Aug 2010 hastuUNI Nr. 33 0

Halle statt Harvard

Marian Kogler ist 18 Jahre alt und bereits wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Informatik in Halle. Mit 16 Jahren absolvierte er den Bachelor, ein Jahr später war er Diplomingenieur. Für den Berufseinstieg wählte er nun bewusst Halle.

Foto: Julia Glathe

Marian Kogler ist gerade erst von Wien nach Halle gezogen und wohnt übergangsweise in einer kleinen Pension am Stadtrand in Lettin. Für ein Foto ist es zu dunkel in der kleinen Küche, in der wir den Tisch so zurechtrücken, damit wir beide an ihm Platz nehmen können. »Mir gefällt Halle, ich denke, ich habe die richtige Entscheidung getroffen«, sagt Marian überzeugt und schmunzelt amüsiert darüber, dass für andere Halle eher einen Kompromiss darstellt.

Er erklärt seine Entscheidung, nach Halle gekommen zu sein, damit, dass Professor Steiger im Bereich Theoretische Informatik ein anerkannter Spezialist sei und es hier zudem die Möglichkeit gäbe, neben der Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu forschen und zu lehren. Harvard oder andere renommierte Eliteuniversitäten kamen für ihn nicht in Frage. »Im angelsächsischen Raum ist solch eine Stelle ohne Doktorgrad gar nicht möglich.«

Immatrikulation mit 13 Jahren

Der Arbeitsalltag beginnt 11 Uhr mit dem Checken der E-Mails. Darauf folgen Übungen und Besprechungen mit den Dozenten, um die Unterrichtseinheiten auf die Seminare und Vorlesungen abzustimmen. Darauf, dass Marian gerade erst volljährig geworden ist, verweist lediglich sein Äußeres. Sein bestimmter Ton erinnert vielmehr an einen Dozenten mittleren Alters.
Marian glaubt nicht, dass sein Alter bei den Studierenden Irritationen hervorrufen könnte. »Da ich neben meiner Lehrtätigkeit gleichzeitig auch Doktorand bin, einige ich mich mit den Kommilitonen meist unbürokratisch auf das gegenseitige Du.« Die meisten sind zwar älter als er, aber daran hat sich Marian längst gewöhnt. Seit dem 13. Lebensjahr ist er von Erwachsenen umgeben.

Damals begann er parallel zur Schule das Studium der Informatik an der TU Wien. Und weil der Stundenplan noch nicht voll war, widmete er sich zudem der Sprachwissenschaft und besuchte vereinzelt Vorlesungen der Mathematik. »Mein Tagesablauf war nicht anders als bei einem normalen Studium. Ich hatte eben nicht nur in einer Fakultät Unterricht, sondern nahm öfter auch die Metro in die andere Richtung.«

Von einer normalen Schulzeit konnte hingegen keine Rede sein. »Einmal kam ich, als eigentlich ein freier Tag war, in die Schule. Ich war so selten da, dass ich einfach nicht mitbekommen habe, dass kein Unterricht stattfand«, erzählt Marian und grinst. Ernst fügt er aber schnell hinzu, dass dies legal gewesen sei. Damit er Vorlesungen in der Uni besuchen konnte, durfte er die Schule schwänzen.

Außergewöhnliche Kindheit

Dass Marian hochbegabt ist, wurde seinen Eltern recht früh deutlich. Sein Vater, freier Schriftsteller, schlief gerne aus, wohingegen die Mutter, als Verwaltungsangestellte im Krankenhaus, immer sehr früh das Haus verließ. Die Kommunikation verlief also in der Regel über kleine Notizen. Als Marian mit zwei Jahren den Vater fragte »Papa, warum steht da Achtung?«, stellten die Eltern verwundert fest, dass ihr Kleinkind bereits lesen konnte.

