Jun 2010 hastuUNI 2

Kandidaten im »Schlagabtausch«

Bei der offiziellen Präsentation der Kandidaten für das Rektorenamt wurde nur zaghafter Wahlkampf betrieben. In vielen Punkten bestand Einigkeit, vor allem beim großen Thema für die nächsten 10 Jahre: strukturelle und strategische Entwicklung.

Die beiden Kontrahenten im Gespräch. Professor Udo Sträter (links) und Professor Peter Wycisk (rechts) am 28. Juni im Löwengebäude. (Foto: MLU, Maike Glöckner)

Über die Auswahl der beiden Anwärter auf das höchste Amt an der Martin-Luther-Universität erfuhren die meisten Hochschulangehörigen aus der Zeitung. Vergangenen Donnerstag (24. Juni) berichtete die MZ über die Nominierung von Professor Peter Wycisk und Professor Udo Sträter. Das Kommunikationsdefizit der Rektorenfindung wäre noch fataler ausgefallen, wenn sich die beiden Kandidaten am 28. Juni um 18 Uhr nicht im Hörsaal XIV im Löwengebäude der Hochschulöffentlichkeit präsentiert hätten.

Und eigentlich hätte es auch diesen Termin gar nicht gegeben. Nur einer Initiative der Studierenden im Senat ist es zu verdanken, dass das Duell um das höchste Amt der Uni Halle in eine breitere Öffentlichkeit getragen wurde. Unter den Anwesenden befanden sich Vertreter aller vier Statusgruppen der Universität, allerdings nur wenige Studierende.

Geistes- gegen Naturwissenschaftler

Mit Udo Sträter und Peter Wycisk treten ein Geistes- gegen eine Naturwissenschaftler an. Wycisk, der seit 1995 einen Lehrstuhl an der Uni Halle inne hat, ist Umweltgeologe und war in der vergangenen Legislatur Dekan der Naturwissenschaftliche Fakultät III.

Sträter ist Kirchenhistoriker und bearbeitet in Halle die Schwerpunkten Reformation, Aufklärung und Pietismus. Für ihn gibt es keinen besseren Ort, um diesen Wissensgebieten nachzugehen:

Die MLU ist für mich, was für andere Mekka oder Rom ist.

Sträter hat in Halle das Interdisziplinäre Zentrum für Pietismusforschung mitbegründet und ist dessen Geschäftsführender Direktor. Hochschulpolisch kann Sträter auf mehr Erfahrung als Wycisk zurückgreifen. In 17 seiner 18 Jahre als Lehrstuhlinhaber an der MLU war der Kirchenhistoriker Teil eines universitären Gremiums. So fungierte er als Dekan, Prorektor sowie als Mitglied von Fakultätsrat, Senat und Konzil.

Programmpunkt Nr. 1: Profilbildung

Nachdem der Vorsitzende der Findungskomission, der Mediziner Professor Stephan Zierz, die Modalitäten der Rektorensuche erklärt hatte, bekamen beide Anwärter 15 Minuten Zeit, um über die eigene Befähigung und Vorhaben zu sprechen. Sehr deutlich wurde dabei eine grundsätzliche Übereinstimmung im Bezug auf das vordringlichste Thema der nächsten 10 Jahre.

Professor Sträter, der auf Grund der alphabetischen Reihenfolge zuerst redete, hob hervor, dass der wichtigste Punkt auf seiner Agenda eine Profildiskussion wäre. Eine solche gebe es laut dem Kirchenhistoriker bereits, jedoch sei sie noch nicht in den Vordergrund getreten.

Professor Wycisk präzisierte die Bedeutung und den Rahmen, in dem Veränderungen der Hochschule stattfinden sollten:

Bis 2020 mus eine strategische Entwicklung der Universität stattfinden.

