Aug 2010 hastuINTERESSE Nr. 33 0

Kein Bock auf Ehrenamt

Der Triftpunkt hat »Schluss gemacht«, und mit ihm erleiden immer mehr studentische Initiativen den Vereinstod. Niemand hat mehr Lust, Zeit oder Kraft, sich zu engagieren. Stimmt das?

Die sonst so belebten Räume der Studentenwerkstatt Triftpunkt e. V. sind seit ein paar Wochen wie leergefegt. Die letzte Party liegt schon eine Weile zurück. Sie war gut, aber sie war auch die letzte. Denn der Triftpunkt ist aus dem Wächterhaus ausgezogen. Die regelmäßig organisierten Kinoveranstaltungen, Vorträge und Partys gehören der Vergangenheit an. Der Grund für das Ende sind nicht etwa fehlende finanzielle Mittel oder ein Mangel an Besuchern, sondern eher die fehlende Zeit der Mitglieder. Denn die meisten von ihnen sind nach den drei Jahren Vereinsbestehen am Ende ihres Studiums angelangt und schreiben nun ihr Examen. »Wenn ein Verein hauptsächlich von studentischem Engagement lebt, steht er irgendwann generell vor dem Problem schwindender Mitgliederzahlen, da die meisten Studenten ihr Studium ja auch irgendwann abschließen«, bemerkt die Triftpunkt-Mitbegründerin Magdalena Wolf. Und an engagiertem Nachwuchs fehlte es der Studentenwerkstatt völlig. Ohne auf eine nächste Generation vertrauen zu können, blieb den wenigen aktiven Mitgliedern also nichts weiter übrig, als einen Schlussstrich zu ziehen.

Der Triftpunkt e. V. ist mit seinem Schicksal aber nicht allein. Sich durch ehrenamtliches Engagement an feste Ämter und Verantwortlichkeiten zu binden, scheint zunehmend unpopulär zu werden. Ob bei Parteien, Hochschulgruppen oder Vereinen wie dem Triftpunkt, laut Statistiken sinken die Mitgliederzahlen ins Bodenlose.

Keine Zeit durch Bologna?

Einen möglichen Grund dafür könnte die über sechs Jahre angelegte HIS-Studie von 2008 liefern. Demnach zeige die Mehrheit der befragten Studierenden zwar ein generelles Interesse für ehrenamtliches Engagement, jedoch hätten immer weniger Studierende auch die Zeit dafür. Ist das vielleicht ein mögliches Resultat der viel diskutierten Bologna-Reform? Dass durch die Überregulation der neuen Studiengänge studentische Freiräume, und damit auch die Zeit für ein Ehrenamt, immer mehr eingeengt würden, kritisieren schließlich nicht nur die Bildungsstreikler.

Laut der Pressemitteilung des Triftpunkt e. V. ist das BA-/MA-System einer der Hauptgründe dafür, warum die Studentenwerkstatt schließen musste. Denn der potentielle Nachwuchs studiert nicht wie die Triftpunkt-Begründer Diplom und Magister, sondern Bachelor und Master. So gibt auch Magdalena den neuen Studiengängen die Schuld am Ende des Triftpunkt-Vereins. Man müsse »natürlich feststellen, dass mit der flächendeckenden Bachelor-Einführung vielen schlicht die Zeit für außeruniversitäres Engagement fehlt, wir also aus dieser Ecke fast keine neuen Mitglieder gewinnen konnten.« Der MLU-Soziologe Prof. Dr. Ulrich Bröckling sieht das Problem ganz ähnlich. Die Studierenden »stecken durch die veränderte Studienorganisation, die mit den Bachelor-Programmen verbunden ist, in einem anderen Zeitregime, und das macht es schwerer, sich außerhalb des Studiums zu engagieren.«

