Jan 2010 hastuINTERESSE 1

Historische Reparatur oder Geschichtsklitterung?

Zur Idee eines Wiederaufbaus des Alten Rathauses in Halle

Gastbeitrag aus der studentischen Literaturzeitschrift Leselicht, dort erschienen in der gedruckten Ausgabe #2.

Bronzeplastik des Alten Rathauses vor dem Ratshof, Foto: Katharina Kraus

Stellt man sich in Halle auf den Marktplatz und fragt Passanten, was sie vom Wiederaufbau des Alten Rathauses halten, erntet man meist fragende Blicke. Was ist denn das Alte Rathaus? Wo steht es denn? Warum Wiederaufbau – wir haben doch ein Rathaus. Besser informierte Bürger dieser Stadt wissen, dass das Alte Rathaus bis zum Zweiten Weltkrieg auf dem Marktplatz stand und durch Bomben und den darauffolgenden vollständigen Abriss in den 50er Jahren buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Der ehemalige Standort befindet sich in der Verlängerung des Kaufhofneubaus vor dem Ratshof. Dort ist heute eine kleine Gedenkplatte in Form des Grundrisses in den Boden eingelassen, der an die ehemalige Lage des Alten Rathauses erinnern soll. Über die äußere Form gibt ein kleines, feines Bronzemodell Aufschluss, das an der rechten vorderen Ecke des Ratshofes steht. Diese Erinnerung geht auf die Initiative des Kuratorium Altes Rathaus e.V. zurück. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, über das Alte Rathaus zu informieren und sich dafür einzusetzen, dass es wieder aufgebaut wird.

Der kleine Unterschied

"Altes Rathaus Halle . Bildmontage", Alexander Michaelis, 1999/2000

Das wäre allerdings ein Wahnsinnsprojekt. Der Verein und seine Befürworter argumentieren damit, dass ein Wiederaufbau des Alten Rathauses als wichtiges Zeichen für die Hallenser identitätsstiftend wirken und als Symbol weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus Touristen anlocken würde.

Außerdem soll sich Halle in die Reihe von Städten einfügen, die zentrale historische Gebäude wieder aufgebaut haben. Doch leider wird hier ein kleiner Unterschied übersehen: Dresden hat mit dem Wiederaufbau seiner Frauenkirche tatsächlich das Symbol der Stadt wieder hergestellt. Berlin hingegen betreibt mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses eine »Geschichtsklitterung«, wie sie im Buche steht.

Leipzig ist diesem Schicksal gerade noch entgangen, indem dort nach jahrelanger Diskussion entschieden wurde, die vom DDR-Regime gesprengte Paulinerkirche nicht originalgetreu wieder aufzubauen. Stattdessen wird nun am Neubau der Universität in moderner Form an die alte Fassade erinnert.

Wie wäre es denn mit der Variante, den Grundriss des Alten Rathauses auf dem Boden des Marktplatzes nachzuzeichnen? Indem durch Gewalt und Dummheit zerstörte Gebäude originalgetreu wiederhergestellt werden, besteht die große Gefahr, einen Teil der Geschichte zu verfälschen, der zwar traurig ist, aber zu unserer Vergangenheit gehört. Diese Vergangenheit zu reparieren ist ohnehin nicht möglich. Aber sie kann sichtbar und vor allem nachvollziehbar gemacht werden. Wie wäre es denn mit der Variante, den Grundriss des Alten Rathauses auf dem Boden des Marktplatzes nachzuzeichnen? Vielleicht sogar aus Glas, damit die darunterliegenden, noch zum Teil erhaltenen Kellergewölbe sichtbar werden. Damit bliebe auch die schöne Großzügigkeit des Halleschen Marktplatzes gewahrt. Außerdem wäre dies ein durchaus realisierbares Unterfangen, das wesentlich weniger Geld verschlingen würde, als die geschätzten 10 Millionen Euro für einen Wiederaufbau. Dafür wäre es sicherlich einfacher, Spenden zu finden – denn die öffentliche Hand kann das nicht leisten. Den Wiederaufbau des Alten Rathauses hat der Stadtrat deswegen längst als nicht realisierbar abgelehnt: Unnötig und nicht bezahlbar.

Energie an der falschen Stelle verpulvert

Überhaupt werden weitere Räumlichkeiten für die Stadtobrigkeit nicht benötigt. Diese haben in Ratshof und Stadthaus hinreichend Platz gefunden. Wofür also einen Neubau nutzen? Er könnte als Kunsthalle dienen – so ein Vorschlag des Vereins. Oder kleine Geschäfte und ein niveauvolles Restaurant beherbergen, um geeignete Sponsoren zu finden.

Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass da Energie an der falschen Stelle verpulvert wird. Dabei existieren in Halle eine Menge Gebäude, die vom Verfall bedroht und dringend sanierungsbedürftig sind. Die meisten davon sind in Privatbesitz – an die kommt man nicht heran. Aber was ist z.B. mit der Neuen Residenz? Wie wäre es, sich um eine anständige Bebauung der unsäglichen Baulücke an der Spitze Gedanken zu machen? Selbst auf die Eigentümer der Gebäude, die akut vom Verfall bedroht sind, könnte man mit genügend öffentlichem Engagement Druck ausüben, sich um die Gebäude zu kümmern. Auch diese sind nämlich Symbole der Stadt, die aber – im Gegensatz zum Alten Rathaus – noch in ihrer Bausubstanz erhalten sind, wodurch eine Rettung realistisch ist.

Weitere Infos

Gastbeitrag aus der studentischen Literaturzeitschrift Leselicht, dort erschienen in der gedruckten Ausgabe #2.

Über Sophia Stolzenburg

Autorin bei Leselicht, der studentischen Literaturzeitschrift aus Halle.

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Erstellt: 18.01. 2010 | Bearbeitet: 13.01. 2011 13:16