Im Kern geht es dabei beiden Rektorkandidaten um einen Prozess, der vor allem durch die chronische Unterfinanzierung der MLU ausgelöst wird. Um die Ausgaben für Hochschulbildung im Land zu senken, wird immer wieder über die Struktur der Universitäten und Fachhochschulen in Sachsen-Anhalt nachgedacht (auch die hastuzeit tat dies bereits in einem Artikel und zwei Interviews). Es sei fraglich, ob die Standort- und Angebotsvielfalt in Zukunft noch tragbar ist, weswegen sich auch die Martin-Luther-Universität darüber Gedanken machen müsse, wie sie sich gegenüber anderen Einrichtungen hervorheben und effizienter Arbeiten kann.

Ein wichtiger Stichpunkt ist dabei eben die Profilierung, die laut Udo Sträter keinen Abbau beinhalte. Damit greift der Kirchenhistoriker auch gleich eine große Angst viele Universitätsangehörigen auf, die mit einer Strukturdebatte verbunden ist und die auch Peter Wycisk sieht:

Die Schwerpunktbildung scheint für manche eine ausgrenzende Wirkung zu haben. Sie bedeutet aber eher, dass die rund 300 Professoren der Uni ihr Potential so einsetzen, dass es der Uni etwas nutzt.

Deswegen plädiert der Umweltgeologe dafür, die Furcht vor einem vermeintlichen vorauseilenden Gehorsam abzulegen. Beginnt man einmal und vielleicht sogar von selber, Strukturen zu verändern, könnte dies von den Ministerien als Anlass genommen werden, finanzielle Kürzungen folgen zu lassen – so die Angst. Deswegen war bis dato eines der wichtigsten Prinzipien, zu verteidigen, was die Universität an Struktur hat.

Professor Sträter fordert in dieser Hinsich jedoch dazu auf, mehr auf die eigene Universität zu vertrauen, die der wichtigste Wissenschaftsstandort Sachsen-Anhalts und der bedeutenste Wirtschaftsfaktor der Stadt Halle sei. Aus diesem Selbstverständnis heraus solle man dem Land nicht als Bittsteller gegenüber treten und von den Ministerien auch nicht als Kostenfaktor aufgefasst werden. Peter Wycisk pflichtet ihm bei:

Die Uni ist wichtig für Stadt und Land. Wir sind wer!

Lehre ist Zukunft der MLU

Einigkeit demonstrieren die beiden Rektoratskandidaten nicht nur im Bezug auf die Notwendigkeit einer Strukturdebatte in Sachsen-Anhalt und an der Martin-Luther-Universität, sondern auch im Bezug auf die Lehre. Der Theologe Sträter möchte sich als Rektor besonders für die Qualität der Lehre einsetzten und Peter Wycisk sieht darin soger einen der wichtigsten Faktoren für die hallische Uni:

Die Lehre ist entscheidend für die Universität, weil nur attraktive Studienprogramme den Zustrom von Studenten sichern und diese ein wichtiger Indikator der Mittelvergabe sind

Daraus resultiert für Wycisk, aber auch für Sträter die große Bedeutung von Lehrevaluation und Qualitätsmanagement an der Hochschule.

In ihren viertelstündigen Vorträgen verwiesen beide auch noch auf weitere wichtige Punkte, denen sie sich als Rektor annehmen würden. Darunter bafanden sich auch die verstärkte Internationalisierung der MLU und die Stärkung sowie Fortentwicklung „exzellenter Forschung» in Halle.

Finanzierung, Studenten und kleiner Schlagabtausch

Nachdem Sträter und Wycisk sich den Anwesenden vorgestellt und ihre Ideen präsentiert hatten, leitete Professor Zierz ein rund einstündiges Fragerunde ein. Nachgehakt wurde dabei zuerst im Bezug auf die fragliche Finanzierung der Hochschule und den Umgang damit.

Professor Sträter zeigte sich in diesem Zusammenhang vorsichtig optimistisch:

Einen Geldsegen erwartet niemand. Die notwendige Strukturierung und Profilierung der Universität muss aber finanziert werden.

