenden Ängsten und Konflikten begegnen könne. »Mehr Bildung, mehr Aufklärung, mehr Diskussion«, meint Adnan. Maythem fügt hinzu: »Und die Muslime müssen sich richtig repräsentieren.« Die Wahhabiten seien zum Beispiel keine wirklichen Muslime: »Ich verstehe den Islam anders als die Art, wie sie ihn praktizieren. Diese Ansicht teilen sehr viele Muslime.« Murad und Adnan nicken zustimmend. »Man muss die Probleme außerdem an der Wurzel anpacken«, ergänzt Murad, »und sich fragen, warum so viele Muslime hier sind und warum es so viele Flüchtlinge gibt.« Obwohl die Zukunftsaussichten düster und von Angst geprägt sind, schwingt die ganze Zeit auch Hoffnung mit. Wozu würden wir auch sonst hier sitzen und über all das reden.

Über Julia Glathe

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Erstellt: 23.01. 2010 | Bearbeitet: 23.01. 2010 12:54