Okt 2010 hastuUNI 0

Ihr Kinderlein kommet…

Um dem demographischen Wandel entgegenzuwirken, wird das Land Sachsen-Anhalt erfinderisch. Vor allem die Uni Halle.

Erstsemesteransturm: Feierliche Immatrikulation der über 4000 Erstsemester am 14. Oktober 2010 (Foto: Maike Glöckner)

Rekordeinschreibungen an der Martin-Luther-Universität. Im diesjährigen Wintersemester begrüßt die Uni mehr als 3000 Studienanfänger. Eine positive Bilanz für die Stadt Halle und das gesamte Land Sachsen-Anhalt. Denn das steht bekanntermaßen vor einem Problem: Es schrumpft. Im ersten Quartal 2010 sank laut dem Statistischen Landesamt Halle die Einwohnerzahl um 8368 Personen. Gründe seien neben einer der hohen Abwanderung die Sterberate. Die ist fast doppelt so hoch wie die Zahl der Neugeborenen. Die Tendenzen der Bevölkerungsentwicklung scheinen auf den ersten Blick nicht gerade positiv, sind auf den zweiten aber ein Erfolg für das Land. Denn trotz der rückläufigen Zahlen hat sich der Bevölkerungsschwund gegenüber dem Vorjahr leicht verlangsamt. Bereits 2009 konnte man die niedrigsten Wanderungsverluste der letzten elf Jahre verzeichnen. Dazu hat vor allem die günstige Entwicklung der Städte Halle und Magdeburg beigetragen. Speziell in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen weisen die beiden eine positive Bilanz auf. Laut dem Statistischen Landesamt liegt das vor allem daran, dass mehr Studenten aus anderen Bundesländern ihren Erstwohnsitz in Sachsen-Anhalt angemeldet haben. Neu ist, dass vor allem an den Universitäten Halle und Magdeburg der Anteil der Studienanfänger aus den alten Bundesländern steigt. Während beispielsweise an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Wintersemester 2009/10 jeder fünfte Studienanfänger aus Westdeutschland kam, ist im Wintersemester 2010/11 jeder dritte aus den alten Bundesländern. Eine positive Bilanz, die eine Frage aufwirft: Wieso wagen plötzlich mehr Abiturienten den Studienstart in einer ihnen weitestgehend unbekannten Stadt, die in den Köpfen oft symbolisch für Ostdeutschland steht – grau und voll von Plattenbauten.

Voller Westen, leerer Osten

Man könnte zunächst davon ausgehen, dass Sachsen-Anhalt mit fehlenden Studiengebühren lockt. Aber auch in anderen Bundesländern, wie Sachsen oder Schleswig-Holstein, müssen Studierende nicht für ihr Studium bezahlen. Diese Länder erheben im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt noch nicht einmal Gebühren für Langzeitstudenten. Fehlende Studiengebühren sind also keinesfalls eine ausreichende Erklärung.

Betrachtet man den Zeitraum, in dem die Zahl der westdeutschen Studierenden zu steigen beginnt, stößt man auf das Jahr 2007. Damals wurde der sogenannte Hochschulpakt 2020 beschlossen. Hintergrund sind die überfüllten Hochschulen im Westen und die »Leere« im Osten. Verantwortlich dafür ist der demographische Wandel: Während die Geburtenzahl im Osten zurückgeht, gibt es im Westen durchaus noch geburtenstarke Jahrgänge. Experten rechnen daher für die Jahre 2011 bis 2014 mit einem Massenandrang an westdeutschen Universitäten, der auch durch die doppelte Zahl der Abiturienten durch die Schulzeitverkürzung von 13 auf 12 Schuljahre hervorgerufen wird. Die Auswirkungen werden voraussichtlich noch bis 2020 spürbar sein. Während die Hochschulen der alten Bundesländer Zuschüsse für jeden über die Kapazitäten hinaus aufgenommenen Studenten erhalten, wurde im Osten die Hochschulinitiative »Neue Bundesländer» ins Leben gerufen. Jedes neue Bundesland erhält Mittel vom Bund, um Studieninteressierte aus den alten Bundesländern für ein Studium zu gewinnen. Die ostdeutschen Hochschulen müssen so keine Kapazitäten abbauen und entlasten gleichzeitig die westdeutschen Flächenländer. Dafür haben Bund und Länder rund 565 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die ostdeutschen Länder verpflichten sich im Hochschulpakt, ihren Beitrag für konstante Studienanfängerzahlen zu leisten und diese bis 2010 trotz des demografischen Wandels auf dem Niveau des Jahres 2005 zu halten. Die waren in jenem Jahr besonders hoch. Im Juni 2009 wurde die Fortsetzung des Pakts bis 2015 beschlossen.