Der Auffassung des Kirchenhistorikers nach, sind sich Kultus- und Finanzministerium dessen bewusst. Seine Hoffnungen gehen deswegen in Richtung eines Strukturfonds, der die Mittel für eine Umgestaltung bereitstellt. Peter Wycisk erkennt darüber hinaus in der Unterfinanzierung ein bundesweites Problem:

Keine Universität in Deutschland erwartet, bis 2020 ausreichend vom Landessouverän finanziert zu sein.

Deswegen sprach der Umweltgeologe auch ein heikles Thema an, nämlich die Unterstützung der Universität durch externe Invstoren. Es sollten laut Wycisk auch Überlegungen möglich sein, die die Kooperationen mit regionalen Partnern einbeziehen.

Von Michal Seifert, dem Vorsitzenden des Sprecherkollegiums des StuRa, wurden die Kandidaten nach der Zusammenarbeit mit den studentischen Gremien befragt. Sowohl für Wycisk, als auch Sträter seien die Beziehungen zur Studierendenschaft sehr wichtig und noch weiter zu intensivieren.

Als Dekan der Naturwissenschaftichen Fakultät war Wycisk laut eigener Aussage sehr an der Fachschaftsarbeit interessiert und habe diese auch finanziell unterstützt. Für ihn stellt ein aktuelles Grundproblem die durch die neuen Studienprogramme bedingte, kürzere Verweildauer von Studenten an der Uni dar. Die studentische Arbeit sei wichtig für die Identifizierung mit der eigenen Hochschule, meint der Umweltgeologe und will deswegen zusammen mit Studierenden Lösungen für eine verbesserte Gremienarbeit finden.

In den Dialog treten will auch Udo Sträter, der sich als leidenschaftlicher Gesprächsführer charakterisiert. Dabei will er nicht nur auf die Gremien zugehen, sondern auch auf Studierende, die sich von diesen vielleicht nicht genügend repräsentiert fühlen. Wichtig sei für ihn, gemeinsame Ziele zu finden und dann nach Möglichkeiten zu suchen, diese umzusetzen. Im gleichen Atemzug nimmt Sträter aber auch Wind aus den Segeln, indem er anmerkt, dass nicht alle Wünsche umgesetzt werden können.

Im Zusammenhang mit Zielen und deren Umsetzung kommt es auch zum ersten Mal zu so etwas wie einem kleinen Disput zwischen den Kontrahenten. Professor Sträter hebt hervor, dass er, im Gegensatz zu Professor Wycisk, die Umsetzung fester und im vorhinein formulierter Ziele verfolgen will. Würde man nur umsetzen wollen, dann verlöre man oftmals die anfänglichen Ziele aus dem Auge. Der Umweltgeologe hält entgegen, dass für ihn die Verfolgung fester Ziele im Begriff der Umsetzung inhärent ist. Es ist nur ein kurzer Anflug von Wahlkampf.

Denn ansonsten sind sich die Beiden in der Beantwortung der Fragen recht einig. Die Privatisierung des Universitätsklinikums lehnen sie ab, eine erzwungene didaktische Weiterbildung der Lehrenden ebenso. Man sollte hier viel mehr auf Motivation setzen; außerdem könne man einen Professor nicht auf eine Schulbank setzen und in seine gesicherte Freiheit eingreifen, so Sträter.

Konsens besteht zudem bei Anwesenheitspflicht und Ordnungsparagraph. Man sollte den Spielraum, den man hat, nutzen und nicht jede Veranstaltungen verpflichtend machen. Dies sollte, so Wycisk, genau und nachvollziehbar in der Prüfungsordnung geregelt sein. Für Udo Sträter kommt es zudem nicht darauf an, wo man anwesend war, sondern was man gelernt hat.

Den Ordnungsparagraphen, der in der Novelle des Hochschulgesetztes, die Anfang August in Kraft treten wird, enthalten ist und es im Extremfall erlaubt, Studierende auf Grund von Fehlverhalten zu exmatriulieren, nannte Professor Wycisk überflüssig. Sein Kontrahent versicherte in Fällen wie beispielsweise Besetzung, wo dieser Paragraph zum Einsatz kommen könnte, immer zuerst das Gespräch zu suchen.