Doch auch trotz straffem Stundenplan und enormem Leistungsdruck ist es in den neuen Studiengängen möglich, sich zu engagieren. Das zumindest zeigt die studentische Initiative CultureConAction e. V., deren Mitglieder ausschließlich Bachelor und Master studieren. Ina Litterst, die aktiv im Verein tätig ist, sieht das Nachwuchs-Problem anders begründet. »Es ist nicht unbedingt die Zeitinvestition, denn wer sich die Zeit nehmen will, der nimmt die sich einfach. Das Problem ist eher, dass man niemanden hat, der mal einen längeren Zeitraum da ist und das Wissen weitergeben kann.« Demnach sei die Studienzeit mit drei bzw. zwei Jahren viel zu kurz, um sich langfristig engagieren zu können. Das hat natürlich vor allem Auswirkungen auf die ehrenamtliche Tätigkeit bei Vereinen oder Parteien.

Doch weder das immer kleiner werdende persönliche Zeitfenster für studentische Partizipation noch die kurze Studiendauer können den Rückgang studentischen Engagements hinreichend erklären. Schließlich ist der Schwund an Vereins- oder Parteimitgliedern nicht erst seit ein paar Jahren zu beobachten, sondern unterliegt einem jahrzehntelangen Trend.

Neue Mentalität, neues Ehrenamt

Der eigentliche Grund für die leeren Vereinshäuser ist vielmehr ein gesellschaftlicher Wertewandel, der seit vielen Jahren die Mentalität und damit auch das Engagement der Studierenden verändert. Zu diesem Schluss kommt das Konstanzer Studierendensurvey, das während der letzten 24 Jahre studentisches Engagement untersucht hat. Vor allem die Motive haben sich verändert. Waren die früheren Generationen eher von Idealen der Freiheit geprägt, wollten viel erreichen und hatten vor allem auch Gesellschaftskritik geübt, so versuchen die heutigen Studierenden »mit realen Verhaltensweisen mutige Bewegungen entstehen zu lassen«, so der MLU-Soziologe Prof. Dr. Sackmann.

Dieser Mentalitätswandel macht auch vor dem Triftpunkt nicht halt. »Die Mitgliederwerbung war eigentlich nicht das Problem, wir durften regelmäßig neue Gesichter im Vereinskreis begrüßen. Es ist vielmehr so, dass von vornherein nur ein Teil der Mitglieder aktiv war; die anderen beteiligten sich nicht direkt am Vereinsgeschehen, sondern erschienen dann zu den Veranstaltungen oder Partys«, berichtet Magdalena.

Das entspricht voll und ganz dem gegenwärtigen Trend. Anstatt sich für ein gemeinsames großes Ziel einzusetzen, wird heute eher nach Betroffenheit gehandelt. Man unterstützt also kaum noch die ganze Gruppe, sondern eher ein bestimmtes Projekt, das gerade behandelt wird. Aus dieser Motivation heraus hat sich auch der CultureConAction e. V. gegründet. Da es »für Geistes-und Kulturwissenschaftler keine wirkliche Arbeitsmarkt-Perspektive« gibt, haben sich IKEAS-Studierende »spontan zusammengeschlossen«, um eine Firmen- und Kontaktmesse zu organisieren, erklärt Ina Litterst.

Zusätzlich wird diese projektartige Gemeinnützigkeit von einer zunehmenden Individualisierung begleitet. Die Gründe für das Interesse am Ehrenamt sind nicht mehr nur idealistischer Natur. Die 14. Shell-Jugendstudie kommt zu dem Ergebnis, dass selbstorganisierte Gruppen, wie etwa eine Bürgerinitiative, deutlich mehr Zuspruch finden. Parteien oder Gewerkschaften, deren Interessen-katalog viel größer ist, werden dagegen immer unpopulärer. Auch Ina erscheint Engagement in einer Partei »zu abstrakt und zu umfassend«. Die IKEAS-Studentin konzentriert sich »lieber auf einen Aspekt, der mir wirklich wichtig ist«.