Geld allein ist nicht die Lösung

Der Hochschulpakt ist nur die halbe Antwort auf die Frage nach der steigenden Beliebtheit der Uni Halle. »Zum ersten Mal stand der Universität Geld für Marketing zur Verfügung«, erklärt Torsten Evers. Er ist Referent für Hochschulmarketing an der Martin-Luther-Universität. »Vor dem Hochschulpakt war gezieltes Hochschulmarketing nicht im Budget der Uni eingeplant, und dies war auch nicht notwendig«, erzählt Evers weiter. Die Uni Halle habe schon seit längerem Konzepte zur Vermarktung der Hochschule entwickelt. Als mit dem Hochschulpakt dann Geld zur Umsetzung dieser Ideen zur Verfügung stand, startete man Ende 2007 relativ schnell mit der ersten Kampagne »Sei klug, studier in Halle«. Der klassische Marketingmix z. B. mit Anzeigenschaltungen, Großplakaten und Kinowerbespots erregte großes Aufsehen, da die MLU den anderen Universitäten voraus war. Evers sagt dazu: »Doch uns war schnell klar, dass dieser Vorsprung nicht dauerhaft anhalten wird. Wir erkannten, dass man mit Plakaten und Werbespots nur kurzzeitige Erfolge, die relativ kostenintensiv sind, erzielen kann.« Ein neuer Ansatz musste her. So entstand 2008/2009 die Kampagne »Ich will wissen!«, die den Studienplatz als »beratungsintensives Produkt« behandelt. Die Vorteile der Uni Halle, wie die vielen NC-freien Fächer und die generelle große Auswahl an Studienfächern, dürfen nicht nur ein- oder zweimal mit einem Flyer beworben werden. »Die Entscheidung für einen Studienort trifft man nicht innerhalb eines Tages oder dank eines witzigen Werbeclips, sondern sie setzt Zeit und eine intensive Beratung voraus«, beschreibt Evers die neue Kampagne.

Wie bei einer Single-Börse

Die Uni Halle bemüht sich daher um die Betreuung von Schülern ab der 10. Klasse. Auf Bildungsmessen werben sie für ihre Plattform »Ich will wissen!«, auf der die möglichen Studienanfänger intensiv und über einen längeren Zeitraum hinweg betreut werden. Die Schüler können sich ein Profil erstellen, in dem sie neben ihrem gewünschten Studiengang auch Interessen und Musikgeschmack angeben können. Die Nutzer der Plattform bekommen dann regelmäßig je nach Studienwunsch und Interessenlage Material per E-Mail zugeschickt. Die neuesten Informationen zum Studiengang selbst und Mitteilungen über freie Praktikumsplätze und Angebote des Karriere-Service-Centers werden ergänzt durch Termine zu kulturellen Veranstaltungen in Halle. Außerdem erfahren die Schüler durch so genannte Studienbotschafter, wie das Studentenleben in Halle abläuft. Studienbotschafter sind Studenten der Uni Halle aus den verschiedensten Fachbereichen, die sich als Vermittler zwischen Studieninteressierten und der Uni engagieren. »Dadurch, dass Studierende selbst über ihre Erfahrungen berichten und für das Studium in Halle werben, ist die ganze Sache authentisch. Die Uni selbst hat keinerlei Einfluss auf die Dinge, die die Studienbotschafter in ihre Blogs schreiben. So kann es also auch vorkommen, dass ein Botschafter etwas Kritisches schreibt«, so Evers. Sehr viel Wert legt man auch auf die Erreichbarkeit. »Während beispielsweise das Immatrikulationsamt eher zu schülerunfreundlichen Zeiten erreichbar ist, hat das StudyPhone – eine Hotline, bei der Fragen von den Studienbotschaftern beantwortet werden – mit Sprechzeiten von 17–21 Uhr seine Zeiten an Schüler und auch Eltern angepasst.

Das Marketingkonzept der Uni Halle geht aber auch über den virtuellen Kontakt hinaus. Die Uni bietet Besucherdienste an. Junge Leute aus den alten Bundesländern bekommen die Möglichkeit, die Stadt und die Uni Halle mehrere Tage lang kennenzulernen. Dabei werden die Interessenten durch die Uni geführt und können an Schnuppervorlesungen teilnehmen. Auch hier sind die Studienbotschafter wieder vor Ort. »Das Ganze läuft im Prinzip wie eine Single-Börse ab. Erst chattet man, und wenn es dann gefunkt hat, trifft man sich«, erklärt Evers schmunzelnd.

Über die Uni hinaus …

Halles Marketingkonzept, das in dieser Art und Weise bisher das einzige in Deutschland ist, zeigt Erfolge. Zum Portal www.ich-will-wissen.de wurden 2009 im Zeitraum von Mai bis September ca. 14 500 Studieninteressierte eingeladen. 11 500 nahmen die Einladung an und legten sich ein Profil an. 1500 Nutzer haben sich im Wintersemester 2009/10 tatsächlich für ein Studium an der MLU eingeschrieben. Insgesamt konnte die Zahl der echten Erstsemester um mehr als 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert werden, der Anteil der Studierenden aus den alten Bundesländern stieg dabei um circa 12 Prozent.

Das alles kann nicht nur als Erfolg für die Universität, sondern für die ganze Stadt Halle, sogar für das ganze Land gewertet werden. Durch den Zuwachs der (westdeutschen) Studenten wirkt man dem demographischen Wandel (in Abwanderung und Altersstruktur) entgegen. Studenten bringen aber mehr als positive Zahlen in der Bevölkerungsstatistik. Sie bringen trotz ihres relativ geringen Verdienstes eine enorme Kaufkraft mit sich. Außerdem wirken sie dem Fachkräftemangel entgegen, denn Studenten erlernen Fähigkeiten und entwickeln neue Ideen, die auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Außerdem werben Studierende weitere Studierende. Haben westdeutsche Studenten erst einmal positive Erfahrungen in den alten Bundesländern gemacht, teilen sie die auch anderen mit. So besteht die Möglichkeit, dass die Zahl der jungen Leute im doch nicht ganz so grauen Osten weiterhin steigt.

Über Sabine Paschke

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Erstellt: 18.10. 2010 | Bearbeitet: 17.12. 2010 17:10