Jan 2010 hastuPAUSE Nr. 31 0

Kein Ratgeberbuch

Der britische Journalist Leo Hickman lässt sich auf ein wagemutiges Experiment ein: ein Jahr lang ethisch korrekt leben.

Ich stehe vor einem Regal, vollgepackt mit Deos in allen Variationen, und kann mich nicht entscheiden. Ich habe keine Zeit, also nehme ich das billigste. Doch wenn ich mir die Inhaltsstoffe genauer anschaue, entdecke ich eine lange Liste unaussprechlicher Bezeichnungen. Zum Beispiel Aluminiumchlorohydrat, das im Verdacht steht, Alzheimer und Brustkrebs zu verursachen. Oder Propylenglykol, das man auch in Frostschutzmittel findet.

Glaube ich Leo Hickman, dann war das wohl mein Zuckererbsen-Moment. Für den Autor ist es das pochende Schuldgefühl, wenn er vor dem Supermarktregal steht und zu Zuckererbsen greift, die »per Luftfracht von einem Feld in Kenia« kommen. Ermutigt von dem Gedanken, »etwas Positives in der Welt« zu bewirken, startet er den Versuch, ein Jahr »ethisch korrekt« zu leben. Seine Erfahrungen und Gedanken hält er auf der Internetplattform seiner Zeitung fest.

Anfangs heißt »ethisch korrekt« für ihn, »bewusster und weniger verschwenderisch« zu sein. Aber wie er diese Aufgabe meistern soll, ist ihm zunächst nicht klar, weshalb er drei Berater, die sich mit Bio-, Öko- und Verbraucherfragen auskennen, bittet, ihm zu helfen.

Der Autor wohnt mit Frau und Kind in London und lädt die Ratgeber zu einer Wohnungsbesichtigung der etwas anderen Art ein, denn jede Kleinigkeit wird inspiziert. Und es gibt einiges auszusetzen, wie die vielen elektrischen Küchengeräte, die keiner benutzt, oder der enorme Vorratsschrank, in dem sieben verschiedene Sorten Nudeln lagern.

Eine lange Öko-Odyssee beginnt, denn die Familie muss einige Entbehrungen auf sich nehmen. So klingt der Verlauf des Experiments oft krampfhaft und gezwungen. Dass das Prozedere doch zu einem besseren Leben führen soll, tritt ein bisschen in den Hintergrund. Ermunternd wirken die Passagen, in denen Hickman von seiner neu entdeckten Freude an sozialem Engagement oder von Fair-Trade-Kleidung schwärmt.

Der Selbstversuch findet im Internet großen Anklang. So erhält der Autor viele Tipps, die oft sehr hilfreich, manchmal aber auch verwirrend oder urkomisch sind. Einige Umweltaktivisten etwa verpönen den Wunsch nach einem zweiten Kind, denn »ein Kind zu bekommen, ist das Unethischste« überhaupt. Die Experten hingegen schlagen einen ernsteren Ton an und informieren Leser und Autor zum Beispiel darüber, dass sie bei dem Kauf einer Waschmaschine ungewollt die Nuklear- und Waffenindustrie unterstützen könnten. Zweifelsfrei nimmt Hickman die Ratschläge der Experten nicht immer an. Dass man nach einer Urlaubsreise einen Baum zur Neutralisierung des Kohlenstoffdioxids pflanzen soll, bezeichnet er als »moderne Art des Schuld-Ablasses«.

Trotzdem hat er viele Ratschläge in sein normales Leben übernommen, so dass das Experiment für ihn längst nicht zu Ende ist. Er weiß jetzt, dass er die Welt nicht retten kann, aber man kann sich »mehr Mühe geben«. Was »ethisch korrekt« eigentlich bedeutet, kann letztlich nur jeder für sich selbst entscheiden. »Fast nackt« kann dazu eine Anleitung sein, aber vor allem ist dieses Buch unterhaltsam geschrieben, ohne oberflächlich zu wirken. Viele Ratschläge lassen sich problemlos in den eigenen Alltag integrieren, wie etwa die simple Mülltrennung oder der Verzicht auf starke Reinigungsmittel. Aber mit Fragen wie der Herstellung wieder verwendbarer Tampons wird sich kaum jemand ernsthaft beschäftigen wollen.

Leo Hickmann: Fast nackt: Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben. Piper Taschenbuchverlag, 320 Seiten, 9,95 €

Über Yvette Hennig

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Erstellt: 20.01. 2010 | Bearbeitet: 20.01. 2010 17:00