Es entstehe ein »neues Ehrenamt«, so Prof. Dr. Sackmann. »Eine gesellschaftliche Tätigkeit soll auch angenehm sein.« Während man sich früher eher aus Gründen der Hilfsbereitschaft engagierte, stellt sich heute wohl die Frage, ob man Spaß an der Tätigkeit hat oder welche persönlichen und beruflichen Erfahrungen man sammeln kann. Das kann auch Ina bestätigen. Als Hauptmotivation benennt sie den praktischen Aspekt an ihrem Ehrenamt. Sie wolle aus dem Theoretischen »auch etwas machen«.

Besonders das soziale Engagement im Verein erfährt seit Mitte der 90er Jahre einen Wandel. War man früher eher in Verpflichtungen eingebettet, so wird heute mehr Wert auf Freiwilligkeit gelegt. »Die Zahlen der Mitglieder für freiwilliges Engagement sind leicht steigend, wohingegen verpflichtende Tätigkeiten an Beliebtheit verlieren«, bestätigt auch Prof. Dr. Sackmann.

Außerdem weist er auf eine zunehmende »Professionalisierung von Engagement« hin, die sich besonders darin ausdrückt, dass Ehrenamt heute nicht nur organisierter und praktischer, sondern auch in geregelteren Bahnen abläuft. Diese Entwicklung ist bereits an den studentischen Initiativen der MLU zu beobachten. So erleichtert der CultureConAction e. V. einerseits das Gespräch zwischen Studierenden und Unternehmen, bei der Mitorganisation kann Ina aber auch »Erfahrungen sammeln und gucken, wo eigene Stärken und Schwächen liegen«. Durch diese Mischung aus gemein- und eigennützigem Verhalten entstehe eine »Balance zwischen dem, was man Geben und Nehmen möchte«, so Prof. Dr. Sackmann.

»Engagiert.Studiert!« als Wegweiser

Da sich durch das Bachelor-System die Zeit für zusätzliche Aktivitäten außerhalb der Universität enorm verringert hat, versucht die MLU Engagement in den Stundenplan zu integrieren. Wie etwa bei dem ASQ-Modul (Allgemeine Schlüsselqualifikation) »Engagiert.Studiert!« sollen so das soziale Engagement gestärkt und den Studierenden neben praktischen Erfahrungen auch Softskills vermittelt werden.

Die Idee, dass sich Engagement mit Lernen verbinden lässt, kommt bei den Teilnehmern der ASQ gut an, bestätigt Ines Jaschinski-Kramer, die im Rahmen der FreiwilligenAgentur Halle e. V. das Modul organisiert. Ebenso wie der Triftpunkt existiert »Engagiert.Studiert!« seit drei Jahren, findet aber im Gegensatz zu der Studentenwerkstatt jährlich mehr Interessenten.

Die wachsende Beliebtheit des Moduls erklärt sie vor allem damit, dass »das Engagementfeld nach eigenem Interesse wählbar und der Spaßfaktor groß ist. Auch der Transfer von Theorie und Praxis kann gewährt werden, und die Teilnehmer können Kompetenzen wie Teamgeist oder Konfliktfähigkeit ausbauen.« Aber inwieweit kann man eine ASQ als freiwilliges Engagement bezeichnen, da man für die Teilnahme fünf Credit Points bekommt? Frau Jaschinski-Kramer meint, dass »so ein Projekt zu einer aktiveren Zivilgesellschaft führt«, aber ist das für die kurze Zeitdauer von einem Semester überhaupt möglich?

Im Gegensatz zu »Engagiert.Studiert!« ist der Triftpunkt auf langfristiges Engagement angewiesen und scheint deswegen nicht dem Wesen der Zeit zu entsprechen. Doch auch wenn immer mehr traditionelle studentische Vereine schließen müssen, so gibt es zahlreiche neue Initiativen, die sich den gesellschaftlichen Problemen in einer anderen Form zuwenden. Zu welchem langfristigen Ergebnis das »neue Engagement« führt, kann nur die Zeit beantworten.

Illustrationen: Mia Ewald

Über Stephanie Scholz

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Erstellt: 05.08. 2010 | Bearbeitet: 25.10. 2010 09:12