Ein IQ-Test mit einem Ergebnis von 150 Punkten brachte dann Gewissheit. Ein Jahr später konnte er schreiben, las Sachbücher und konnte mühelos dreistellige Zahlen addieren und subtrahieren. »Eine normale Kindheit oder Jugend hatte ich sicher nicht, eher eine außergewöhnliche«, fasst Marian nüchtern seinen Werdegang zusammen und erklärt, dass eben jeder etwas anderes vom Leben möchte.

Ungewöhnlich schnell berichtet Marian von seinem Leben. Dabei begleiten Gesten seine Worte fast hektisch. Seit seinem frühen Studienabschluss mit 16 Jahren begleitet die Presse den jungen Wissenschaftler, und so sind seine Antworten stets diplomatisch. Marians Vorstellung von einer »normalen« Jugend wirkt hingegen überraschend aufrichtig: »Ich habe mich nicht bis drei Uhr nachts ins Koma gesoffen oder war auf Partys. Soziale Kontakte hatte ich trotzdem. Ich ging mit Freunden lieber in ein Lokal und plauderte mit ihnen über alles Mögliche.«

Diskos und Konzerte besucht Marian nicht. Abwehrend schüttelt er den Kopf: »Das ist nichts, was ich unbedingt nachholen möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir die Atmosphäre dort gefallen würde.

Klischees über Hochbegabte

Typische Teenagerprobleme wie Konflikte mit den Eltern hatte Marian nicht. Schon früh fühlte sich Marian im Stande, Entscheidungen selbstständig zu treffen, und seine Eltern vertrauten ihm in dieser Hinsicht. »Ich konnte heimkommen, wann ich wollte. Meine Eltern wussten, dass ich keine Dummheiten machte.«

Hin und wieder brachte die Hochbegabung aber Schwierigkeiten mit sich. »Von der ersten bis zur sechsten Klasse hatte ich heftige Probleme mit den Mitschülern.« Danach wechselte Marian die Klasse, und die letzten zwei Jahre verliefen ruhig. In der Universität herrschte durch die heterogene Struktur der Studenten ein unkompliziertes Klima.

Außerhalb begegnen ihm jedoch bis heute Vorurteile und Klischees. »Ich bin kein Misanthrop, der alle hasst, oder ein Einzelgänger, wie es einige glauben«, rechtfertigt sich Marian, »sondern ein Mensch, mit dem man durchaus gut auskommt.«

Seine Interessen gehen über Informatik hinaus. Er liest gern und mag die satirischen Lieder von Georg Kreisler. Befreit lacht Marian auf, als er den bekannten Titel »Gehn wir Tauben vergiften im Park« nennt. Sein seriöses Auftreten löst sich für Sekunden auf. Gewählt spricht er dann aber weiter: »Das ist natürlich durchaus makaber und satirisch. Teilweise sind die Inhalte auch politisch.«

Politik ist generell ein Themenfeld, mit dem sich Marian beschäftigt. »Vor allem Hochschulpolitik.« Auch er hatte sich im vergangenen Jahr aktiv an den Protesten und der Besetzung eines Hörsaals in Wien beteiligt. Wenn auch nicht in der Intensität wie andere Studenten: »Ich wollte als Vortragender den Studenten nichts wegnehmen.« Monoton beantwortet Marian die letzten Fragen. Ungeduld scheint durch, als er mich zur Tür begleitet. Eine schnelle Verabschiedung, ein professionelles Lächeln. Es ist Samstag. Kein Ausflugswetter, und so kehrt Marian pflichtbewusst an den Schreibtisch seines Pensionszimmers zurück.

Bildung mit Hindernissen

Eine kurze Rezension der hastuzeit zum Buch „Gemischte Gefühle und anderer Zeitvertreib» von Marian Kogler findet ihr ebenfalls in der Ausgabe Nr. 33.

Über Julia Glathe

Erstellt: 04.08. 2010 | Bearbeitet: 23.09. 2010 12:13