Sträters Trumpf: das Team

Eine Frage aus dem Publikum zielte auch auf die Gleichstellungspolitik, die vom neuen Rektorat zu erwarten ist. Die „erschreckenden Zahlen» wurden auch gleich von der Fragestellerin aus dem Publikum mitgeliefert. An der Uni Halle gab es im Jahr 2008 keine Berufung einer Frau und 2009 haben nur drei Frauen einen Lehrstuhl bekommen, wobei zwei durch ein Bundesprogramm gefördert werden und die andere eine Juniorprofessorin ist.

Peter Wycisk erlärte die schlechte Bilanz damit, dass es schlicht an Bewerberinnen fehle, räumte aber auch ein, dass die Anzahl weiblicher Professuren ein immer wichtigerer Indikator wird. Da es seiner Meinung nach noch keine einheitliche universitäre Gleichstellungsstrategie gebe, müssen an einer solchen gearbeitet werden.

Dem widersprach Udo Sträter. Man habe eine universitätsinterne Strategie, an der aber weiter gearbeitet werden müsse. Quotenregelungen halte der Kirchenhistoriker aber für nicht zweckmäßig, weil Frauen nicht auf Grund einer Quote berufen werden wollen, sondern wegen ihrer Qualifikation.

Im Zusammenhang mit der Gleichstellungsthematik wies Sträter auch gleich noch auf seinen großen Trumpf im Rennen um das Retorenamt hin: Für sein Team plane er mit zwei Frauen.

Mit seinem Team meint Sträter die drei Prorektoren, die vom Senat gewählt, aber vom Rektor vorgeschlagen werden. Als dann später die Frage nach der Mannschaft explizit gestellt wird, benennt Sträter seine Vorschläge auch namentlich. Die drei Posten möchte er mit dem Volkswirtschaftler Christoph Weiser, der Japanologin Gesine Foljanty-Jost und der Pharmazeutin Birgit Dräger besetzen.

Das Trio könnte in der Tat eine große Stütze für Sträter bei der Wahl sein, zumal Peter Wycisk sich zu seinem Team nicht äußern wollte. In einem Interview mit dem Unimagazin erwähnt der Geologe jedoch, zumindest mit Professor Weiser im Gespräch zu sein.

Dieser war bereits im letzten Rektorat als Prorektor für Studium und Lehre vertreten und erhielt bei der Wahl zum Senat die mit Abstand meisten Stimmen (109). Etwas demütig betonte Udo Sträter, der selber 80 Stimmen sammelte, deshalb, dass sich Weiser seine Rektor aussuchen könne.

Aber auch die beiden Frauen im Team des Kirchenhistorikers erfreuen sich der Beliebtheit der Professorenschaft. Gesine Foljanty-Jost belegte Platz zwei und vereinte 98 Stimmen auf sich. Birgit Dräger wurde mit 73 Stimmen zwölfte. Zusammen hat das Sträter-Quartett also 360 Stimmen bekommen.

In dieser Hinsicht wird es schwer werden für Peter Wycisk, für den bei der Senatswahl 58 Mal gestimmt wurde,  ein ähnlich beleibtes Team aufzustellen. Allerdings wird der Rektor nicht von der Professorenschaft, sondern vom erweiterten Senat gewählt. Universitätsmitarbeiter und auch Studierende haben also auch Stimmgewicht.

Wer sie am 28. Juni im Löwengebäude am meisten überzeugt hat, wird sich am Mittwoch zeigen. Ab 14 Uhr findet im halleschen Saal die Rektorenwahl statt. Die Universitätsöffentlichkeit ist dazu herzlich eingeladen.

Weitere Informationen und Interviews findest du beim Wahlspezial des Unimagazin

Über Julius Lukas

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Erstellt: 29.06. 2010 | Bearbeitet: 04.08. 2010 15:54