Irre am Weinberg
Unsere Lehrgebäude haben alle eine Geschichte. Nicole hat die Archive durchforstet und stellt in einer Reihe ihre Recherche-Ergebnisse vor. Letzter Teil: Der Weinberg-Campus
Zahlreiche Weinberge und Weingärten zogen sich seit dem 13. Jahrhundert durch das Gebiet zwischen Heide und Saale. Die gesamte Weinanbaufläche betrug um 1700 etwa 100 Morgen, ging aber ab 1750 stark zurück, als die Weinberge in Obstplantagen umgewandelt wurden. Der Nietlebener Weinberg des Aufklärers und Philosophen Dr. Carl Friedrich Bahrdt zog im 18. Jahrhundert immer wieder Studenten, Akademiker sowie Offiziere und Halloren an. Hier fanden Volksfeste, Trinkgelage und Vorlesungen statt. Bahrdt war mehrere Jahre Privatdozent und fesselte mit seinen Gesprächen und Deputationen teilweise bis zu 900 Zuhörer. Bis 1834 wechselten die privaten Besitzer des Weinberges, bis dann die Landesheilanstalt Nietleben den Platz nutzte.
Die königliche Landesheil- und Pflegeanstalt
Bereits seit 1816 existierte in Halle ein provisorisches Irrenheil-Institut, allerdings wurde ein Erweiterungsbau dringend erforderlich. Auf dem ehemaligen Weinberg wurden nun Geisteskranke jeglicher Art behandelt. Im Laufe der Jahre nahm die Zahl der Patienten zu. Da die für zunächst 400 Patienten geplante Anlage nach rund 40 Jahren nicht mehr ausreichte, wurde sie deutlich erweitert. Zum bereits bestehenden Komplex von sechs Wohnhäusern kamen ein zweigeschossiger Neubau sowie Wohngebäude für Beamte, Ärzte und Pflegepersonal in villenartiger Bauweise hinzu. Im Jahr 1926 beherbergte die Anstalt 950 Patienten, die von einem Chefarzt, fünf Ärzten und rund 200 Krankenpflegern und Servicekräften betreut wurden. Aber auch die Patienten selbst trugen zu ihrem Lebensunterhalt bei, indem sie die gärtnerischen Anlagen als Therapiemaßnahme weitestgehend selbst bewirtschafteten. Die Pflegeanstalt wurde 1935 geschlossen, und die Gebäude wurden in die Heeres- und Luftnachrichtenschule integriert.
Die Heeres- und Luftnachrichtenschule
Auf Befehl des Chefs der Heeresleitung der deutschen Wehrmacht wurde 1934 mit dem Bau von Kasernen entlang der Heideallee begonnen. Die Errichtung fand im Zusammenhang mit dem damals noch geheimen Aufrüstungsprogramm statt und wurde unter dem Deckmantel des Baus einer Nudelfabrik vollzogen. Die Anlage bestand aus etwa 160 Unterrichts-, Mannschafts-, Werkstatt- und Garagenbauten sowie einem Kasino. Das Zentrum der Anlage war ein Exerzierplatz. Der ehemalige zivile Flugplatz Halle-Nietleben wurde ab sofort als Fliegerhorst militärisch genutzt. Für die Ausbildung stand eine eigene Flugstaffel zur Verfügung.
Im Sommer 1945 folgten den Soldaten der Wehrmacht die Soldaten der Sowjetarmee. Die sowjetische Garnison besetzte mit 15 000 Soldaten das Gelände bis zu ihrem Abzug am 12. Juli 1991. Danach beschlossen die Stadt Halle und das Land Sachsen-Anhalt, den Garnisonsstandort zu erwerben.
Der dritte Standort der MLU
Von 1995 bis 2002 entstand auf dem Gelände der Weinberg-Campus. Mehrere denkmalgeschützte Gebäude wurden für Institute der MLU saniert. So zog zum Beispiel das Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa in das ehemalige Offizierscasino. Die MLU ließ aber auch viele neue Gebäude errichten. Inzwischen studieren hier nun Studenten der Fachbereiche Agrar- und Ernährungswissenschaften, Biochemie/Biotechnologie, Chemie, Informatik, Geografie, Geologie, Mathematik, Pharmazie, Physik und Sportwissenschaften. Außerdem siedelten sich zahlreiche außeruniversitäre Forschungseinrichtungen an. Damit erreichte die MLU ein großes Ziel: die Konzentration ihrer Naturwissenschaften. Der Weinberg-Campus bildet neben dem Universitätsplatz mit angrenzendem Universitätsviertel und den Franckeschen Stiftungen den dritten Standort der MLU.
Weitere Artikel aus der Reihe
- Teil 1: Gestern beten, heute büffeln: Das Löwengebäude
- Teil 2: Halles Tor zur Welt: Die Franckeschen Stiftungen
- Teil 3: Vorlesungen à la carte: Die Wirtschaftswissenschaften
- Teil 4: Tod auf dem Campus: Die Burg Giebichenstein
- Teil 5: Zur Miete bei den Freimaurern: Die Seminare für Südasienwissenschaften und Indogermanistik
Über Nicole Kirbach
Erstellt: 05.08. 2010 | Bearbeitet: 05.08. 2010 16:30
Kurz-URL: http://hastuzeit.de/b1p
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